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Ampelstreit

Ernährung

Wie wichtig ist der NutriScore?

Rote Lebensmittel weisen auf einen hohen Nährstoffgehalt hin. Was grün ist, assoziiert der Mensch mit einem niedrigen Energiegehalt. Dem Stammhirn galt diese Farbgebung sehr lange Zeit als Orientierung. Erst die Straßenverkehrsordnung hat sie durcheinander gebracht. Die Signalfarbe Rot warnt vor Gefahr. Übertragen beispielsweise auch bei zu viel Salz, Zucker und Fett in Lebensmitteln. Allerdings hat die einstige Farborientierung nur bei Obst und Gemüse geholfen. Schon seit die Menschen mit Hilfe des Feuers kochen lernten, und vor allem verarbeitete Nahrungsmittel in den Regalen stehen, hatte sich die einst „innere Lebensmittelampel“ überholt [1]. Seitdem schlummert sie in den Tiefen des Bewusstseins.

Baustein Nährtwertinfo

Beim Übergang von der Steinzeit- zur „to go“-Diät hat sich die Umgebung des Menschen deutlich geändert. Der sitzende Lebensstil und die allgemeine Verfügbarkeit ausreichender Nahrungsmengen hat die Balance zwischen Energiezufuhr und Energieverbrauch ordentlich gestört. Der Kopf muss für die Erneuerung des Gleichgewichtes einschreiten. Kann er das nicht alleine, hat er es nicht gelernt, könnte die Politik ihm auf die Sprünge helfen. Beispielsweise mit der aktuellen Reduktionsstrategie von Zucker, Fett und Energie. Oder mit einer Farbgebung im Regal, wenn Verbraucher sich innerhalb von Sekunden entscheiden, welches Produkt sie in den Einkaufskorb legen. Der schnellen Orientierung dient eine einfache Ampelkennzeichnung. Sie signalisiert, was ein mathematisches Nährstoffprofil mühsam vorrechnet [2]. Seit mehr als zehn Jahren wird über die „richtige“ Kennzeichnung von Lebensmitteln gestritten und es bleibt immer nur das Fazit: Jede Art der Kennzeichnung bleibt nur Teil der Wirklichkeit. Ein Teil der Wirklichkeit des Produktes und ein Teil der Wirklichkeit des Lebensalltags.

Symbol NutriScore
Prinzip NutriScore

NutriScore

Von Frankreich aus macht seit einiger Zeit das Modell NutriScore Furore und gilt deutschen Ampelmännchen als die zukunftsweisende Lösung. Frankreich hat sich den Einsatz von der EU notifizieren lassen. Unternehmen dürfen sie zusätzlich und freiwillig verwenden. Iglo bekam diese Woche eine einstweilige „rote Karte“ durch das Landgericht Hamburg, weil NutriScore dem Empfinden eines Münchener Vereins nach, gegen den europäischen Wettbewerb und speziell gegen die Lebensmittelinformationsverordnung verstoße [3]. Da treiben harte Bandagen ihr Unwesen in einem Zielkonflikt, der sich wissenschaftlich nicht eindeutig lösen lässt. Übrigens „Unwesen“: Danone prägt den NutriScore seit Februar dieses Jahres auf seine Fruchtzwergen. Und darf die Farbampel weiterhin nutzen.

Gezielt gegen Iglo

Iglo legt Berufung ein. Die einstweilige Verfügung stammt von einem Verein, der vorgibt die Wirtschaft zu vertreten. Außerdem spielt die Verfügung genau den Widerständlern in die Hände, die grundsätzlich eine farbliche Regelung als zu simpel ablehnen und gerade in der gleichen Woche einen eigenen anderen Vorschlag vorlegten: Der Ernährungsindustrie.

Auf Nachfrage von Herd-und-Hof.de distanzierte sich der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) von der einstweiligen Verfügung, die eine Nähe assoziiert, die nicht vorhanden ist.

Zum Vereinsvorsitzenden Michael Weidiger, zum Geschäftsführer Rainer Colberg oder insgesamt zum Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft bestehe „keinerlei Beziehung“, teilte der BLL mit. Zudem ist Iglo, wie auch Danone, Mitgliedsunternehmen des BLL ist. Der Dachverband der Ernährungsindustrie diskutiert das Thema „Lebensmittelampel“ seit 2005 und verfolgt alle Vorschläge, die mit dem so genannten GDA-Modell in Großbritannien begannen. „Das nun binnen Wochenfrist die Vorstellung unseres Vorschlags und die Entscheidung des Landgerichts Hamburg erfolgt sind, ist deshalb reiner Zufall“.

Jetzt werden Gerichte einbezogen

Das Max Rubner-Institut (MRI) hatte Mitte April insgesamt elf Nährwertkennzeichnungen ausführlich untersucht und zollte dem NutriScore ein gutes Ergebnis. Wenn auch strittig ist, ob die Darstellung der Lebensmittelinformationsverordnung entspricht. Der BLL sagt dazu: „So ist die Europäische Kommission der festen Überzeugung, es handele sich nicht um einen Ansatz nach Artikel 35 LMIV, weil es keine Darstellung ist, die den „Brennwert und die Nährstoffmengen gemäß Artikel 30 Absätze 1 bis 5 in anderer Form angegeben und/oder mittels grafischer Formen oder Symbole zusätzlich zu Worten oder Zahlen dargestellt werden“, sondern eine andere Angabe in Form einer Gesamtbewertung des Lebensmittels. Frankreich sieht das anders. Einig ist man sich allerdings, dass es entsprechender nationaler Regelungen zum Nutri-Score bedarf, wie sie in Frankreich und Belgien erlassen worden sind.“

Beim Begriff „nationaler Vorschriften“ kommt in Berlin das Bundesernährungsministerium ins Spiel. Die Deutsche Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK) hat die einstweilige Verfügung zum Anlass genommen, Ministerin Julia Klöckner eine Mitschuld zuzuweisen. Die Mediziner fordern angesichts der Situation bei Übergewicht und Adipositas in Deutschland eine schnelle Entscheidung, wie sie im Koalitionsvertrag für diesen Sommer vorgesehen ist. Die Mediziner fühlen sich durch die MRI-Analyse fachlich gestärkt.

Doch schon Klöckners Vorgänger hatte sich bei den Franzosen erkundigt, wie eine EU-Notifizierung durchgeführt wurde. Denn, so erklärte es die damalige Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Maria Flachsbarth am 21. September 2017 schon: „Aus Sicht der Bundesregierung entspricht der Entwurf eines Erlasses der französischen Regierung zur Festlegung der die Nährwertdeklaration für Lebensmittel ergänzende Angabeform vom 5. April 2017 (so genanntes „Nutri-Score-System“) nicht den Vorgaben des Artikels 35 der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 betreffend die Information der Verbraucher über Lebensmittel (Lebensmittel-Informationsverordnung (LMIV)).“ An dieser Sichtweise hat sich im Ministerium nichts geändert, teilte diesen Mittwoch eine Sprecherin gegenüber Herd-und-Hof.de mit.

BLL-Nährwertmodell

BLL-Modell

Der aktuelle Vorschlag der Ernährungsindustrie kommt ebenfalls wie die aktuellen Nährwertprofile etwas gräulich daher. Auch dieses Modell hat, wie BLL-Präsident Stephan Nießner allen Modellen bescheinigt,  Vor-, aber auch Nachteile. Die Nachteile finden die Kritiker von alleine. Zu den Vorteilen schreibt das BLL:

„Unser Modell beruht auf den vom Europäischen Gesetzgeber anerkannten, wissenschaftlich unbestrittenen und in Anhang XIII Teil B der LMIV niedergelegten Referenzmengen für die Zufuhr von Energie und ausgewählten Nährstoffen, die keine Vitamine und Mineralstoffe sind. Diese lauten für Energie 8.400 kJ/2.000 kcal, Gesamtfett 70 g, gesättigte Fettsäuren 20 g, Kohlenhydrate 260 g, Zucker 90 g, Eiweiß 50 g und Salz 6 g. Die Referenzmengenangaben machen deutlich welchen Anteil ein Lebensmittel an diesen Referenzmengen für die tägliche Aufnahme hat – also etwa 30 Prozent der Kalorien, 20 Prozent des Fetts und so weiter. Unser Model „übersetzt“ nun diese Angaben in eine graphische Darstellung in Form von Tortendiagrammen, die jeder kennt. Eine wichtige Rolle haben bei unserer Entscheidung die Vorgaben des Koalitionsvertrages gespielt, an dem wir uns orientiert haben. Dort heißt es bekanntlich: „Wir werden das Nährwertkennzeichnungssystem für verarbeitete und verpackte Lebensmittel weiterentwickeln, indem das Verhältnis zur Referenzzahl gegebenenfalls vereinfacht visualisiert wird. Wir lehnen uns dabei an bereits bestehende Systeme an.“ Genau das haben wir nun auch gemacht – und uns im Übrigen auch an das 1+4-Modell des Ministeriums angelehnt, das seit 2010 ebenfalls eine Referenzmengengabe empfohlen hat.“

Systemischer Ansatz fehlt

Wie auch immer, bleibt das grundlegende Fazit seit mehr als zehn Jahren dasselbe: Die Kennzeichnung ist nur ein Baustein der Lösung. Der große Gesundheitskongress im März an der TU Berlin zeigte auf, dass Gesundheit und damit auch eine ausgewogene Ernährung nicht nur auf dem bisherigen Baustein der Eigenverantwortung, sondern ebenso durch soziale Einflüsse, Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie allgemeinen Umweltbedingungen entsteht. Mediziner kritisieren das Fehlen eines systemischen Ansatzes. Einer mangelnden Kohärenz zwischen allen Politikbereichen – aber auch verschiedenen Bausteinen für die individuelle Ebene.

Lesestoff:

[1] Grün: Gesund oder Energiearm?: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/die-innere-nahrungsmittelampel.html

[2] Ziel und Realität von Logos gehen auseinander: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/welches-label-haetten-s-denn-gern.html

[3] NutriScore zu transparent? https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/nutriscore-zu-transparent.html

Roland Krieg; Grafiken: Screenshot von der Iglo-Webseite; BLL

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