Aprikosenland Brandenburg

Ernährung

Angepasste Sorten gegen den Klimawandel

10,3 Grad Celsius Durchschnittstemperatur: Eine hervorragende Rieslingsregion. Das kann Brandenburg nach Angaben von Dr. Hilmar Schwärzel vom Klimawandel erwarten. Dr. Schwärzel ist Obstbauer beim Landesamt für Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Flurneuordnung (LVLF) und führte am Samstag nach einem Vortrag über neue Obstsorten die Gäste beim Tag der offenen Tür im Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in die Obstquartiere in Müncheberg bei Berlin.

Kirschen in MünchebergMit Aprikosen und Süßkirschen in die Zukunft
Es gibt viele Optionen für die Brandenburger Landwirtschaft. Neben der Nahrungserzeugung bieten Energiepflanzen und Kurzumtriebsplantagen neue Einkommensquellen in den ländlichen Regionen. Oft vergessen wird der Obst- und Gartenbau. Dr. Schwärzel aus der entsprechenden Abteilung des LVLF weiß um die Wertschöpfung. Auf einen Gartenbaubetrieb der Nachbarschaft kommen 10 Fest- und 80 Saisonarbeitsplätze und mit Bruttoeinkommen von 25.000 bis 40.000 Euro je Hektar Süßkirschen generiert der Gartenbau eine erhebliche Wertschöpfung in den Dörfern. Aber – was heute vielfach angebaut wird sind Kirschen mit viel Stein und wenig Fruchtfleisch.
Nicht nur das Klima, auch das Verbraucherverhalten ändert sich. Heute kocht niemand mehr Dutzende Gläser Aprikosen und Kirschen für das Jahr ein. Die Konsumenten wollen auch nicht mehr nur saisonal und dann gleich kiloweise Obst essen, weil es im eigenen Garten gerade reif ist. Sie wollen Obst „naschen“. Eine Hand voll morgens und abends, das ganze Jahr über. Darauf kann sich der Erwerbsgartenbau in Brandenburg mit dem Hauptabsatzmarkt Berlin gezielt einstellen. Wenn er auf die richtigen Sorten zurückgreift.

Wissen mit Musik
Frisch abgeschlossen wurde das ZALF-Projekt „Wanderstrecken der Knoblauchkröte“, dass die Wissenschaftler am Tag der offenen Tür vorstellten. Aufwendig auf Spurensuche haben Studenten herausgefunden, dass je nach Vegetationsart die Kröten größere Wegstrecken zurücklegen, als in der Literatur bisher beschrieben. Nach Regen sind die Tiere besonders wanderlustig - genau die Zeit, wenn die Bauern den Dünger ausbringen wollen, damit er sich im Boden pflanzenverfügbar auflösen kann. Ein typischer Zielkonflikt Open Air Music am ZALFzwischen Naturschutz und Landwirtschaft, den das ZALF zusammen mit den Landwirten der Umgebung wissenschaftlich erforscht hat. Das Team um Dr. Gert Berger will aus den Ergebnissen einen Leitfaden für Politik und Praxis erstellen.
An der Wasserstation des ZALF demonstrierten die Experten den Gästen die Unterschiede von verschiedenen Wässern. Die elektrische Leitfähigkeit ist ein Hinweis auf die Mineralienmenge im Wasser. Regenwasser hat einen langen Weg hinter sich und kommt gerade auf 15 Millisiemens (mS). Mineralwasser aus dem Laden hat da schon mit 300 mS mehr zu bieten. Oberflächenwasser aus der Nachbarschaft kommt auf 700 mS und Lausitzer Tiefenwasser aus 90 Meter Tiefe schafft über 1.000 mS. Als auch noch der pH-Wert gemessen wurde, lief ein Besucher noch zurück zum Auto, um das „Lebendige Wasser“ prüfen zu lassen, was er sich gerade gekauft hatte. Das sehr harte Wasser kam auf einen vergleichbaren Mineralgehalt wie Mineralwasser.

Kirschbaum ohne physiologisches Gleichgewicht„Standing“ ist gefragt
Der lange und heiße Sommer 2003 mit wenig Niederschlag wird sich klimatisch öfters wiederholen. Obst muss daher die „Hundstage“ überstehen und einen Starkregen aushalten, ohne das die Früchte aufplatzen. Der Winter 2009 war lang und hart mit Temperaturen um die minus 20, in Bodennähe minus 28 Grad. Das hat vielen Obstbäumen zugesetzt. Zudem beginnt die Vegetationsperiode in Brandenburg immer früher und birgt die Gefahr der Spätfröste, die den Blüten schnell den Garaus bereitet. Für Aprikosen- und Kirschbäume ist das eine große Herausforderung, wollen sie ertragreich sein.
Oft wird auf Pflanzmaterial aus dem Mittelmeerraum zurückgegriffen, weil es dem kommenden Klimawandel eher entsprechen soll. Oder: Krischen aus Kanada mit einem Schultermaß von 33 mm. Schön anzuschauen, volle Trauben an den Trieben – doch sichern sie alle den Ertrag nur in den Schönwetterjahren ohne Spätfröste und Starkregen. Die Früchte wachsen quasi in Trauben an belaubten Trieben heran, die buschig nach unten wachsen. Holen sich die Stare die obersten Kirschen, faulen die Rest aus und schon der nächste leichte Regen verfrachtet die Pilzsporen auf alle Kirschen darunter.
Große, aromatische Aprikosen aus dem mediterranen Klima verlieren ihre Marktfähigkeit nach einem Starkregen, wenn sich die Früchte mit dem Wasser voll saugen und aufplatzen bis sich die gesprungenen Ränder sich auf dem Rücken wiedertreffen. Alles nur eingeschränkt tauglich für den Erwerbsgartenbau.
Das Betriebsgeheimnis von Dr. Schwärzel: „Handelsfähig, anbaufähig, anbauwürdig!“ So sind seine Aprikosen (Prunus armeniaca) auf Unterlagen herangezogen, die seit mehr als 25 Jahren aus dem Hallenser Raum lokal gezüchtet werden. Die Bäume belegen ihr „Standing“ durch Selektion in den ungünstigen Jahren und sind winterhart, spätfrosttolerant, wurzeln tief bis in die ersten Lehmbänder des Bodens und - gibt es bereits.
Die künftigen Herausforderungen brauchen neue Sorten. Die Aprikosen in den Münchebergern Obstbaumquartieren sind 60 mm im Durchmesser, wiegen zwischen 75 Gramm (Hilde) und 165 g (Mino).
Dr. Schwärzel zeigte den Besuchern seine Kirschbäume, die in einem physiologischen Gleichgewicht sind. Zwergbäume bis 3,50 Meter groß, einfach vom Boden aus zu beernten, ausgewogenes Frucht- und Blattverhältnis. Um die Bäume in diesem Ertragszustand dauerhaft zu halten werden zwischen 15 und 40 Meter Blatttrieb im Jahr entnommen. Das kann man aber nicht am Reißbrett entwerfen, sondern muss man sehen und „fühlen“. Dr. Schwärzel kennt nicht nur jeden Baum im Obstquartier, sondern scheinbar auch jeden einzelnen Trieb: „Kommen Sie ran, hier wird es interessant!“.

Gefahr nicht nur durch das Klima
Zwischen 80 und 180 dt Kirschen je Hektar tragen seine Bäume, die in anderen Bundesländern sehr begehrt sind. Je Kilo sind „brutto“ zwischen 2,50 und 4,50 Euro drin. Das geht aber nicht mehr auf einer Streuobstwiese. Das gesamte Paket muss stimmen. Vom ausgesuchten Baummaterial bis hin zur Logistik. Bei den kleinrahmigen Kirschbäumen schaffen die Pflücker bis zu 250 Kilogramm am Tag. Vermarktet werden soll die Ernte über einen Club, wie es ihn bei Äpfeln bereits gibt. Auch besondere Vermarktungsformen sind denkbar. In Asien werden sehr große Knupperkirschen in Röhrchen angeboten. Für den exquisiten Snack zwischendurch. Hier können Betriebe Kilopreise von bis zu 35 Euro erzielen.
Allerdings ist das Klima nicht die einzige Herausforderung für den Brandenburger Erwerbsobstbau. Das Potsdamer Agrarministerium baut seit Jahren die Stellen in der Müncheberger Abteilung ab und Dr. Schwärzel hat bereits zwei Liquiditätsbescheide abwehren können. Die Abteilung ist durch knappe Kassen vom Aus bedroht. Dann verzichtet Brandenburg auf den Export qualitativer Züchtungserfolge, die von den Erwerbsobstbauern aus anderen Bundesländer reimportiert werden müsste.

Roland Krieg (Text und Fotos)

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