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Aufklärung statt Werbeverbote

Ernährung

Interview mit Dr. Kohl (BLL) zum peb-Kongress

In Deutschland sind rund 15 Prozent aller 3- bis 17jährigen übergewichtig, jeder zweite ist sogar stark übergewichtig. Das sind etwa zwei Millionen Kinder. Nahrungsüberfluss und zu wenig Bewegung sind neben einer erblichen Veranlagung dafür verantwortlich, schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Diesen Montag hat die Plattform Ernährung und Bewegung in Berlin eine Arbeitstagung über eine effiziente und umfassende  Projektarbeit abgehalten [1].

Über die Tagung, die Verantwortung der Industrie und Ursachen von Übergewicht und Diabetes sprach Herd-und-Hof.de mit Ernährungswissenschaftlerin Dr. Angela Kohl, die beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) die Wissenschaftliche Leitung für die Ernährungspolitik führt.

 

HuH: Der Kongress der Plattform Ernährung und Bewegung will mit seinen „Sieben Berliner Thesen“ eine Neuorientierung für ein gesundes Aufwachsen starten. Morgen sind wir alle gesund?

Dr. Angela Kohl: Das wäre schön. Und erste positive Entwicklungen gibt es ja schon. Die jährlichen Schuleingangsuntersuchungen zeigen einen positiven Trend. Da sind Adipositas und Übergewicht in fast allen Ländern rückläufig.

Wenn die Kinder in die Schule kommen, dann fängt der sitzende Lebensstil an. Vorher bewegen sie sich viel mehr. Das zeigt, dass das Thema Bewegung eine große Rolle spielt.

Wir haben auf dem peb-Kongress gehört, eine Lösung ist nicht ganz so leicht zu finden. Hätte ich die Lösung, bekäme ich wahrscheinlich einen Nobelpreis dafür. Es ist wirklich komplex. Prof. Sharma hatte ein Schaubild gezeigt, das eben sehr schön verdeutlicht, was alles mit rein spielt.

Ursachenkomplex für Adipositas

HuH: … Hier gibt es auch vom Max-Rubner-Institut ein vergleichbares „Wimmelbild“…

Dr. Angela Kohl: Genau, Sie haben da ein vergleichbares Modell.

HuH: Das Schaubild zeigt gemäß der ersten Berliner These den multifaktoriellen Ansatz. Es bietet aber auch die Chance zu sagen, ich bin nicht alleine schuld, sollen doch die anderen ein bisschen mehr machen. Ist das eine Möglichkeit, sich hinter dem Schaubild zu verstecken? Damit spreche ich speziell den Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL )und die „Schwesterorganisation“ die Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) an.

Dr. Angela Kohl: Das ist erst einmal die wissenschaftliche und ganz neutrale Darstellung. Sie zeigt, wie komplex das Thema ist. Da spielen verschiedene Sachen eine Rolle. Die Ernährung, die Genetik…. Das ist eine nüchterne Darstellung. Und da kann auch der BLL nichts daran machen.

HuH: Es gibt so einen schönen Satz: Übergewicht und Diabetes entstehen im Kopf und nicht im Darm. Das geht in die Richtung der Präventionsstrategien. In der Praxis allerdings wird die Kaufentscheidung am Regal nicht vom Kopf, sondern vom Bauch gesteuert. Wie kann die Ernährungsindustrie den Widerspruch auflösen?

Dr. Angela Kohl: Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt vom Bauch gesteuert wird. Ich habe eine Einkaufsliste dabei.

HuH: … das haben die wenigsten …

Dr. Angela Kohl: Das wäre aber hilfreich. Auf jeden Fall ist ein unheimlich großes Angebot an Lebensmitteln vorhanden. Und da ist für jeden etwas dabei. Ich kann mich nach meinen individuellen Bedürfnissen ernähren. Die große Produktvielfalt zur Verfügung zu stellen, ist auch eine Aufgabe der Ernährungsindustrie. Wenn Konsumenten auf bestimmte Dinge achten müssen, wie beispielsweise auf glutenfreie Nahrung oder auf bestimmte Unverträglichkeiten, haben sie die Möglichkeit auszuwählen. Das ist ein ganz großer Vorteil, den wir heute haben.

HuH: Die Ernährungsindustrie reagiert ja mit dem Pledge auf Marketingregeln [2]. Jetzt hat aber der Bundesverband der AOK eine Studie aus Hamburg veröffentlicht, die speziell beim Online-Marketing für Kinder große Defizite aufweist: [3] „Kauf mich“, „Iss mich“, Weiterempfehlungen … Greift online nicht, was Sie meinen offline im Griff zu haben?

Dr. Angela Kohl: Werbung findet nicht im luftleeren Raum statt. Werbung ist in Deutschland für alle Werbeträger, wie Fernsehen, Hörfunk, Kino, Internet, Printmedien oder Außenwerbung, durch eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen detailliert geregelt. So ist zum Beispiel jede irreführende Werbung verboten…

HuH: … auch im Internet? ...

Dr. Angela Kohl: … Ja, das gilt für alle Werbeträger. Es gibt darüber hinaus die Selbstverpflichtungen der Wirtschaft. Verbraucher können sich an den Werberat wenden, wenn sie das Gefühl haben, das ist Werbung, die nicht in Ordnung ist. Über das gesetzliche Verbot der direkten Kaufaufforderung darf an Kinder gerichtete Werbung, gemäß der Regeln des Deutschen Werberates beispielsweise auch keine direkte Aufforderung zum Konsum enthalten. Da gibt es ein großes Netz, das unseres Erachtens ausreichend ist, um Werbung adäquat durchzuführen. Die Werbeverbote, die darüber hinaus oft gefordert werden, stehen auf einem anderen Blatt Papier. Dem liegt zugrunde, es gäbe gesunde und ungesunde Lebensmittel. Verbote teilen ein in „gut“ oder „schlecht“. Diese Einteilung sehen wir nicht als zielführend an.

Damit ändert man kein Ernährungsverhalten. Es ist das A und O, den Menschen zu erreichen. So, dass er am Ende von sich aus sagt, ich folge einem ausgewogenen und gesunden Lebensstil.

HuH: Das klang bei der Studie der AOK ein wenig anders. Es gibt offenbar schwarze Schafe mit Verfehlungen in der Werbung. Nutzung von Cartoons, Gewinnspiele, Produktempfehlungen … Wer ist denn für die schwarzen Schafe verantwortlich? Sie haben ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten für Beschwerden für die Verbraucher aufgezeichnet, aber wäre es nicht primäre Aufgabe der Ernährungsindustrie zu sagen, wir wollen diese oder jene Werbung nicht haben? Sonst überlassen Sie ja die Kritik den Nichtregierungsorganisationen?

Dr. Angela Kohl: Zur Umsetzung des EU-Pledge können am besten dessen Mitglieder Auskunft geben. Es gibt viele Regelungen und Werbung ist kein luftleerer Raum. Es ist auch nicht zielführend, die Kinder unter einer Glasglocke aufwachsen zu lassen. Ich habe selbst einen Sohn von fünf Jahren. Für uns ist es wichtig, dass er eine Medienkompetenz erhält und wir nicht alles von ihm fernhalten. Ihm beibringen, dass er sich ausgewogen ernähren und bewegen soll.

HuH: Sehr interessant war der Vortrag von Prof. Sharma, der sagte, physiologisch kann man beim Thema Übergewicht gar nicht so viel machen. Prof. Rosenbrock führte aus, dass der Eingriff in das „Setting“, die Lebenswelt viel komplexer ist, als man sich das vorstellt. Da könnte doch die Industrie mit ihren Testimonials und Spielen vielleicht doch etwas mehr Verantwortung zeigen?

Dr. Angela Kohl: Die Wirtschaft nimmt in vielen Bereichen ihre Verantwortung wahr. Die Frage impliziert immer etwas grundlegendes, es gäbe gute und schlechte Lebensmittel und ich muss vermeintlich böse Lebensmittel verbieten. Das impliziert auch, Werbung verursacht unmittelbar Übergewicht und Adipositas. Der peb-Kongress hat gezeigt, dass es sehr vielschichtig und nicht so einfach ist, zu sagen, ich habe eine vermeintliche Ursache und die nehme ich jetzt als Lösung für das Problem. Das wäre toll, aber dann würden wir hier gar nicht sitzen und diskutieren.

HuH: Nach Prof. Rosenbrock gibt es die meisten Defizite in der Politik. Teilen Sie seine Meinung, dass der komplexe Sachverhalt in der Politik trotz Präventionsgesetz noch nicht angekommen ist?

Dr. Angela Kohl: Ein ganz wichtiger Punkt ist das Thema Bildung, auch von Kindesbeinen an. Es gilt zu lernen, wie ich mich ausgewogen ernähre und einen ausgewogenen Lebensstil verfolge. Das kann nicht nur mit einem Frontalunterricht erfolgen, die zehn Regeln der DGE zu erlernen [4], sondern muss erfahren werden. Die Politik muss die Möglichkeiten dazu in den Kitas und Schulen schaffen. Auch in der Lehrerausbildung müssen neue Weichen gestellt werden. Das Thema Ernährung muss Gegenstand der Lehrerausbildung werden.

HuH: Ich habe mir die Berliner Thesen schon mal angeschaut. Eine Sache fehlt mir. Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Wir haben in den letzten Jahren viele arabisch oder farsi (Iran) sprechende Menschen hinzubekommen. Könnte der BLL nicht für diese Geflüchteten Informationen in ihren Sprachen zur Verfügung stellen?

Dr. Angela Kohl: Ich nehme das gerne mit auf. Die Wirtschaft nimmt das Thema bereits auf. Ob wir es schaffen, die BLL-Homepage in verschiedenen Sprachen zu übersetzen, kann ich Ihnen aber nicht unmittelbar versprechen.

HuH: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Kohl.

Die Fragen stellte Roland Krieg

Lesestoff:

[1] Sieben Berliner Thesen vom peb-Kongress: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/gesund-aufwachsen.html

[2] www.eu-pledge.eu

[3] Werbung in der digitalen Welt fordert Kinder heraus: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/kindermarketing-im-internet-nimmt-zu.html

[4] Vollwertig essen und trinken nach den zehn Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE): https://www.dge.de/ernaehrungspraxis/vollwertige-ernaehrung/10-regeln-der-dge/

Vorschau auf die 52. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG): https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/das-adipoese-umfeld-aendern.html

Roland Krieg

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