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Bio-Brotboxen: Ja! - Schulobst: Nein?

Ernährung

Bio-Brotboxaktion jetzt international

Am Sonntag war es wieder soweit. Hunderte ehrenamtliche Helfer und politische Schirmherren packten bei Terra Naturkost in Berlin-Tempelhof wieder die Frühstücksboxen für die Erstklässler. In Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bekommt wieder jeder ABC-Schütze ein Frühstücksbox mit einer Scheibe Brot aus Vollkornbäckereien, eine Möhre, einen süßen und einen pikanten Brotaufstrich, eine Käse-Ecke, eine Müsliportion, einen Sesamriegel, Rosinen und einen Kinder-Tee. Eingepackt wird auch ein Milchgutschein, der im Bioladen eingelöst werden kann.

Bio Brotbox 2009Gesundes Frühstück ist Herzensangelegenheit
In diesem Jahr gibt es noch mehr Informationen. Den wiederverwendbaren Boxen liegt zwischen Elbe und Oder der Bio-Einkaufsführer Berlin-Brandenburg sowie eine Einladung zu einem Kindertheaterstück über gesundes Essen bei. Landauf und landab werden Erstklässler in 14 von 16 Bundesländern mit der Bio-Brotbox versorgt. Politische und Sportprominenz verteilen die Boxen auch persönlich an die Kinder. In Potsdam und Berlin ist es Judo-Olympiasiegerin Yvonne Bönisch, in NRW half „Maus-Erfinder“ Armin Maiwald, in Göttingen die Spieler des Basketball-Erstligisten BG 74 und in Wiesbaden ist mit Angela Maurer die Weltmeisterin im Freiwasserschwimmen über 25 Kilometer dabei.
In Berlin gehen rund ein Drittel der Kinder ohne Frühstück in die Schule. Die Bio-Brotbox hilft am ersten Tag aus und vermittelt seit Renate Kuenast2001 das Anliegen der gesunden Ernährung. Da half die damalige Agrarministerin Renate Künast der Domäne Dahlem, mit gesunden und regionalen Lebensmitteln nicht nur ein Frühstück, sondern auch das Thema Ernährung in die Schulen zu tragen.
Am Sonntag sagte Renate Künast, sie gebe sich erst zufrieden, wenn alle Kinder in Deutschland ein kostenfreies Schulessen erhielten.
Insgesamt verpacken und verteilen in diesem Jahr 42 Bio-Brotbox-Gruppen 166.600 Frühstücksboxen. Damit erreichen die Helfer 22 Prozent der Erstklässler in Deutschland. Mit Scharten und St. Pantaleon sind erstmals zwei Gruppen in Österreich dabei und hieven die Aktion auf internationales Niveau.

Gesundes Frühstück oder gesunder Haushalt?
Schon im letzten Jahr betonte Dr. Michael Bürsch, Vorsitzender des Bundestagsausschusses „Bürgerliches Engagement“, dass die ehrenamtliche Hilfe effektiver sein kann als die Politik. Da ahnte er allerdings noch nicht, dass die Bundesländer ihm in diesem Jahr Recht gaben. Die Umsetzung des EU-Schulobstprogramms scheiterte im Bundesrat, was beim Städte- und Gemeindebund sowie auch bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung auf heftige Kritik stieß.
In der letzten Woche hat sich auch Manfred Nüssel, Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes zu Wort gemeldet. In einem Brief an Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner habe er auf eine Einigung im Vermittlungsausschuss am morgigen Dienstag gedrängt. „Es wäre fatal, wenn sich die Politik im föderativen System der Bundesrepublik nicht auf die Kofinanzierung des EU-Schulobstprogramms in Höhe von 20 Millionen Euro einigen könnte. Weder die Schulkinder noch ihre Eltern, aber auch weite Teile der Gesellschaft würden nicht verstehen, wenn es bei dieser Nicht-Einigung bliebe.“
Der Bund sieht die Länder in der Finanzierungspflicht. Peter Bleser, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Ernährung der CDU/CSU hält die Kofinanzierung für Ländersache, weil das Schulobstprogramm „einen großen Beitrag zur Vermittlung von Ernährungswissen leisten“ könne. Das sei Aufgabe des Bildungssektors und damit Ländersache.
Da das Schulobstprogramm aber auch die Funktion der Marktentlastung beinhaltet, sieht beispielsweise Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Dr. Till Backhaus den Bund in der Finanzierungspflicht: „Das europäische Schulobstprogramm ist eindeutig als Maßnahme zur Verbesserung der Marktstruktur gekennzeichnet. Insofern ist die Kofinanzierung ganz klar eine Aufgabe des Bundes. Wenn es Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner ernst meint mit der gesunden Ernährung der Schüler, muss sie sich auch finanziell an der Umsetzung des Programms beteiligen“, sagte Backhaus Ende August.

Kindermägen gegen Kompetenzgerangel
Am Dienstag abend berät der Vermittlungsausschuss im Bundesrat über die Zukunft des Schulobstgesetzes in Deutschland. Am Rande der Packaktion in Tempelhof erklärte Renate Künast Herd-und-Hof.de den Unterschied zwischen der erfolgreichen Bio-Brotboxaktion und dem Schulobstprogramm. Den Anfang machte 2001 die Packaktion im Hinterzimmer eines Restaurants und wurde groß durch die Katrin Lompscherehrenamtliche Tätigkeit der beteiligten Menschen, die von ihrer Arbeit überzeugt sind. Das soziale Engagement zeichnet die Aktion aus, so Künast.
Katrin Lompscher, Berliner Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz wünscht sich eine Einigung am Dienstag abend. Aber das sei eigentlich die Aufgabe der Bildungsminister. Auf Berlin kämen Kosten in Höhe von 620.000 Euro zu, was, so Lompscher zu Herd-und-Hof.de, „nicht trivial“ ist. Für Deutschland beträgt die Summe der Kofinanzierung 12,6 Millionen Euro.

10.000 Boxen je Stunde
In Tempelhof haben am Sonntag Vormittag rund 500 Helfer 53.000 Bio-Brotboxen für alle Erstklässler in Berlin und Brandenburg gepackt. Etwa fünf Stunden haben sie dafür gebraucht. Die beteiligten Unternehmen haben trotz Wirtschaftskrise rund 300.000 Euro aufgebracht.

Lesestoff:
2006 feierte die Bio-Brotbox-Aktion fünfjähriges Jubiläum.
2009 gibt es in Deutschland 41 Regionen, Kommunen und Städte, die an der Aktion teilnehmen. 17 davon tragen den Zusatz „neu“. Alle Informationen: www.bio-brotbox.de

Roland Krieg (Text und Fotos)

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