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Böser Cocktail

Ernährung

Warentest prüft Schlankheitsmittel

Wenn die Sonnenstrahlen bleiben wird die dicke Winterkleidung eingemottet und die Figur so sichtbar, wie sie den Vorstellungen für einen Frühling nicht mehr entspricht. Das Internet bietet den schnellsten Zugriff auf Schlankheitspillen, die unglaubliches Versprechen: „Sie verbrennen ihr Fett, während sie schlafen, essen, arbeiten, faulenzen!“ Die Stiftung Warentest hat sich jetzt 16 Heil versprechenden Mittel ins Haus geholt, im Labor den Inhalt untersucht und das erschreckende Ergebnis gestern in Berlin vorgestellt.

Rezeptpflichtige Bestandteile
Von den 16 über das Internet aus der ganzen Welt bestellten Pillen und Kapseln stellen 13 wegen ihrer Inhaltsstoffe „eine hohe oder sogar sehr hohe Gefahr dar“, fasste Carl-Friedrich Theill, Leiter des Ressorts Gesundheit in „test“ zusammen. Viele Produkte sind Nahrungsergänzungsmittel mit Pflanzenbestandteilen aus Lotusblume oder Kokos. Doch diese Stoffe sind in Deutschland aus gutem Grund rezeptpflichtig, denn sie können Schlaflosigkeit, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck und Abhängigkeit bewirken.
Bestandteile wie Ephedrin, beispielsweise aus dem in Nordchina wachsenden Ephedra-sinica-Strauchs, sind aufputschend und suchterregend. Die amerikanische Arzneimittelbehörde hatte bereits hunderte Erkrankungen und zehn Todesfälle dokumentiert, als Deutschland den Stoff unter Rezeptpflicht stellte. Noch gefährlicher ist es, wenn Koffein den Kapseln zugegeben ist, um die Wirkung von Ephedrin zu verstärken: Zwei Kapseln des Mittels ThermoGenesis entsprechen der Dosis von zehn Tassen Kaffee. Der häufig gefundene Wirkstoff Sibutramin ist in Italien nach zwei Todesfällen vom Markt genommen worden, wird in Deutschland nur unter ärztlicher Aufsicht bei krankhafter Fettleibigkeit eingesetzt, soll nach dem Willen der amerikanischen Verbraucherorganisation Public Citizen verboten werden, ist aber über das Internet unkontrolliert zu bestellen.

Einnahme im Blindflug
Es ist aber nicht nur die Unkenntnis der Verbraucher über einzelne Substanzen und Wirkstoffe. Die Warentester kritisieren vor allem, dass die Zusammensetzung auf den Packungen nicht vollständig, inhaltlich falsch oder ausschließlich in kyrillischer oder chinesischer Schrift angegeben ist. Die Versender sitzen häufig in Fernost und lassen die Ware über Zwischenhändler in Europa verteilen. „Die Schlankmacher kommen auch als lose Ware im Plastiktütchen ins Haus.“ Dabei gibt es, so Theill, keine Einnahmeempfehlungen.
Für 13 Produkte, die in test 4/2007 ausführlich vorgestellt sind, wurde eine „hohe“ und „sehr hohe“ Gesundheitsgefährdung ausgesprochen. Für die restlichen drei will die Stiftung Warentest aber keine Entwarnung geben, weil über deren Inhaltsstoffe viel zu wenig bekannt ist, ergänzte Dr. Ursula Loggen, Leiterin der Abteilung Produkttests. Alle untersuchten Mittel müssten als Arzneimittel zugelassen werden. Das dennoch auch mit Rabatten angepriesene Mittel nach bekannt gewordenen Todesfällen weiter angeboten werden, hält sie skrupellos und illegal.

Verführerische Werbung
Parallel zur pharmakologischen Untersuchung wurde unter 3.000 Newsletter-Abonnenten der Stiftung eine Umfrage durchgeführt. Mehr als 50 Prozent der Leser haben bekannt, in den beiden letzten Jahren Schlankheitsmittel eingenommen zu haben und 14 Prozent auch, dass sie die Produkte aus dem Internet bezogen haben. Für zwei Drittel der Nutzer war dabei die Werbung mit ihren verführerischen Versprechen für den Kauf ausschlaggebend. Darüber sprach Herd-und-Hof.de mit Anke Scheiber, die für die Online-Befragung zuständig ist. Denn es gibt zwei unterschiedliche Ansätze für das Verhältnis von Werbung und Verbraucher. Die Industrie unterstellt dem Verbraucher, ein wissendes und aufgeklärtes Wesen zu sein, das Realität und Werbeversprechen unterscheiden kann. Die Verbraucherschützer möchten die Industrie stärker kontrollieren und den Verbraucher vor Werbung schützen. So wird es Werbung aber immer geben, sagte Anke Scheiber. Wichtig sei es, dort einzuschreiten, wo Verbraucher in die Irre geführt werden. Und das ist bei den Schlankheitsmittel der Fall. Die von der EU geplanten Health Claims, die ab diesem Sommer mit Ernährungsprofilen Lebensmittel beschreiben, sind nach Ansicht von Scheiber der richtige Weg.

Es gibt nur einen Weg, schlank zu bleiben
Der Markt für Schlankheitsmittel wächst, was Carl-Friedrich Theill am Indikator Zollmaßnahmen festmachen konnte. Von dem Mittel Sibutramin wurden vor zwei Jahren noch 125.000 illegal importierte Kapseln beschlagnahmt – im letzten Jahr waren es bereits mehr als eine Million. Bedenklich ist dabei, dass es eine „Metamorphose unter den Namen“ gebe, wie Dr. Loggen beobachtete. Gerät ein Mittel in Kritik der Öffentlichkeit, dann wird es unter anderem Namen weiter verkauft.
Einige dieser Mittel wirken in der Tat durch ihre aufputschende Wirkung wie eine Essbremse, aber nur bis zur ersten Essattacke. Dann, so Theill, bleiben nur noch die Nebenwirkungen. „Die Wirkungsweise von Nahrungsergänzungsmitteln ist äußerst begrenzt.“ Die 50 bis 150 Euro im Monat, die Verbraucher dafür ausgeben, könne man sich sparen.
Generell haben Diät-Ratgeber und Bücher in dieser Jahreszeit Konjunktur, doch die Inhalte sind nicht wirklich neu – Das hatte die Stiftung Warentest in ihrem Extraheft 2005 „Schlank und Fit“ festgestellt, dass 90 Diäten unter die Lupe nahm.
Diätbücher und Schlankheitspillen sind meist nur für Autoren und Händler erfolgreich. Es gibt nur einen Weg, die Energiebilanz im Gleichgewicht zu halten: weniger Kalorien zu sich nehmen und mit Sport mehr Kalorien verbrennen. Dann klappt es auch wieder mit den Sommersachen.

Roland Krieg

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