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Den Überschuss einfangen

Ernährung

„Die Tafeln“ in Berlin

Essen gibt es heute überall „to go“. Wer sich auf eine Reise durch die Republik macht, kümmert sich kaum noch um ein Lunchpaket. Vor 50 Jahren noch undenkbar. Der städtische Kühlschrank: Überwiegend für gekühlte Getränke, ein bisschen Wurst, Käse, Butter und Joghurt und der Lebensmitteleinkauf produziert mehr Müll für die gelbe Tonne als organischen Abfall für den Komposthaufen.
Und vielleicht hat man im Bekanntenkreis noch Menschen, denen es körperlich fast schmerzt, Essen weg zu werfen. Das „brave Aufessen“, Einkochen für den Winter und Vorratshaltung wirken heute anachronistisch und stammen aus den Jahrtausenden, in der Essen knapp und wertvoll war. Und für manche immer noch ist.

Essen, wo es hingehört
Cumarin in Zimt? Das ist kein Thema. Marion Jüstel musste lachen.
Fachtagungen kreisen heute um Genuss, Gentechnik, Ernährungserziehung oder Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Aber engagierte Frauen in den USA hatten einmal begonnen, den Überschuss an Lebensmitteln zu sammeln und an die Menschen zu verteilen, die kein tägliches Brot haben. Die Tafeln wurden dann 1993 auch in Deutschland gegründet und geben Lebensmittelspenden an Bedürftige weiter. Heute gibt es in jeder Stadt mit über 100.000 Einwohnern eine, beschreibt die Pressereferentin der im Aufbau befindlichen Geschäftsstelle.
Richtig losgegangen ist es mit den Tafelgründungen ab 2003. In den ersten zehn Jahren gab es 320 – heute sind es bereits 630 Tafeln, 140 sind angefragt und „das ist noch nicht das Ende“.
Die Tafeln sind nach eigenen Angaben „eine der großen Erfolgsgeschichten des Sozial-Sponsorings in Deutschland“. Fast alle Essensausgabe in NienburgSupermarktketten, viele Wochenmärkte, kleine Bäcker und Gemüsehändler geben an die Tafeln Waren ab, die nicht abgelaufen, aber nicht mehr verkauft werden können. Einzelne Firmen lassen falsch etikettierte Ware von den Tafeln abholen, die nur deswegen nicht mehr verkauft werden kann, weil Aufdruck und Inhalt nicht mehr übereinstimmen. „Das möchte man noch mehr ausbauen“, wünscht sich Marion Jüstel. „Jeder gibt was er kann.“ Tankstellen helfen bei Tafel-Fahrzeugen mit preiswerterem Benzin, der ADAC vergibt verbilligte Schutzbriefe, die Metro hilft beim Aufbau der Geschäftsstelle und Reifenhersteller geben schon mal einen Satz Winterreifen ab. Hier sind fast unsichtbar große Teile der Gesellschaft in Bewegung.

Belastbare Daten fehlen
Die Erfolge der Hilfe sollen aber nicht über die Tragik ihrer Notwendigkeit hinwegtäuschen. Zwar halten sich in der Öffentlichkeit Bilder, dass die Tafeln überwiegend in der Obdachlosenhilfe tätig sind. Aber das sind nur noch elf Prozent der Bedürftigen.
Rund 500.000 Menschen können an den über 1.200 Ausgabestellen ihre Lebensmittel kaufen. Diese werden in Kisten zusammen gestellt und müssen mit dem symbolischen Preis von einem Euro bezahlt werden. Es wird nichts verschenkt. In den Genuss kommen nur diejenigen, die ihre Bedürftigkeit auch nachweisen können. Das sind zu 41 Prozent Empfänger von Hartz IV oder Sozialhilfe. Die größte Gruppe aber sind mit 48 Prozent Rentner, Migranten und vor allem Alleinerziehende.
Zwar gebe es Beobachtungen, dass die Ausweitung der Tafeln in den letzten Jahren mit Hartz IV zusammen hinge, aber, so Jüstel, genaue belastbare statistische Daten fehlen: Wie viel, was an wen abgegeben wird, müsse noch untersucht werden.
Tafeln gibt es auch auf dem Land. Aber zum einen sind die Logistik und Kosten der Verteilung in der Fläche höher als in der Stadt und, so die Spekulation, Menschen zeigen ihre Bedürftigkeit nicht so offen.
Zwei Trends zeichnen sich in den letzten Jahren ab: Neben der steigenden Anzahl der Bedürftigen, sind ein Drittel der Versorgten schon Kinder. Immer mehr Schüler gehen ohne Essen aus dem Haus und bekommen auch dort keine richtigen Mahlzeiten. Deswegen entstehen, sowie gerade auch in Berlin, Kinderprojekte, die aber auch noch gegen ganz andere Vorbehalte zu kämpfen haben. Schauen sich manche Menschen vor dem Betreten der Ausgabestellen noch schnell um, ob sie nicht von Nachbarn gesehen werden, so gilt das für Kinder und Jugendliche ganz besonders.

Der Staat bleibt in der Verantwortung
100.000 Tonnen Lebensmittel werden jährlich von etwa 25.000 Ehrenamtlichen verteilt. Das sind viele Menschen „im zweiten Aufbruch“, kurz nach Rentenanfang, die Zeit und Lust haben sich zu engagieren. Die Tafeln kommen dabei ganz ohne Steuergelder aus und arbeiten nur mit Lebensmittelspenden, Spenden und freiwilligen privatwirtschaftlichen Vergünstigungen. Ein Sozialamt wollte jemandem die Gelder kürzen, weil „er ja zu den Tafeln gehen kann“. Der Staat wurde dabei aber nicht aus seiner Verantwortung gelassen: Die Gelder durften nicht gekürzt werden.
Sich zu positionieren, den Trend steigender Bedürftigenzahlen auffangen, gemeinsame Plakate und Aktionen aufbauen oder nur Internetseiten für die regionalen Tafeln erstellen. Das zu koordinieren ist Aufgabe der Berliner Geschäftsstelle des 1995 gegründeten Bundesverbandes.

Lebendige Regionen
Auch das Thema Vollwerternährung steht bei den Tafeln nicht ganz oben an. Es gehe ja mehr um eine unterstützende Beköstigung. Da spiegeln die Tafeln durchaus ihre Regionalität wieder. Brot, Obst und Gemüse, Milch und Molkereiprodukte haben sowieso schon den größten Durchlauf, aber die Küstenregionen bieten den Menschen eben auch mehr Fisch an. Als im Nürnberger Land ein Teichwirt seine überzähligen Fische loswerden musste, profitierten acht Tafeln, von denen die Helfer die Fische gleich am Ufer frisch ausgenommen hatten. Stellt ein Bauer schon mal einen Acker zur Verfügung, dann pflanzen die Ehrenamtlichen sogar „Tafel“kartoffeln. Nach Weihnachten ist dann Schokoladenzeit.
Und: Die Tafeln zeigen noch etwas ganz anderes. Die meisten Verbraucher kennen beispielsweise Geflügelsalami nur in genormter und handlicher Größe. Die kleiner werdenden "Enden und Fitzelchen" finden keinen Platz mehr in den Regalen und Truhen. Sie würden wohl auch liegen bleiben, obwohl sie die gleiche Qualität aufweisen, wie die Kernstücke. Die Tafeln freuen sich darauf.

Die TafelnWer sich ehrenamtlich engagieren und Firmen, die Lebensmittel oder andere Hilfe leisten möchten, finden alle weiteren Informationen unter www.tafel.de.

Roland Krieg

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