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Der Bauch entscheidet

Ernährung

Dick ist nicht gleich dick

Galt noch bis in jüngster Zeit, dass alle Menschen, die übergewichtig oder stark übergewichtig (adipös) sind, ein großes Risiko haben, an Diabetes Typ 2 und Bluthochdruck mit seinen Folgen Schlaganfall, Herzinfarkt und Nierenschäden zu erkranken, sieht die Medizin das heute auf Grund neuester Erkenntnisse differenzierter.

BMI sagt nicht alles
Der Body Mass Index (BMI) errechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm, durch die Körpergröße in Metern zweimal dividiert. Als übergewichtig gilt, wer laut Weltgesundheitsorganisation WHO einen BMI von über 25 hat, als adipös wer einen BMI von über 30 aufweist. ?Der BMI gilt weiterhin als Richtschnur, um festzustellen, ob jemand wirklich dick ist. Ärzte sollten bei ihren Patienten jedoch zusätzlich auch auf die Fettverteilung achten.? Das forderte Prof. Arya Sharma von der McMaster University in Ontario, Kanada, auf einem Internationalen Symposium des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch Ende Oktober. Entscheidend ist viel mehr, an welchen Stellen der Körper das überschüssige Fett einlagert. Gefährlich sind vor allem Bauch und Taille, die früher freundlich als ?Embonpoint? bezeichnet wurden. Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort ?in guter Verfassung? im Sinne von Beleibtheit und Korpulenz. Flapsig durchaus auch als ?coole Wampe? gemeint und als Zeichen des Wohlstands interpretiert. Fettzellen allerdings produzieren eine Vielzahl an Substanzen, die direkt das Herz-Kreislauf-System und die Nieren schädigen. Vor allem die Fettzellen des Bauchgewebes sind besonders stoffwechselaktiv und produzieren Hormone und Botenstoffe (Adipokine), die in größerem Maße Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 und erhöhte Blutfettwerte hervorrufen.

Jeder sechste in der Welt hat Übergewicht
Übergewicht gibt es nicht nur in den Industrie-, sondern vermehrt in den Entwicklungsländern und ist damit nach Angaben der WHO zu einem weltweiten Problem geworden. In den Entwicklungsländern existieren Überfluss und Hunger nebeneinander. Allein 2005 schätzt die UN sterben 6,2 Millionen Menschen an Hunger und den damit verbundenen Folgeerkrankungen. Übergewichtig sind rund eine Milliarde Menschen, wobei 300 Millionen adipös sind. In Deutschland sind es 16 Millionen Menschen, die zu dick sind, was einem Anteil von 20 Prozent entspricht. Zusammen mit Griechenland, Slowakei, Tschechien, Finnland, Malta und Zypern haben die Deutschen bereits amerikanische Körperfülle erreicht. Die EU schätzt, dass zwischen zwei und acht Prozent der Gesundheitskosten auf das Behandlungskonto von Übergewicht geht.

Stadt macht dick
Der zunehmende städtische Lebensstil mit mangelnder Bewegung, zu reichlichem und fetten Essen bei überwiegend sitzender Tätigkeit, hat dazu geführt, dass die Menschen ihre überschüssigen Pfunde nicht mehr loswerden. Bluthochdruck und ?Altersdiabetes? beobachten Ärzte bereits bei Kindern. Die Mediziner sorgen sich, dass Kinder nicht nur weniger gesund als ihre Eltern sind, sondern auch bereits eine kürzere Lebenserwartung aufweisen werden, blickte Prof. Jan Olshansky von der School for Public Health an der Universität von Illinois in die Zukunft.
Die Forderung der Mediziner ist einfach: Runter mit dem Gewicht und runter mit den Bauchspeckrollen. Allerdings ist Abnehmen leichter gesagt, als getan. Oft genug haben die meisten Menschen die mühsam abgearbeiteten Pfunde bald wieder drauf: "Allein die Patienten für diesen mangelnden erfolg verantwortlich zu machen, wäre zu einfach", nimmt Prof. Sharma die Patienten in Schutz. "Genetische Faktoren spielen bei der Regulierung des Körpergewichts ebenso eine Rolle, wie die Fettzellen selbst. Auch erschwert die medikamentöse Behandlung des Bluthochdrucks und des Diabetes oft das Abnehmen."

Die medizinische Lösung
Auf dem Symposium in Berlin-Buch wurde eine völlig neue Stoffgruppe vorgestellt, die als Appetitzügler in Frage kommen könnte. Die Stoffgruppe blockiert das Hungergefühl und verbessert die Blutfettwerte. Der Stoff greift genau dort ein, wo das Hungergefühl entsteht, im so genannten Endocannabinoid-System (ECS). Endocannabinoide sind körpereigene Cannabis(Haschisch)-ähnliche Substanzen, die bei Stress, Hunger und Schmerzempfinden ausgeschüttet werden, erläuterte Prof. Vincenzo di Marzo vom Institut für Biomolekulare Chemie des Italienischen Forschungsrates. Zwei Stoffe sind bereits bekannt ? einer davon heißt Anandamid. Der Name stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Seligkeit. Den Stoff entdeckten die Mediziner bei der Untersuchung, wie Haschisch wirkt. Bei Hunger schüttet der Organismus vermehrt Anandamid aus, weswegen Haschischraucher häufig regelrechte Hungerattacken haben.
Es gibt im Gehirn Rezeptoren für Cannabinoide und auch im Fettgewebe. Sie sind "offenbar für die Nahrungsaufnahme nach einer Hungerperiode verantwortlich und sorgen dafür, dass das Fett in den Fettzellen deponiert wird", erklärte di Marzo. Mit der Reserve soll die nächste Hungerperiode überstanden werden. Je mehr man isst, desto aktiver sind die Rezeptoren. Neben der Wissenschaft beschäftigt sich natürlich die Industrie mit diesem Thema, denn der Markt für Medikamente ist riesig und verspricht sehr gute Verdienste.

Die Lösung der Vernunft
Gerade jetzt denken viele Verbraucher bereits mit Schauder an die kommenden Festtage und stöhnen über die zu erwartenden Pfunde, die vor der nächsten Bikinisaison wieder verschwinden sollen. Allerdings sind es nicht die zehn Tage zwischen den Jahren, die eine Figur ruinieren können, sondern die 255 Tage davor. Die Lösung der Vernunft setzt bereits ein, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Denn ob ?Zuckerknacker?, ?Fatburner? oder ?Trennkost?: die Erfinder immer neuer Rezepte sind bei der Namensauswahl fantasievoll. ?Für die meisten der 1.000 Ernährungsstrategien, die auf dem Markt kursieren, gibt es jedoch keine oder nur wenig gesicherte Erkenntnis über deren Wirkung, stellte Prof. Dr. Gerhard Jahreis auf der 13. Ernährungsfachtagung der Thüringer Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) fest. Er leitet das Institut für Ernährungswissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Einen Wandel in den Ernährungsempfehlungen zur Vorbeugung von Herzkreislauferkrankungen beschrieb Prof. Dr. Ursel Wahrburg von der Fachhochschule Münster. Zwar sei die zentrale Bedeutung zur Vorbeugung eindeutig, ein Wirksamkeitsnachweis für die meisten Einzelnährstoffe fehle jedoch bislang. Nach neuesten Erkenntnissen werde ?nicht grundsätzlich eine fettarmen Kost empfohlen, sondern der Schwerpunkt auf eine Modifizierung der Fettzufuhr zugunsten der einfach ungesättigten Fettsäuren und der Omega-3-Fettsäuren gelegt". Ähnliches gelte für die Kohlenhydrate, die durchaus mehr verbraucht werden können, wenn sie mit ballaststoffreichen Lebensmitteln und nur zu einem kleinen Teil mit Weißmehlprodukten und Zucker aufgenommen werden. Generell seien einseitige Betrachtungsweisen abzulehnen, fasste Prof. Jahreis zusammen. ?Bei der Ernährung ist eine ausgeglichene Energiebilanz wichtig, die weder durch eine Fett verachtende noch durch eine extrem kohlenhydratreduzierte Kost erreicht wird." Zudem müsse sowohl bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen als auch bei Diabetes mellitus als Folgeerkrankung bei Übergewicht die richtige Ernährung durch aktives Bewegungstraining ergänzt werden", ergänzte Dr. Helmut Oberritter von der DGE.
Warum allerdings trotzdem immer mehr Menschen übergewichtig werden, liegt zum Teil auch an den falschen Kommunikationsstrategien, wie im Sommer die Fachtagung der DGE in Mecklenburg Vorpommern aufzeigte. So sollte nicht der Mensch, sondern sein Handeln verbessert werden. Wer zwangsweise mehr laufen soll, der verliert schnell die Lust. Kinder haben noch den Spaß am herumtollen. Und wer zur nahen Arbeit auch mal wieder mit dem Rad fährt, verbrennt auch den warmen Croissant zum Frühstück.

VLE

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