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Der ewige Kampf um die Gesundheit

Ernährung

Präventionsgesetz zwischen „Heiß“ und „Kalt“

Im Jahr 1968 setzte der amerikanische Psychologe Walter Mischler ein Kind vor einen Marshmello. Würde es 20 Minuten lang auf dessen Genuss verzichten können, dann erhält es einen zweiten dazu. 47 Jahre später erscheint sein Buch „Der Marshmellow-Test“, das sich kaum noch um die eigentliche Prüfung kümmert [1]. Es geht mehr um das „heiße“ und das „kalte“ System und was sich aus seinem Test heraus entwickelt hat.

Das „heiße“ System steuert Gefühle, Angst und Appetit. Das „kalte“ System hat das Gehirn in der Evolution entwickelt und sorgt für Verstand und Reflektion. Beim Anblick auf den Marshmellow kämpfen beide Systeme gegeneinander. Und selbst, wenn das Kind weiß, dass ein „schlaues Kind“ warten würde, greift ein „erhitztes“ Kind dennoch zur Süßigkeit.

Ernährungsbedingte Erkrankungen

Ein Stückchen dieser Schaumzuckerware ist kein Problem, aber sehr viele dieser Leckereien, die in Deutschland als Mäusespeck verkauft werden, schon. Das hochzuckerhaltige Teil ist das Symbol für jegliche wissentliche Unbeherrschtheit gegenüber Tabak, Alkohol oder Zucker und Salz. Krank ist man schnell – für die Gesundheit muss man aber kämpfen. Und da liegt etliches im Argen, wie die OECD erst in dieser Woche wiederholt eindringlich aufgezeigt hat [2]. Der neueste Bericht weist Herz-Kreislauferkrankungen als Haupttodesursache in den OECD-Ländern auf, die durch Diabetes und Übergewicht stark beschleunigt werden. 85 Millionen Menschen in den OECD-Ländern leiden allein an Diabetes. Das sind sieben Prozent aller Menschen zwischen 20 und 79 Jahren. In den nächsten 15 Jahren wird die Zahl um 27 Prozent steigen.


Natürlich sind die Empfehlungen nicht neu: Gesündere Lebensstile propagieren, Prävention betreiben, einen nationalen Rahmen für Versorgung und Qualitätskontrolle sichern und jeden einzigen kleinen Aspekt bei Erkrankungen beachten: Denn: Die Gesundheitskette ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied.

Präventionsgesetz

Den vorigen Abschnitt übersetzt die Regierungskoalition so: „Mit dem Gesetzentwurf ist beabsichtigt, die Gesundheitsförderung und Prävention insbesondere in den Lebenswelten der Bürgerinnen und Bürger zu stärken, die Wirksamkeit und Qualität von Präventionsmaßnahmen sicherzustellen, die Leistungen der Krankenkassen zur Früherkennung von Krankheiten weiterzuentwickeln und das Zusammenwirken von betrieblicher Gesundheitsförderung und Arbeitsschutz zu verbessern.“ So begründet schwarz-rot das Präventionsgesetz, das nach zehn Jahren endlich am Donnerstag in zweiter und dritter Lesung den Bundestag passierte. Natürlich geht es nicht nur um die Ernährung. Es geht um den Veränderung des gesamten Krankheitsspektrums durch den demografischen Wandel, um chronisch-degenerative und psychische Erkrankungen und um eine effektive Gesundheitsförderung.

Warum das so lange dauerte, erklärte Rudolf Henke (CDU). Lange wurden „falsche Polarisierungen“ diskutiert. Jetzt aber läge ein Gemeinschaftswerk vor. Es gehe nicht mehr um Verhaltens- oder Verhältnisprävention, Vermeidung von Krankheiten oder Förderung der Gesundheit, ist es eine politische, medizinische oder Aufgabe der Sozialkassen, müsse die Gesellschaft umgebaut werden oder das Lebensverhältnis jedes Einzelnen? Das vorliegende Gesetz, so Henke, überwinde falschen Frontstellungen.

Jetzt hofft die Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, Ingrid Fischbach (CDU), dass das Gesetz auch den Bundesrat passiert. Der „überfällige Schritt“ werde dort ansetzen, wo die Menschen zu Hause sind: In der Kita, der Schule, auf der Arbeit, in der Stadt und im Quartier. Das Kind werde nicht mehr nur als Kind, sondern als Kind in seinem Umfeld angesehen.

Bislang fehlten gemeinsame Ziele, die obendrein nicht gebündelt waren, beklagte Prof. Dr. Karl Lauterbach von der SPD. Ein Impfzwang könne beispielsweise nicht vermittel werden – aber der Ausschluss eines nicht geimpften Kindes von der Beschulung, erläuterte er den Weg, den das Präventionsgesetz vorgeben soll.

Allerdings verharre das Gesetz für Kordula Schulz-Asche (Bündnis 90/Die Grünen) noch immer in der alten Logik der individuellen Schuldzuweisung. Lobbyinteressen verschieben die Verantwortung auf Kassen, Kranke und Ärzte.

Was das Gesetz am Ende wirklich leisten kann, wird sich zeigen, verspricht Helga Kühn-Mengel (SPD): „Vieles ist mit diesem Gesetz möglich.“ Aber nur ein Drittel sei Medizin. Lücken und Unterversorgung gebe es vor allem im nichtmedizinischen Bereich. Mit Hilfe des Gesetzes könnten Politiker und Kommunen an verschiedenen Wirkverhältnissen arbeiten. „Das Gesetz biete Raum für nationale Präventionsstrategien, wie für Diabetes“, sagte die Gesundheitspolitikerin.

Nationaler Diabetesplan?

Zum Thema Diabetes mellitus Typ 2 steht im Gesetz nur, dass das Erkrankungsrisiko gesenkt werden soll. Erkrankte sollen früh erkannt und behandelt werden. Der Gesundheitsausschuss hat den Textentwurf unverändert übernommen. Das haben die Sozialdemokraten auch so gefordert – aber nicht auf Länderebene.

Vor allem der Anstieg übergewichtiger Menschen und Diabetes-Erkrankungen scheint eine Sonderrolle einnehmen zu müssen, die mit einem eigenen Nationalen Diabetesplan ausgefüllt werden sollte. Das ist das Ergebnis der Tagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft im Mai dieses Jahres.

Auch das ist nicht neu und war bereits 2014 Thema im Bundesrat, wo das Präventionsgesetz ja erst noch hin muss. Auf Antrag der Länder Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern fasste die Länderkammer eine Entschließung für ein Präventionsgesetz und einen Nationalen Diabetesplan. Kristin Alheit (SPD), Gesundheitsministerin in Schleswig-Holstein, befürwortete eine Extra-Strategie, weil in Deutschland jährlich 270.000 Menschen neu an Diabetes erkranken. Kinder und Jugendliche sind immer früher betroffen. Der Ressourcenbedarf allein für diese Krankheit müsse richtig erfasst werden und erste Länderinitiativen wie in Bayern und Schleswig-Holstein gibt es bereits. Alheit kann sich ein Nebeneinander von Präventionsgesetz und Nationalem Diabetesplan vorstellen.

Das hat allerdings nur die Union aufgenommen. Dietrich Monstadt und Michael Hennrich (CDU) haben nach einem Positionspapier Diabetes mellitus im letzten Jahr einen Initiativantrag formuliert, den sie gerne zusammen mit den Sozialdemokraten in den Bundestag einbringen würden [3]. Doch im Gegensatz zu den Länderkollegen wolle sich die Bundes-SPD daran nicht beteiligen. Danach von Herd-und-Hof.de befragt, verschloss sie sich einer Antwort. Auch keine Gegenäußerung zum Vorschlag des Bundesrates.

So bleibt auch nach Verabschiedung des Präventionsgesetzes offen, was alles zu den Lebenswelten der Bürger dazugehört. Sind es nur Schulen und Arbeitsplätze? Was ist mit Sportidolen, die Werbung für salzige Süßigkeiten machen? Was ist mit einer Reduktionsstrategie von Salz und Zucker? Auch die Ernährungsindustrie gehört zum heißen und kalten System des Menschen dazu [4]?

Es kann alleine nicht sein, dass in Mecklenburg-Vorpommern ein Diabetes-Mobil mit Diabetes-Beratern unterwegs ist und Menschen über die Vermeidung der Krankheit beraten. Welchen Versuchungen sind sie nach Abfahrt des Mobils ausgesetzt? Wer an die Lebenswelten der Menschen an will, muss auch an die Profis ran, die sich das „heiße System“ des Menschen zu Nutzen machen.

Immerhin sagte Ingrid Fischbach zum Abschluss: „Mit dem Präventionsgesetz beginnt erst die richtige Arbeit.“

Lesestoff:

[1] Walter Mischel, „Der Marshmellow-Test“, Siedler-Verlag, 400 S., 24,99 Euro

[2] www.oecd.org/health/cardiovascular-disease-and-diabetes-policies-for-better-health-and-quality-of-care-9789264233010-en.htm

[3] Nationaler Diabetesplan gegen gewichtige Probleme

[4] Gehört die Ernährungsindustrie zum Gesundheitsprogramm?

Erster Bundeskongress Schulverpflegung

Roland Krieg; Grafik: OECD

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