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Die Welt sucht ein neues Ernährungssystem

Ernährung

Auch visionäre Ernährung braucht Landwirte

„Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“. Wer ohne diesen Werbespruch aufgewachsen ist, würde nur mit Kenntnis der aktuellen Diskussion heute sagen: „Fleisch ist ein Systemfehler.“ Die Nutztiere belasten die Atmosphäre mit Emissionen, die Tiere fressen unser Getreide auf, die Haltung der Nutztiere entbehrt jeglicher ethischer Verantwortung und am Ende sind alle Menschen dick. Die Kritik an Fleisch und dem Ernährungssystem ist komplex. Einen Blick in die Zukunft hat am Donnerstagmorgen die Diskussion „Eiweißhunger“ der Kommunikationsagentur genius gewagt.

Tierisches Protein

Die Grünen-Abgeordnete und frühere Landwirtschaftsministerin Renate Künast läutet das Ende des tierischen Proteinzeitalters ein: „Es gibt eine Fleischwende bei den Verbrauchern in der westlichen Welt.“ Vom Luxusgut hat sich Fleisch in Deutschland zu einem Massennahrungsmittel entwickelt. Und die mehrheitlich noch Pflanzenprotein verzehrende restliche Welt tauscht diesen wichtigen Nahrungsstoff zunehmend gegen tierische Herkünfte aus. Deutsche Konsumenten leiten derweil die Wende aus gesundheitlichen, klimatischen, Umweltgründen und Tierschutzüberlegungen ein. „Die Reduktion des Viehbestandes in Deutschland wird kommen müssen“, sagte sie in der Videokonferenz. In-vitro-Fleisch habe das Potenzial, disruptiv für die Ernährungswende zu sein und könne die Tierhaltung ersetzen. Aktuell verfehle die Agrarpolitik die Ziele, weil selbst ein Umbau der Nutzviehhaltung die Bestände nicht verringert.

Weltweit nehmen die Durchschnittskonsumenten in allen Regionen mehr Protein zu sich, als sie verbrauchen und was gesundheitlich empfehlenswert ist. Dabei wird das traditionell pflanzliche Protein durch tierische Alternativen ersetzt, führt Prof. Dr. Reiner Brunsch vom Leibniz-Forschungsverbund „Lebensmittel und Ernährung“ aus. Prognosen zeigen den wachsenden Trend nach Fleisch. Dabei ist Fleisch eine ineffiziente Veredelungsform. Drei Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche dient der Tierernährung. Dort werden lediglich ein Viertel aller Nahrungskalorien und nur 23 Prozent aller Nahrungsproteine erzeugt. Die Umweltorganisation Greenpeace hat mit einer Studie aus dem Jahr 2018 die Forderung aufgestellt, bis 2050 den Konsum an Fleisch und Milch um die Hälfte zu reduzieren. Wissenschaftler Brunsch leitet daraus eine Transformation zu einem nachhaltigem Ernährungssystem ab. Die Nahrungskette muss zu einem Nahrungskreislauf umgebaut werden. Es gebe aber noch zahlreiche Detailfragen zu klären sind. Beispielsweise, wie nachhaltig verschiedene Produktionssysteme sind.

Pflanzliches Protein

Zahlreiche Alternativen sind bekannt und seit Jahren in der Erprobung. Der Anbau von Proteinpflanzen in der Landwirtschaft ist derzeit ein guter Weg. Einzelne Fleischhersteller erzielen bereits 50 Prozent ihres Umsatzes mit veganen Produkten. Doch das Vorbild Natur ist auch nicht wesentlich effizienter. Prof. Dr. Wilhelm Windisch von der TU München geht logisch vor: Tiere müssen mit Biomasse gefüttert werden. Daher ist das Ziel der Landwirte, Biomasse zu erzeugen. Doch nur zehn bis 20 Prozent der Biomasse sind essbar.“ Lupinen gelten als neuer Rohstoff für die menschliche Nahrung. Die Samen werden genutzt. Aber was ist mit dem Rest? Lediglich Mais hat mit einer Relation von jeweils 50 Prozent einen besseren Wert. Das „Luxusproblem“ Eiweißüberversorgung gibt es nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Nutzvieh. Das hatte originär die wichtige Funktion Dünger zu produzieren. Nach Windisch sei die Rückführung des Eiweißbedarfes von Nutztieren zielführender, als die Reduzierung des gesamten Tierbestandes. Zudem sind drei Viertel der Landfläche auf der Erde Flächen, die wie die Steppen, keinen Ackerbau zulassen. Das dort wachsende Gras können Menschen nicht verwerten. Aber die Wiederkäuer, denen Windisch eine wichtige Aufgabe im künftigen Ernährungssystem  bescheinigt. Allerdings weniger als Fleisch. Die Milch-Eiweißproduktion von einem Hektar Grünland in Deutschland ist zehnmal höher als die von Fleisch. Sie hat auch den besseren Emissionsstatus.

Technisches Protein

Doch selbst die Natur ist nicht effizient. Dr. Pasi Vainikka aus Finnland leitet seit 2017 die Firma Solar Foods als Ausgründung der Universität Helsinki. Er stellt das Protein Solein allein elektrochemisch durch erneuerbare Energien her. Der durch Wasserspaltung gewonnene Wasserstoff wird im Bioreaktor mit Kohlendioxid, Sauerstoff und Ammoniak zu Nährstoffen für Bakterienkulturen genutzt, die dann das Protein herstellen. Einhundertmal klimafreundlicher als die Erzeugung traditionellen Fleisches und zehnmal effizienter als Pflanzen. Für Windisch ist das die Überwindung der Landwirtschaft, eine Revolution, in der Chemiker aus Stoffgemischen nahezu alle Lebensmittel, selbst über den 3D-Drucker herstellen können. Für Vainikka sind das Eier ohne Hühner, Fleisch ohne Tötung und die Basis für ein neues Ernährungssystem, das die Welt ernähren wird.

Es ist ähnlich wie In-Vitro-Fleisch, für das noch immer Kälberserum als Nährlösung gebraucht wird. Renate Künast hält das System für tauglich, sobald Alternativen wie Pilze gefunden sind. Das teilt Windisch aber nicht. Gerade Zellkulturen sind auf hochwertige Nährlösungen angewiesen, die ebenfalls in Nahrungskonkurrenz für den Menschen stehen. Aber: „Wir stehen technisch vor einer kulturellen Revolution. Das wird die menschliche Kultur fundamental ändern.“

Fabio Ziemßen steht mit seinen Füßen bei NX-Food der Metro AG noch etwas mehr in der Realität. Die aktuellen Fleischersatzprodukte wollen ihrem Original mit Geschmack und Textur so nahe wie möglich kommen, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Es hilft der alternden Generation, sich umzugewöhnen. Die junge Generation folgt den neuen Produkten aus Überzeugung. Die neue Generation will sich selbst optimieren. „Es ist ein modernes Thema“, sagt Ziemßen. Derweil suchen Firmen bereits nach Alternativen im Dessertbereich. Nicht mehr fern sind Produkte aus dem Bereich der „Precision Fermentation“. Dort bringen gentechnisch veränderte Bakterien eine komplementäre Welt auf die Teller. „Es gibt einen bunten Blumenstrauß an Angeboten für die Konsumenten.“

Landwirte werden gebraucht

Susanne Schulze Bockeloh vom Landwirtschaftlichen Kreisverband Münster findet die sich ändernden Ernährungsgewohnheiten auch auf dem Land wider. Es sei kein reines Stadtthema. Clean Meat [1], Insektenburger und pflanzliches Protein wird es künftig auch nicht ohne Landwirte geben: „In diesem Mix wird die Landwirtschaft einen großen Stellenwert einnehmen, weil sie auch pflanzliche Proteine herstellen.“ Das machten sie auch heute schon. Aber: Wenn es in der Region keine Verwertung für die Ackerbohne gibt, bauen die Landwirte auch keine Ackerbohnen an, weiß die Bäuerin aus Erfahrung.

Effizienz auch bei der Züchtung

Raps ist das beste Beispiel. Die heute üblichen 00-Sorten gehen auf die klassische Züchtung zurück, die zuerst die Erucasäure, dann die Glucosinolate heraus gezüchtet hat. Erst dadurch konnte der Raps zum wohlschmeckenden Speiseöl werden und liefert den Tieren ungiftiges Futter. Rapsextraktionsschrot ist weltweit zur zweitwichtigste Futterpflanze geworden. Solche Erfolge stehen für Windisch auch künftig auf der Agenda der Pflanzenzüchter. Feldpflanzen haben zu viele antinutritive Stoffe und Toxine. Hier könne mit kleinen Züchtungszielen eine große Wirkung erzielt werden: „Das sind klassische Züchtungsaufgaben, die mit CRISPR/Cas9 schneller umgesetzt werden können.“ Für die Entwicklung dieser Methode haben die beiden Wissenschaftlerinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier diesen Donnerstag den Chemie-Nobelpreis erhalten. Für Renate Künast wäre es ein Armutszeugnis, wenn ein Nobelpreis ihre Einstellung zur Gentechnik ändern würde, bekannte sie. Sie wolle die „alten Kategorien“ der Land- und Ernährungswirtschaft verlassen und für das Ernährungssystem 2050  „lieber den Abfall abschaffen.“

Lesestoff:

[1] Weder Visch noch Vleisch: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/weder-visch-noch-vleisch.html

Roland Krieg

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