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„Es gibt schrecklich viele Pflanzen“

Ernährung

Digitaler Atlas der Nutzpflanzen

„Es gibt schrecklich viele Pflanzen. Wir haben ein paar“, so Prof. Dr. Walter Lack, Direktor am Botanischen Museum in Berlin. Allein 250.000 Blütenpflanzen gibt es, etwa 2.000 kommen jedes Jahr neu hinzu – doch lediglich 10 Pflanzen stellen unsere Hauptnahrungspflanzen.
Prof Dr Ortwin DallyDass das nicht alles ist und auch in der Vergangenheit nicht war, zeigt das gewichtige Werk, das am Mittwoch Abend im Botanischen Museum vorgestellt wurde. „Der Digitale Atlas der Nutzpflanzen“ wiegt 10,5 Kilogramm, umfasst drei Bände und zeigt Samen, Wurzeln, Blüten und Blättern von 3.953 Pflanzen, die von den Menschen als Nahrung verwendet werden und einen ökonomischen Wert haben. Rund 10.000 Fotos füllen die Seiten und die Pflanzen sind in 277 Familien eingeteilt. Nach Prof. Dr. Ortwin Dally, Generalsekretär des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) , ist damit etwa rund ein Viertel aller bekannten Nutzpflanzen erfasst.

Ein Naturarchiv
Das Werk ist nach Prof. Dally einmalig und hat für das Institut eine hohe Bedeutung. Die Pflanzen spiegeln die Ernährung, den Handel, die Kultur sowie die Umwelt der jeweiligen Zeit wider. Die Aufgabe der Archäobotanik ist es, einen Vergleich zwischen den Funden aus den Grabungsstätten und rezenten Pflanzen herzustellen. Mit Hilfe des Atlas, sind solche Vergleiche möglich.
Die Idee, Pflanzen abzubilden ist nicht neu und hat in der Vergangenheit immer zu Besonderem veranlasst. 1737 hat ein Naturforscher aus den Niederlanden zusammen mit einem Künstler Pflanzen gezeichnet und in Kupfer gestochen. Dabei ging es bereits um die spezifische Charakteristik der einzelnen Pflanze.
Daher weiß man, dass der Apfel ursprünglich aus der Region östlich von Alma Ata stammt, dass das Zuckerrohr einst in Neu Guinea domestiziert wurde und die Kartoffel aus der Region des Titicacasee stammt.
Die Archäobotanik bezeichnet das Studium von Pflanzenresten in und um menschliche Siedlungen, erklärt Dr. Reinder Neef vom DAI. Zusätzlich streifen die Wissenschaftler über Märkte und durch kleine Läden, um zu schauen, welche Gewürze und Heilpflanzen heute noch angeboten werden. So hat der globale Handel das Angebot an Nahrungspflanzen insgesamt vielfältiger werden lassen, doch, so Neef, viele Pflanzen verschwinden auch aus dem Handel. Das Waren in Marokko, Berlin oder Shanghai gleichen einem universellem Weltangebot.
Die archäologischen Funde sind meist „verkohlt und verkrümmelt“, wie beispielsweise rund 6.000 Jahre alte Rosinen in einem Tongefäß. Doch es lohnt sich, Samen- und Schalenteile wieder zusammen zu setzen. So zeigen Funde aus der alten ägyptischen Hafenstadt Berenike, mit welchen Ländern Handel getrieben wurde und auf welchem Wege exotische Nutzpflanzen in die römische Welt gelangten.
So haben Archäobotaniker herausgefunden, dass die Tollkirsche „die Droge des Neolithikums“ gewesen ist. Sie wissen, dass die Zwergpalme, die heute auf spanischen Ackerflächen fast wie ein Unkraut wuchert, früher einen ganzen Betriebszweig zur Blüte verholfen hatte. Aus den langen Fasern der Zwergpalme wurden Besen gemacht. Das Beispiel zeigt aber auch, dass Wissen über Nutzpflanzen wieder verschwinden kann. Der Atlas bewahrt es.

Ergänzung im Internet
Das umfangreiche Werk hat auch im Internet ein zu Hause, wobei nur das Basiswissen frei zugängig ist. Nach dem Login findet das System auch die Bilder bei Eingabe des Trivialnamens. Dort sind dann auch Bilder zum Nutzwert, der geografischen Verbreitung sowie alle Pflanzenteile und Namensbezeichungen in mehreren Sprachen aufgeführt.

Lesestoff:
www.pflanzenatlas.eu

Roland Krieg, Fotos: roRo

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