Europäisches Ernährungssystem nicht nachhaltig genug

Ernährung

EESC fordert einen EU-Kommissar für Ernährung

Decade for Action on Nutrition

Wir befinden uns im Aktionsjahrzehnt für Ernährung. Schon seit mehr als eineinhalb Jahren. Und die Dekade bis 2015 gilt nach Willen der Vereinten Nationen für den Aufbau eines nachhaltigen Ernährungssystems. Wahrscheinlich wissen die wenigsten, dass es eine „United Nations Decade for Action on Nutrition“ gibt. Noch weniger werden wahrscheinlich wissen, was ein nachhaltiges Ernährungssystem ist.

Wer an mehr Platz für die Sau im Stall denkt, wer an faire Arbeitsbedingungen auf Plantagen denkt, der schon mal den CO2-Abdruck eines Joghurts überprüft hat oder sich für die Kreislaufwirtschaft interessiert: Alles ist richtig, aber erst zusammen setzen sich die Aspekte zu einem Ernährungssystem zusammen.

Ernährungssystem

Es beschreibt den umfänglichen Weg vom Feld bis zum Teller, beinhaltet auch die vorgelagerten Bereiche der Landwirtschaft wie die Saatguterzeugung, sowie die bioökonomische Verwertung der Speisereste. Und das alles vor dem Hintergrund der nationalen Ressourcen. So definieren es die Schweizer, die an der ETH Zürich über das Thema nachdenken. Mit Regionalität wäre das nachhaltige Ernährungssystem schon mal nicht schlecht beschrieben. Aber das ernährt nicht alle Schweizer. Das fruchtbare Ackerland pro Kopf wird immer weniger, Wasser ist eine knappe Ressource und die Abhängigkeit von Importen steigt.

Es geht nicht nur um die Sicherung der natürlichen Ressourcen im Bereich der Produktion. Das nachhaltige Ernährungssystem bindet den Verbraucher gleichwertig verantwortlich ein, weil Esskultur und Gesellschaftsansprüche die Nachfrage nach Produkten bestimmen und Reesourcenbeanspruchung lenken. Darüber hinaus muss die Politik die verschiedenen Sektoren wie Industrie, Technik, Landbesitz, Abfallwirtschaft oder Besteuerung so koordinieren, dass am Ende ein nachhaltiges Ernährungssystem herauskommt. Konkret hat die ETH folgende Foresight-Studien indentifiziert: Bodengesundheit, Antibiotikaresistenz, Nährstoffnutzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette und Folgeabschätzungen für lokale oder globale Lebensmittel [1].

Diese Einzelthemen sind den Verbrauchern schon vertrauter. Vor allem die weltweiten Ergebnisse eines falschen Ernährungssystems: 155 Millionen Kinder sind unterernährt, 1,9 Milliarden Menschen sind übergewichtig – aber auch: 12 von 17 Sustainable Developent Goals, die für Entwicklungs- und Industrieländer gleichermaßen gelten, beziehen sich auf Aspekte der Ernährung [2]. Zusammen mit der WHO arbeitet die FAO an der Umsetzung der weltweiten Aktivitäten.

Natürlich auch die EU

Ebenfalls 2016 hat der Europäische Wirtschafts- und Sozialauschuss (European Economic and Social Committee, EESC) das Thema „Nachhaltige Lebensmittelsysteme“ aufgenommen und Grundlagen für eine umfassende Ernährungspolitik aufgestellt. Der EESC vermerkt „immer mehr politische Impulse für einen ganzheitlichen Ansatz in der Ernährungspolitik“. Doch Pferdefleisch und Fipronil strafen die Bemühungen immer wieder ab. Das Thema hat übrigens auch Aufnahme in den Entwurf von EU-Agrarkommissar Phil Hogan gefunden.

Peter Schmidt EESC

Herausforderungen

Doch trotz aller Fortschritte musste der EESC in der vergangenen Woche Defizite im potischen Rahmen für die Umsetzung eines nachhaltigen Ernährungssystems der EU feststellen. Gerade im Binnenmarkt ist eine koordinierte Politik zwischen den Ländern notwendig. Zum anderen müssen die Verbraucher mehr über das Thema informiert werden, was am Ende zu einer höheren Wertschätzung der Lebensmittel führt. Berichterstatter und Direktor der „Ständigen Arbeitsgruppe Ernährungssicherheit“ im EESC, Peter Schmidt: „Die vor uns liegenden Herausforderungen zwingen uns zu einer neuen Europäischen Ernährungspolitik. Wir müssen sie umfassender bei Beachtung aller Glieder in der Wertschöpfungskette machen. Wir brauchen mehr Fairness im Markt und wir brauchen Menschen, die den Wert von Lebensmittel zu schätzen wissen.“

Mit fairen Preisen soll die Verbindung zwischen Erzeugern und Verbrauchern intensiviert werden. Es brauche mehr politische Ermutigung für der Zivilgesellschaft, lokale Ernährungssysteme aufzubauen. Die EU solle einen Aktionsplan mit messbaren Kriterien für Zwischenschritte aufsetzen, nahrungsbezogene SDG umzusetzen. Der EESC fordert zudem einen EU-Kommissar für Ernährung. Am Ende des Prozesses stehen ernährungsbewusste Verbraucher.

Lesestoff:

www.eesc.europa.eu

[1] ETH Zürich: https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2015/10/zutaten-fuer-ein-nachhaltiges-schweizer-ernaehrungssystem.html

[2] Die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen hat zur Dekade der Ernährungsaktivitäten die folgende Seite eingerichtet: http://www.who.int/nutrition/decade-of-action/en/

[3] EU-Entwurf GAP 2020: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/die-intelligentere-gap.html

 Roland Krieg; Foto: EESC

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