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Hat Aigners Regionalfenster Bestand?

Ernährung

Regionalität. Eine Frage der Kilometer?

Regionalität ist die Sehnsucht der Konsumenten nach authentischen Produkten. Kurze Wege sollen für Vertrauen, Qualität und Sicherheit sorgen. Regionalität ist die neue Währung für Umwelt und Klima. Sie soll sogar für weniger Lebensmittelabfall sorgen, wie Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner bei der Vorstellung der entsprechenden Studie sagte.

Regionalfenster

Am Donnerstagabend konnte der deutsche Europaabgeordnete Albert Dess die Gründe für das Regionalfenster, das Ilse Aigner auf der Grünen Woche vorgestellt hat1) auch im Europäischen Parlament darlegen: Für die wichtigsten Zutaten im Produkt sollen freiwillig in einem „Regionalfenster“ die Herkünfte angegeben werden können. Die Mehrheit der Verbraucher schaut auf die Herkunft des Produktes, 79 Prozent sind bereit, mehr Geld für regionale Waren auszugeben – aber nur 15 Prozent fühlen sich umfassend über die Herkunft informiert.
Die Vorstellung des Konzeptes im Rahmen der Fragestunde zu regionalen Produkten war die politische Feuertaufe für das Regionalfenster, das Aigner Ende der nächsten Woche auf der Agrarministerkonferenz ihren Landeskolleginnen und Landeskollegen schmackhaft machen möchte.

Wie geht „Regionalität“?

Die Europäische Union veranstaltet heute einen Kongress zum Thema, der Klarheit in die Sache bringen soll. Denn so klar die Wünsche nach Produkten vom Nachbarn geäußert werden, sind die Dinge nicht. Schon die beiden Fragestellerinnen im Europäischen Parlament stellten zwei Dinge klar: Die Schwedin Maria Corazza (Christdemokratin) wies darauf hin, dass für die Südschweden Dänemark regional viel näher liegt als für die Nordschweden, deren Fleisch 2.000 Kilometer weit transportiert werden muss. Zudem könne die Art der Produktion klimagünstiger sein, als der kurze Transportweg. Die deutsche Sozialdemokratin Evelyne Gebhardt machte klar, dass Regionalität nicht aus nationalistischen Gründen heraus bestimmt werden dürfe. Regionalität solle nicht verhindern, dass andere Produkte nicht mehr ins Land dürften.
Das Thema ist bei der EU-Kommissarin für Inneres, Cecilia Malmström, angesiedelt, die sich von der EU-Konferenz erste Hinweise erhofft, was denn genau die „Regionalität“ bedeutet. Sie dürfe nicht zur Einschränkung der Freizügigkeit im Binnenmarkt führen. Mairead McGuiness, Christdemokratin aus Irland warnte, dass viel Romantik mit dem Begriff verbunden ist. Irland ist beispielsweise ein Exporteuer von Lebensmitteln und die Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass Menschen in anderen Ländern die irischen Produkte ebenfalls genießen wollen. Das ist für die EU als einer der größten Exporteure und Importeure für Agrarprodukte auch ein generelles Problem, ergänzte Liam Aylward, Liberaler aus Irland.

Regionalität bedeutet Strukturwandel

Nach Aylward wird sich die „Regionalität“ auf die kleinen Betriebe und Wege der Direktvermarktung beziehen müssen. Daher brauche manche Region in Europa eine neue Struktur, die von der Gemeinsamen Agrarpolitik gefördert werden müsse. Dess verwies darauf, dass die EU beispielsweise Hygieneanforderungen zurückfahren werden muss, um kleine Schlachthöfe wieder wirtschaftlich zu machen. Das bedeutet für Janusz Wojciechowski (polnischer Konservativer) eine komplette Neuorientierung, da industrielle Produkte nicht regional sein könnten. Wenn die EU festlegt, wann ein Produkt regional ist, dann müsse sie die Verarbeitung, Umweltbelange und auch das Tierwohl mit einbeziehen.

Angelegenheit der EU?

Auf Ablehnung stößt die Debatte bei den Engländern. Die fraktionslose Diane Dodd gestand, dass sie auch ohne Siegel regional einkaufen könnte und die EU nicht in der Position sehe, in die lokale Erzeugung einzugreifen. Die Menschen vor Ort wüssten am besten, was sie unter Regionalität verstünden. Nach dem konservativen James Nicholsson fahre die EU den Trend, sich generell zu stark um regionale Belange zu kümmern. Nicholsson fürchtet, dass Regionalität von der Industrie auch als protektionistisches Moment missbraucht werden kann.
Was Regionalität ist und welche Auswirkungen sie letztlich durch eine Exposition erfährt bleibt offen. Nach Malmstörm gibt es in Europa weil zu viele Traditionen und Ansichten über regionale Produkte. Offen bleibt auch noch die Frage, wie viel Volumen kann eine regionale Produktion erzeugen und für wen soll es dann ausreichen? Und darf das dann überregional verkauft werden?

Lesestoff:

1) Aigner wirbt für ein Regionalfenster

Produkte werden wegen ihrer Regionalität heute bereits ausgezeichnet, wie kürzlich der Holsteiner Katenschinken

Ganze Regionen setzen auf vielfältige traditionelle Herkünfte

Brandenburg setzt gezielt auf lokale Direktvermarktung müsste jedoch für einen größeren Markt noch Verarbeitungsindustrie aufbauen

Irrtümer der Regionalität: Zusammengetragen vom ifeu-Institut

Roland Krieg

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