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KiGGS: Gute Ergebnisse, aber...

Ernährung

Kinder- und Jugendgesundheitssurvey jetzt vollständig

Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte im letzten Jahr bereits Teilergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) vorgestellt. Gestern wurde das Gesamtwerk mit mehr als 40 Beiträgen auf 380 Seiten im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gemeinsam von Ministerin Ulla Schmidt und Studienleiterin Dr. Bärbel-Maria Kurth vom RKI vorgelegt.
Insgesamt geht es den Kindern besser, als manche Schlagzeilen glauben machen und die jungen Menschen schauen aktiv und optimistisch in ihre Zukunft. Negativ überrascht waren die Experten aber beispielsweise von dem Ergebnis, dass sich rund die Hälfte der Jugendlichen nicht die Zähne putzt.

KiGGS
Vor sechs Jahren wurde der Gesundheitssurvey gestartet, um eine aussagekräftige Datenbasis zu haben. Für die einzigartige Datensammlung wurden 17.641 Jungen und Mädchen im Alter zwischen 0 und 17 Jahren „vom Scheitel bis zur Sohle“ untersucht und teilweise auch die Eltern befragt, fasste Ulla Schmidt zusammen. 167 Orte lassen zwar eine Repräsentativität zwischen Ost und West, jedoch nicht zwischen Stadt und Land oder einzelnen Regionen ausarbeiten, grenzte Dr. Kurth ein. Der Informationspool umfasst Themen über den Alkohol- und Tabakgenuss,

Ein internationales Forscherteam hat 14.893 Bauernkinder, Kinder ländlicher und vorstädtischer Gemeinden sowie von Rudolf-Steiner-Schulen in Österreich, Deutschland, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz untersucht. Kinder, die regelmäßig Milch direkt vom Bauernhof trinken, litten weniger an Heuschnupfen und Asthma. Eine tiefere Häufigkeit an diagnostiziertem Asthma war auch bei allen Milchprodukten zu beobachten, die direkt auf einem Bauernhof produziert wurden und der Verzehr von Freilandeiern schützte vor Heuschnupfen. Jedoch boten diese Produkte nur dann einen erhöhten Schutz, wenn die Kinder auch unpasteurisierte Bauernmilch tranken. Federführend für die Studie war das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel. Erschienen ist der Artikel in der Maiausgabe der Fachzeitschrift „Clinical and Experimental Allergy“.
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Nutzung der elektronischen Medien, Körpermaßemessungen (BMI), Prävalenz somatischer Erkrankungen, Essverhalten, Jodversorgung, psychische Entwicklungen, Gewalterfahrungen und das Impfverhalten. Die bundesweite Untersuchung wurde durch das BMG mit 9,36 Millionen Euro zum größten Teil finanziert. Das Ministerium für Forschung und Bildung beteiligte sich mit 2,5 Mio. €.

"Zwei-Klassen"-Gesellschaft
Die einfache Frage, wie es den Kindern geht, sei durchaus schwer zu beantworten, sagte Ulla Schmidt. „Es gibt nicht „die“ Kinder, aber im Großen und Ganzen geht es den Kindern gut.“ Sie sind sportlich aktiv, ausgeglichen und normalgewichtig. Jedoch gibt es auch das genaue Gegenteil: Zu viel Fernsehkonsum und Computergebrauch, Übergewicht, Rauchen, Alkohol und zu wenig Sport. Das Ergebnis der Untersuchung ist in seiner Zuweisung eindeutig: Am ehesten von diesen Sorgen und Nöten betroffen sind Kinder und Familien aus sozial schwächeren Schichten und Migrantenfamilien.

Beispiel Obst und Gemüse
Obst und Gemüse gelten generell als gesund. Jungen (47 Prozent) und Mädchen (55 Prozent) essen mindestens einmal am Tag davon. Auch KiGGS-Grafik Obst
wenn gekochtes oder Konservenobst weniger beliebt ist. Mit zunehmendem Alter allerdings nimmt der Verzehr von frischem Obst hingegen ab und wird durch Multivitamintabletten ersetzt. Die bevorzugte Gemüsevariante scheint Rohkost zu sein. Fast jeder vierte Junge und jedes dritte Mädchen knabbern einmal am Tag davon.
Fast Food wird nach Ergebnis der Studie von den meisten Kindern und Jugendlichen nur ein bis dreimal im Monat gegessen. Das sind 72 % der Jungen und 75 % der Mädchen. Allerdings steigt mit zunehmendem Alter auch die Verzehrhäufigkeit – bei den Jungen mehr als bei den Mädchen.

Mark Bellis von der Liverpooler John Moores University hat bei einer Untersuchung zum Alkoholkonsum bei 15- bis 16jährigen in England festgestellt, dass Jugendliche, die mehr als 10 Pfund Taschengeld in der Woche zur Verfügung hatten eher Probleme mit Alkohol bekamen als die Jugendlichen mit weniger Geld. Von den 10.000 befragten Jugendlichen kauften sich ein Drittel eigenen Alkohol und trank ihn sechs Mal häufiger in der Öffentlichkeit, als diejenigen, die ihren Alkohol nicht selbst kauften. Mark Bellis sprach sich dafür aus, das Taschengeld zu limitieren, Alkohol zu verteuern, Partizipation der Jugendlichen in Sportvereine und die Geschäfte von den Händlern zu schließen, die das Jugendschutzgesetz nicht beachten.
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Beispiel Übergewicht
KiGGS bestätigt zwar den vermuteten Anstieg übergewichtiger und adipöser Kinder in allen Altersgruppen und in ganz Deutschland. Trotzdem sind Pauschalaussagen , dass jeder dritte Jugendliche und jeder fünfte Schulanfänger übergewichtig seien, unzutreffend. Das gilt lediglich für bestimmte Risikogruppen, wie eben Jugendliche aus Familien mit niedrigem Sozialstatus und Kinder mit Migrationshintergrund. Sind Mütter bereits adipös veranlagt, weisen ihre Kinder ein höheres Adipositasrisiko auf. Neben der genetischen Veranlagung spielen dabei jedoch auch die Gleichheit der Lebensverhältnisse und gleiche gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen eine Rolle.
KiGGS lässt bei der Untersuchung auch eine Diskussion über die Entwicklung des neuen Referenzsystems zur Definition von Übergewicht nicht aus.

Lösungsansatz
Zwei Ergebnisse hat die Studie herausgearbeitet: Einmal hat sie die Zielgruppe namhaft gemacht und zum anderen festgestellt, dass akute Erkrankungen dem Trend unterliegen, chronisch zu werden.

Eckpunkte Gesunde Ernährung
In der letzten Woche hatten Seehofer und Schmidt bereits Eckpunkte des Kabinetts für eine „Gesunde Ernährung und mehr Bewegung“ vorgestellt, den Staatsekretär Gerd Müller bereits im November angekündigt hatte. Während der Deutsche Bauernverband den Abgeordneten einen Grußkorb mit Obst und Milch zukommen ließ („Wir liefern gesunde Energie und sorgen für Bewegung“, geht dem Öko-Institut der Aktionsplan nicht weit genug: „Wir fordern die Bundesregierung deshalb auf, die Zielsetzung Nachhaltigkeit in der Ernährungspolitik ernst zu nehmen und den Aktionsplan um die Aspekte Umweltverträglichkeit und ethisch verantwortliches Handeln zu erweitern.“
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Für Dr. Kurth sind dabei Lösungsansätze kaum auf individueller Ebene zu gestalten. Ulla Schmidt löst heraus das Primat an die Politik, dass die „Lebenssituation der Familie eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.“ Prävention beginnt bereits vor der Geburt und direkt vor Ort. Aufklärung und Information muss es in den Kommunen geben, in den Schulen und von Land und Bund begleitet werden. Kindertagesstätten und Ganztagsschulen sollen nicht primär eingerichtet und besucht werden, damit die Mütter arbeiten gehen können, sondern damit die Kinder professionell betreut und informiert werden. Kindern aus Ganztagseinrichtungen haben weniger Probleme als Kinder, die nachmittags ohne Betreuung sind. Mit der Studie hat die Bundesregierung jetzt den Ansatz für eine zielgerichtete Prävention und Dr. Kurth möchte die jetzt vorliegenden Koordinaten in fünf Jahren als Messlatte verwenden, um Erfolge ablesen zu können.

Berlin bizarr
Die Hauptstadt leistet sich gerade die bizarre Diskussion, ob der Hamburgerbrater McDonald´s in Kreuzberg eine Filiale errichten darf. Die Baugenehmigung liegt vor. Die Qualität der vorgeschobenen Gründe für eine „gesunde Ernährung“, eher vor dem Hintergrund des „politischen Biotopschutzes“ zu sehen, zeigen jedoch, dass bei Ernährungskommunikation und -verständnis noch etliche Lücken zu schließen sind.

Lesestoff:
Mehr Informationen über die Kinder- und Jugendgesundheitsstudie gibt es unter www.kiggs.de. Die Studie ist als Sonderheft des Bundesgesundheitsblattes erschienen und über den Buchhandel erhältlich: „Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys“, Band 50 Heft 5/6, Mai/Juni 2007, Springer-Verlag, 10 Euro.
Das es seit Jahren nicht an guten Ideen mangelt, hatte kürzlich auf einer peb-Tagung das Kreisgesundheitsamt Mettmann bewiesen.
Ein Fokus zum Thema Gesundheit und gesunde Ernährung wurde bei der Pressekonferenz des BMG auf das Stillen gelegt. Die Weltstillwoche im Oktober bemüht sich seit vielen Jahren, das Stillen wieder populärer zu machen.

Roland Krieg

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