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Kochen zwischen Radio und Licht - Teil II

Ernährung

Wer nutzt die Mikrowelle?

Im ersten Teil ging es um geschmolzene Schokolade und die Technik. Der zweite Teil bietet mehr Zahlen und kulturelle Einordnung.

Mikrowelle: Hilfe ...
Schnell und gut kochen kann kein schlechtes Ziel sein. Trotzdem hat die neue Technik von Beginn Gegner gehabt. Den kulinarischen Experten ist sie immer ein Graus gewesen. Es gibt sogar die Geschichte, dass der Küchenchef von Raytheons Vorstand Charles Adam die Firma verließ, weil er gezwungen wurde mit dem neuen Ofen zu kochen.
In Wirklichkeit hat die Mikrowelle das traditionelle Kochen nicht verdrängt und die jüngere Generation wächst mit einem Gerät auf, dass in die Palette der elektronischen Alltagsgeräte seinen Platz eingenommen hat. Wie der Computer oder das mobile Telefon.

Anteil Mikrowelle im Haushalt nach Altersstufen

Alter

%

Alter

%

< 25

58,4

55 – 65

66,5

25 – 35

66,8

65 – 70

59,0

35 – 45

68,1

70 – 80

47,2

45 – 55

69,6

> 80

33,7

Q: Statistisches Bundesamt

Veränderungen hat es dennoch gegeben. Die Mikrowelle wird in moderne Küchenzeilen eingepasst und wird zur modernen Feuerstelle der Lebensgemeinschaft. Im Sog der technischen Erneuerung entwickelte die Lebensmittelindustrie modifizierte Produkte. „Für Eltern ist es eine Erleichterung, dass ihre Kinder nach der Schule die Nachmittags-Snacks oder das Abendessen selber bereiten können“, bemerkte Marcia Copeland, Direktorin eines amerikanischen Küchenherstellers zum 30. Jubiläum der haushaltsgerechten Mikrowelle.
Wie in der Physik gibt es aber auch in der Küche keine Kraft ohne Gegenkraft.

... oder Lebenseinstellung?
„Junge Berufstätige, egal ob Singles oder Paare, tun sich oft schwer mit der eigenen Versorgung. Sie streben abends erschöpft nach Hause, einem hoffentlich entspannten Feierabend entgegen. Jetzt noch zu kochen oder einen Salat zu schnippeln, ist für manche ein belastender Gedanke.“ Ernährungswissenschaftlerin Anna Katharina Teggermann stellte im UGB-Forum die „Vollwertküche für den kleinen Haushalt“ vor und widerlegte, dass Kochen mit Stress und Aufwand verbunden sein muss. Ordentliches Handwerkszeug wie Messer und Töpfe in gemütlich eingerichteter Küche geben dabei den angenehmen Rahmen vor. Vorkochen und Tiefkühlen portioniert auch dem Single ein schnelles Mahl zwischen Feierabend und Freizeit. Kreative Kochkunst kann zum entspannten Arbeitsausgleich wie Lesen oder Musik hören werden.
Letztlich muss auch niemand alleine kochen müssen. Die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft CMA nimmt den Trend, mit Nudel und Fisch wieder selbst umgehen zu wollen, auf dem Portal „Alleine Kochen ist doof“ auf.

Die „Kinder“welle
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich der Bestand an Mikrowellen in den deutschen Haushalten „signifikant erhöht“. Hatten 1998 nur knapp die Hälfte der Haushalte die Mikrowelle im Gerätebestand, so näherte sich die Zahl 2003 schon der zwei Drittel Mehrheit. Zwischen den alten und neuen Bundesländern gibt es dabei keinen Unterschied mehr. Überdurchschnittlich angekommen sind die Geräte bei den 25- bis 65-jährigen, was möglicherweise auch einfach daran liegt, dass die schnelle Welle ein Generationengerät ist.

Anteil Mikrowelle nach Personen im Haushalt

Alleine lebend

47,6 %

M: 51,0 %

W: 45,6 %

Allein erziehend

71,2 %

Paare

69,7 %

o. Kind: 65,0 %

m. Kind: 77,5 %

sonstige

76,9 %

Q: Statistisches Bundesamt

Am aufschlussreichsten ist die dritte Tabelle der Erhebung. Hier sind die höchsten Zuordnungen an die Haushalte geknüpft, in denen Kinder leben. Allein oder zu zweit erzogen. Ist hier die zehn Jahre alte Prophezeiung Marcia Copelands am östlichen Atlantikufer angekommen?

Nicht nur an die Wellen denken
Ob Patchworkfamilie mit unterschiedlichen Essenszeiten oder Einpersonenhaushalt. Wer sich für die Mikrowelle entschieden hat, schätzt in erster Linie die schnelle Zubereitung. Die hochfrequenten Wellen sind aber nicht nur schneller als der Elektroherd oder Backofen, sondern sie können auch sparsamer in der Stromversorgung sein.
Fest eingeplante MikrowelleUm zwei Toasts mit Käse zu überbacken, benötigt die Mikrowelle nach Angaben der Deutschen Energie-Agentur dena nicht nur weniger Zeit als der Elektrobackofen, sondern auch nur ein Zehntel der Energie. Für 250 Gramm Kartoffeln sind es immer noch 30 Prozent weniger Strom. Je größer die Portionen aber werden, desto weniger ist das kleine Gerät für die Zubereitung geeignet.
Beim Auftauen von Tiefgefrorenem kann die Mikrowelle ihre Effizienz nicht ausspielen. Anna Teggermann hat dafür einen einfachen Tipp: Bereits den Abend vorher das frostige Gut in den normalen Kühlbereich legen. So hilft die kalte Ware dann dem Kühlschrank kühlen.
Die Mikrowelle braucht aber nicht nur für den Betrieb Strom. Beim öffnen des Garraumes schaltet sich das Licht ein und nicht alle Geräte verfügen über eine automatische Abschaltung der Beleuchtung. Auch das Display für die Uhr braucht Strom. Achten Sie daher beim Kauf auf die „Folgekosten“ und wenn Sie die Welle nicht nutzen: Stecker ziehen.

Zeitleiste:
Percy Spencer, der bei Raytheon das Magnetron nach dem Krieg weiterentwickelte und sogar noch medizinische Anwendungen mit der Mayo Klinik einführte, entdeckte den geschmolzenen Riegel am 08. August 1945. Er verstarb 1970 im Alter von 76 Jahren. Ihm gehören 120 Patente.
Vor 60 Jahren demonstrierte Raytheon, dass der Prototyp der Mikrowelle auch wirklich kochen kann.
Vor 57 Jahren brachte die Firma Tappan die erste Hausmikrowelle auf den Markt – aber noch in Größe eines Herdes.
Vor 40 Jahren brachte Amana das erste handliche Gerät für den Haushalt auf den Markt.
1976: Von den rund 52 Millionen Haushalten in den USA haben 60 Prozent eine Mikrowelle.
1994: Bestückungsgrad in den USA: 90 Prozent
10.06.2004: Dem Deutschen Hausfrauenbund gelingt möglicherweise die erste Konfitüre aus der Mikrowelle.

Lesestoff:
Jenaer Professoren nutzen die Mikrowelle noch als Vakuum-Trockner für Lebensmittel, um den ernährungsphysiologischen Wert zu erhalten. Das erfahren Sie hier.
Grunddaten der Mikrowellengeschichte und Foto von Percy Spencer: www.ideafinder.com
Don Murray: Percy Spencer and His Itch to Know: Readers Digest, August 1958; S. 114
Anna Katharina Teggermann: Vollwertküche für den kleinen Haushalt; UGB-Forum 5/1997; S. 250-253; Das dort angegebene Buch „Vollwertküche für 1 Person“ ist vergriffen. Der Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB) hat jedoch eine große Literaturliste spendiert, von der die folgenden Bücher dem Titel nach vergleichbare Erwartungen erfüllen: Walker, H.: Schnelle Vollwertküche mit Pfiff; 140 S., Pala-Verlag Darmstadt 2001; 11,80 Euro; ISBN: 3-895661-67-8 /// Goetz, R, Queissert, P. Einfach anders essen, 156 S. Pala-Verlag Darmstadt 1994; 6,80 Euro; ISBN: 3-923176-94-5; www.ugb.de
Bundesamt für Strahlenschutz: Gesundheitliche Risiken durch Mikrowellenkochgeräte; Infoblatt 2 (1998); www.bfs.de
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): So gehen sie richtig mit Mikrowellengeräten um; DGE aktuell 19 (1998); www.dge.de
Deutsche Energie-Agentur; „Einsatz lohnt vor allem in Single-Haushalten“; 19.07.2006 www.dena.de
Statistisches Bundesamt: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2003
Abbildung Wellenfrequenzen: Wilfried Kuhn; Physik I, Westermann 1975
Küchenzeile: Aus einer aktuellen Werbung

Roland Krieg

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