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Leerer Bauch lernt nicht gern

Ernährung

Rahmenkriterien für die Schulverpflegung vorgestellt

>Früher schlichen die Schüler durch das Loch im Zaun zum Kiosk, um sich Brause, einen Schokoriegel oder süße Limonade zu kaufen. Diese Leckereien waren vor allem deshalb etwas Besonderes, weil man sie sich nicht jeden Tag leisten konnte.
Prof. Dr. Edda Müller vom Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband, skizzierte gestern, dass es in den 1950er und 1960er Jahren auch noch Schulküchen gegeben hatte und die Schulen versäumten dem Trend der Kinderlebensmittel und Convenience-Produkten entgegenzusteuern. Heute sind Nahrungsmittel nicht nur ständig verfügbar, sondern mit zu viel Zucker und zu viel Fett auch vielfach nur in ungesunder Form. Bereits in den 1990er Jahren gab es Einzelaktivitäten, wie das Modellprojekt "Netzwerk gesunde Schule", aber nun verlangt die Realität nach mehr: 10 bis 18 Prozent aller Kinder zwischen 6 und 17 Jahren sind übergewichtig, bei 4 bis 8 Prozent liegt Adipositas, die Fettleibigkeit, vor. Zu den Folgeerkrankungen im Erwachsenenalter zählen erhöhte Herzfrequenz, metabolisches Syndrom, Gallensteine, orthopädische Störungen, Atemwegserkrankungen und Bluthochdruck. Folgekosten für ernährungsbedingte Erkrankungen werden auf 70 Milliarden Euro jährlich beziffert.

Rahmenkriterien in Berlin vorgestellt
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE), die Verbraucherzentralen und der Ökologische Großküchen Service (ÖGS) stellten gestern im Umweltforum Auferstehungskirche in Berlin Friedrichshain erstmalig bundesweite Rahmenkriterien für die Schulverpflegung vor. Die Mittagsverpflegung ist für viele zukünftige Ganztagsschulen eines der Topthemen: "Schülerinnen und Schüler sollen eine Mittagsverpflegung erhalten, die dem aktuellen Stand der Ernährungswissenschaft entspricht und die Anforderungen an eine nachhaltige Verpflegung berücksichtigt", so die Autoren der Richtlinie. Die Schulverpflegung gewinnt deswegen an Bedeutung, da bundesweit bis 2007 10.000 neue Ganztagsschulen entstehen sollen.
Aber ausgerechnet die Lebensmittel, die aus gesundheitlichen Gründen besonders sparsam verzehrt werden sollten, werden besonders intensiv beworben. Prof. Müller beziffert die Anzahl Werbespots für spezielle Kinderlebensmittel auf 200 pro Tag. 1998 hat sich die Zahl der Kinderwerbespots auf 1,8 Millionen nahezu verzehnfacht. Ernährungsinformation und Ernährungsaufklärung ist drängender denn je und ein traditionelles Anliegen der Verbraucherzentralen.
Ganztagsschulen sind daher ein ideales Betätigungsfeld für gesundheitliche Ernährung, weil die Kinder "über einen langen Zeitraum erreichbar bleiben", beschrieb Prof. Ulrike Arens-Azevedo vom wissenschaftlichen Beirat der DGE. "Die Rahmenrichtlinien sind der richtige Weg", denn das Thema Schule ist Ländersache und daher sind bundesweit solche Themen schwerer durchzusetzen als in manchen Nachbarländern. In den Schulen fehlt es vor allem an Räumlichkeiten, Essen zuzubereiten und gemeinschaftlich zu essen. Sind diese eingerichtet, dann wäre es "gut im Sinne einer nachhaltigen Prävention, wenn die Teilnahme am Mittagessen verpflichtend wäre."
Die Richtlinien krönen sich mit dem Zusatz, ökologische erzeugte Produkte zu verwenden. Anja Erhart vom ÖGS erläuterte warum: Der ökologische Landbau beinhalte eine nachhaltige Landwirtschaft mit einer werteerhaltenden Produktverarbeitung. Die Nachfrage nach ökologischen Produkten wachse nicht nur im privaten Bereich, sondern auch in der Gemeinschaftsverpflegung und der Systemgastronomie, wie bei IKEA. Auch die Eltern fordern es bei den Caterern ein. 10 Prozent Bio sind zudem organisatorisch und finanziell realisierbar und die Schulverpflegung biete einen guten Aufhänger, Ernährungsfragen in den Lehrplan aufzunehmen.

Einblick in die Kriterien
"Die Rahmenkriterien benennen in knapper Form die wichtigsten Anforderungen an das Verpflegungsangebot", heißt es gleich zu Beginn. Deswegen finden sich auch keine detaillierten Menüpläne wieder, sondern allgemeine Empfehlungen über "reichlich pflanzliche Lebensmittel und Getränke, mäßigen Genuss tierischer Lebensmittel und sparsame Verwendung fettreicher Lebensmittel und Süßwaren". Die "Bremer Checkliste" gibt eine Orientierung über einen Wochenspeiseplan, der beispielsweise ein Seefischgericht und ein vegetarisches Menü beinhaltet. Die DGE hat den Kriterien ihre Bewertungen über die Wahl des Verpflegungssystems beigesteuert. Die Frischküche ist anspruchsvoller als die für Cook & Chill der Tiefkühlkost oder der Warmverpflegung, die bereits warmgehaltene Speisen liefert. Da Deutschland gegenüber anderen Ländern mit Ganztagsschulen und der täglichen Verpflegung weniger Erfahrung hat als andere Länder, gibt es auch eine umfangreiche Prüfliste für anzufordernde Unterlagen eines Essensanbieters. Die Rahmenkriterien sowie weitere Informationen zu der Kampagne sind ab dem 05.05.2005 im Internet unter www.biokannjeder.de herunter zu laden. Als Broschüre kann sie per E-Mail bei geschaeftsstelle-oekolandbau@ble.de bestellt werden. Die Erstellung der Kriterien ist im Rahmen des Bundesprojekts Ökolandbau mit der darin enthaltenen Informationskampagne "10 % Bio kann jeder" eingebettet. Anfang der Woche startete Bundesministerin Renate Künast in Dortmund die Kampagne "Besser Essen. Mehr bewegen" mit der Übergewicht bei Kindern vorgebeugt werden soll. Bis 2008 stellt die Bundesregierung dafür insgesamt 15 Millionen Euro zur Verfügung.

Zunächst ein politisches Signal
Die Richtlinien sollen nicht "akribisch an Zahlen festhalten. Aber es soll im Schnitt das Ziel erreicht werden", beschied Prof. Arens-Azevedo in ihrem anschließendem Vortrag. Eigentlich sind es ja auch eher schlichte Empfehlungen, die allerdings angesichts der übergewichtigen Kinder nicht so einfach scheinen, eingehalten zu werden. Es wurde auch deutlich, dass es um mehr geht als die Sättigung der Kinder. Für Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe vom Lehrstuhl für Wirtschaftlehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft der Justus-Liebig Universität in Giessen ist die Schule ein Lebens- und Lernort und kann nicht nur Reparaturanstalt für das sein, was woanders versäumt wurde. Aus verschiedenen Studien resümierte sie, dass es "Wahrnehmungsdefizite für Betreuungsaufgaben im Haushalt bei allen Gesellschaftsschichten gibt". 72 Prozent aller jungen Männer zwischen 20 und 25 überlassen ihre gesamte Ernährungsversorgung der Mutter, Großmutter oder Lebenspartnerin. 56 Prozent der Mütter und 63 Prozent der Kinder zwischen 10 und 18 Jahren glauben daran, dass Nutella viele Vitamine enthält. Jeweils zu 58 Prozent glauben sie daran, dass Kinderschokolade deshalb gesund ist, weil sie Milch enthält. Für die Soziologin und Ernährungswissenschaftlerin sind das deutliche Zeichen einer "Geschmacksverbildung". Seit den 1980er Jahren nimmt die Zahl der Kinder zu, die Eltern ohne abgeschlossene Berufsausbildung haben. Eine räumliche Verteilungsanalyse im Giessener Raum zeigte, dass dort auch die Mehrzahl der Kinder Karies haben, wo die Schulbildung am geringsten ist. Wissensdefizite bilden einen nicht unerheblichen Anteil an den Ursachen für gesundheitliche Ernährungsschäden. Eine ganzheitliche Schulverpflegung bietet, so Meier-Gräwe "einen Weg aus dem Dilemma".

Der Wert der Kindermahlzeit
Abseits der Frage nach dem Verpflegungssystem, möglicher Widerstände regionaler Kultusminister oder dem Prozentanteil ökologischer Lebensmittel: In der Talkrunde kam auch der wesentliche Knackpunkt zu Tage, an dem sich das Projekt messen lassen muss und eine Herausforderung für die nächsten Jahre bildet, wie es Arens-Azevedo prophezeite. Die Kosten.
Betriebswirtschaftlich müsste der Hamburger Caterer Klaus Meier-Jansen 5 Euro für eine Portion seiner Warmverpflegung nehmen. Die Schmerzgrenze für die Kunden liegt jedoch bei etwa 2,90 ?. Seine Kunden, die rund 2.000 Essen bestellen, sparten eben auch hier am Essen zuerst. Korrigieren kann er das Defizit nur über ein größeres Bestellvolumen und durch Druck auf die Händler, die ihrerseits die niedrigeren Preise an die Bauern weitergeben müssen. Sabine Schulze-Greve von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung in Berlin gibt die durchschnittlichen Portionskosten bei 10 Prozent Bioanteil mit 2,00 Euro in der Bundeshauptstadt an. Darin enthalten ist die Lieferung, das Abholen und der Transport. Bei den 35 neuen Ganztagsschulen müssen die Eltern ohne Subventionen auskommen und direkt an den Caterer zahlen. Das könne dazu führen, dass es Stadtteile gibt, die sich mehr leisten wollen und können als andere. Evelyn Beyer-Reiners von der Firma SV School aus Langenfeld beliefert eine Frischküche in einem Internat. Portionskosten unter 3,30 € sind bei dieser Verpflegung gar nicht drin. Es gibt keinen "Bundesrichtpreis", sondern regionale Variationen und Unterschiede bei den Cateringfirmen. Allerdings gibt aber auch Eltern, die keine 1,50 Euro bezahlen werden können, so Wilfred Steinert vom Bundeselternrat. Ein Sozialausgleichsmodell konnte nicht gefunden werden.

Wie viel kostet ein Hamburger mit einer großen Cola oder ein Schokoriegel und eine Tüte Chips? Eine Schachtel Zigaretten kostet mittlerweile 4,00 Euro. Ob die Eltern jeweils das Geld ausgeben oder die Kinder selbst, das spielt im Wesentlichen keine Rolle. Aber es zeigt, das sich viele Menschen vom Thema Ernährung und Gesundheit zu weit entfernt haben.
Auch Bio muss nicht teuer sein. Die ÖGS kalkuliert auch Preise. Einen Vergleich stellte Anja Erhart vor: Der Kartoffel-Linsen Eintopf kostet bei 100 Personen 0,61 Euro pro Kelle. Bei einem 12prozentigen Anteil Bioprodukte verteuert sich das Gericht nur um drei Cent - das sind fünf Prozent. Sie verwies auch auf die Erfahrung in anderen Ländern. Rund 140.000 römische Kinder genießen täglich eine Biomahlzeit in den Schulen und Großbritannien fährt das Ausschreibungsmodell "Good food on public plate" für seine Nachhaltigkeitsstrategie.

Mit dem Thema Schule und Ernährung als Spannungsfeld oder Symbiose hat sich auch die DGE in Mecklenburg-Vorpommern im letzten Jahr auseinander gesetzt und eine erste Fortbildungstagung für Lehrer veranstaltet.

Roland Krieg

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