Menü

Nährwertlabel: Jetzt, wenn auch mit Mängeln

Ernährung

Nährwertlabel: Hat Klöckner Angst vor einer Entscheidung?

„Mein Ziel ist es, dass jede und jeder in Deutschland die Möglichkeit hat, sich einfach gesund zu ernähren – ohne Ernährungswissenschaften studieren zu müssen.“ Dann fokussiert Ernährungsministerin Julia Klöckner das Thema auf die Nährwertkennzeichnung: „Die Kennzeichnung muss klar sein und sich an der Lebensrealität orientieren. Das heißt: Auf einen Blick für den Verbraucher verständlich.“

Es besteht unstrittig dringender Handlungsbedarf. 47 Prozent der Frauen, 62 Prozent der Männer und 15 Prozent der Kinder und Jugendliche sind übergewichtig. Einer der wichtigsten Gründe:: Zu viel Salz, zu viel Zucker, zu viel Fette und gesättigten Fettsäuren in verarbeiteten Lebensmitteln. Den Baustein Nährwertkennzeichnung will Klöckner in dieser Woche verschärft angehen. Heute trifft sie sich mit den Bundesländern und am Donnerstag mit den Parteien der Regierungskoalition, der Lebensmittelindustrie und dem verbraucherzentrale bundesverband (vzbv). Nach dieser Konsultationswoche folgt der Entscheidungsprozess für die Kennzeichnung in Form einer Verbraucherforschung über vier bis fünf ausgesuchte Kennzeichnungsmodelle. Im Idealfall steht dann das erweiterte Kennzeichnungsmodell fest, mit denen Lebensmittelunternehmen ihre Produkte labeln dürfen.

Dekaden des Versagens

Klöckner hat ein aufwendiges System mit Konsultationen und Entscheidungsforschung aufgebaut, um den Grad ihrer politischen Entscheidung auf ein Minimum zu reduzieren. Doch das ist genau die Aufgabe der Politik in einem unübersichtlichen Spiel: Für Klarheit sorgen. Gewinnt am Ende das gräuliche Industrie-Label landet Klöckner in der Nestlé-Schublade. Gewinnt ein farbiges Signallabel, beginnt wegen eines Paragraphenorientierten Münchener Abmahnvereins ein unsinniger Rechtsstreit, an der Lebenswelt des nicht-juristischen Menschen vorbei. Außerdem: Die Sozialdemokraten befürworten den Nutri-Score und werden sich bei einer Ablehnung fragen müssen, ob sie auch diese Kröte noch zu schlucken bereit sind. Und: kommt der Nutri-Score: Die Menschen werden dadurch nicht gesünder! Kein Label ist ohne Makel und die Ursachen für Fehlernährung sind so komplex, dass ein Baustein allein keine Trendwende einleiten werden kann. Sollten die Verbraucher dann nicht auch noch über die Zuckersteuer abstimmen? Oder müssen sie deshalb auf ein Farblabel verzichten?

Dèjá-vu im Ernährungsausschuss

Am Montag diskutierte der Ernährungsausschuss des Bundestages in einer öffentlichen Anhörung über Maßnahmen für eine gesunde Ernährung und Nährwertkennzeichnung. Die Sachverständigen sind alte Bekannte, die Argumente auch. Geändert hat sich nichts, wie Prof. Dr. Gerd Hauner von der TU München formulierte: „Wir hatten mit viel Geld über eine lange Zeit auf die Verhaltensprävention gesetzt. Aber ohne Effekt.“

Auch nicht bei einigen Politikern. Für die CDU war die Bundestagsabgeordnete Katharina Landgraf aus Thüringen am Start. Nach der Wiedervereinigung bis 1999 und dann seit 2005 durchgehend Abgeordnete im Bundestag und seit eineinhalb Legislaturperioden im Ernährungsausschuss. Zwischen Expertenstatements und ihrer ersten Frage, musste Landgraf  durchschnaufen: „Das ist geballtes Wissen, was zumindest mich erst mal sprachlos macht. Das ist so komplex und ganzheitlich, dass es erst mal schwerfällt zu formulieren.“

Notwendiges Durchatmen? Der Gründungskongress der Plattform „ernährung und bewegung“ (peb) im September 2004 hat bereits aufgezeigt, wie komplex das Thema ist. Schülerbildung und sportliche Aktivitäten sowie Alternativen für das „Taxi Mama“ standen schon vor 15 Jahren auf dem Programm. Die damalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast dufte sich ohne Hassprediger mit der Industrievertretung des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde ablichten lassen [1].

Der damalige Staatssekretär Gerd Müller, heute Entwicklungsminister, hatte sich zu Beginn des Fussball-Sommermärchens“ 2006 öffentlich wirksam einen „Schrittzähler“ zugelegt und würdigte das Gerät als „Motivationshilfe“. [2].

Verbraucherschutzminister Horst Seehofer legte mit Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt im Sommer 2008 den „Nationalen Aktionsplan zur Prävention von Fehlernährung, Bewegungsmangel, Übergewicht und damit zusammenhängender Krankheiten“ vor [3]. Ein halbes Jahr später ging „In Form“ mit Ernährungsministerin Ilse Aigner online [4].

Im Gegensatz zu Landgraf kennt Julia Klöckner die Thematik und begleitete Ilse Aigner als Parlamentarische Staatssekretärin beispielsweise im Jahr 2010 mit dem Info-Bus „Vielfalt on Tour“ [5]. Gerade deswegen sollte sie nicht mehr auf Zeitspielen. Das „geballte Wissen“ ist seit 15 Jahren da. Gerd Hauner: „Wir haben ein Umsetzungsproblem!“ Nur der eigene Schatten stört: Eine Nährwertampel war nie Klöckners Steckenpferd und positionierte sich als Ministerin früh gegen eine Zuckersteuer [6].

The times they are a changing

Hauner ist nicht der einzige Experte, der bei den vergangenen Ansätzen zur Verhaltensprävention die Effekte vermisst. Bei Bildung, Beratung  und Kommunikation haben Bund und Länder viel gemacht, lobt Prof. Ulrike Arens-Azevedo – Aber: „Wir haben noch nicht viel erreicht.“ Die Bundesländer fahren unterschiedliche Programme bei der Bildungsarbeit. Erntet Deutschland langsam die ausbleibenden Erfolge falscher Ansätze?

Prof. Dr. Hans-Konrad Biesalski berichtet von Untersuchungen aus Brandenburg bei Kindern zwischen drei und vier Jahren. Armut und Mangelernährung führen zu „Stunting“, einer körperlichen Abweichung in der Körpergröße nach unten. Die Kinder sind zwischen 0,5 und 1,8 Zentimeter kleiner als der Durchschnitt. Die Studie geht von einem Prozentsatz in Deutschland von 1,7 Prozent der Kinder mit Stunting, 3,7 Prozent mit Übergewicht und 0,1 Prozent mit Adipositas aus. Übergwicht geht nach Biesalski oft mit Mangelernährung einher, so dass die Kinder unter einer doppelten Last leiden.

Die frühe Prägung des Kindes rückt in den Vordergrund. Nach der Leiterin des neuen Instituts für Kinderernährung am Max-Rubner-Institut, Regina Ensenauer, gehen bereits 40 Prozent der Frauen zu dick in ihre Schwangerschaft. Das Risiko für späteres Übergewicht erhöht sich um den Faktor drei.

Gegen die Unendlichkeit der freiwilligen Vereinbarungen durch die Politik wandte sich Dr. Kai Kolpatzik von der AOK. Zusammen mit der Universität Hamburg hat er die Effekte der freiwilligen Einschränkung von Lebensmittelwerbung an Kinder untersucht [7]. Firmen im EU-Pledge haben ihre Werbung an Kinder sogar noch erhöht. Nur noch ein Verbot helfe. Norwegen und Schweden haben es bereits eingeführt, Frankreich sei dabei.

Dr. Andrea Lambeck ist Geschäftsführerin des Berufsverbandes der Oecotrophologen und warnt vor der neuen Gefahr selbst ernannter Ernährungsberater in den sozialen Medien, die oft viel Unfug verbreiten.

Kritik an den Ernährungswissenschaftlern kommt von Prof. Dr. Peter Nawroth vom Universitätsklinikum Heidelberg. Die Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler beruhen zumeist auf Beobachtungsstudien und stellen keine Kausalitäten auf. Das führe zu falschen Empfehlungen und zu populistischem Aktionismus. Alleine der Umzug in ein angenehmeres Wohnumfeld habe größere gesundheitliche Effekte auf Bluthochdruck, Diabetes und Gewicht als die Reduktion von Zucker. Nawroth fordert, von den anderen Experten bejaht, eine große Interventionsstudie für Deutschland, damit die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung klarer werden. Es geht ihm um die „Effektgröße“ einer Maßnahme. Eine fehlende Lebensperspektive habe mehr Einfluss auf Herz-Kreis-Erkrankungen als Ernährung und Bewegung.

Die Forderungen aus der Wissenschaft

Verbraucher mit einem gesünderen Lebensstil ernähren sich auch gesünder, verzehren mehr pflanzliche Kost und sind achtsamer auf sich und über das, was auf ihren Teller kommt. Eine Nährwertkennzeichnung wird dort genauso wenig „Erfolg“ haben, wie bei den Menschen, die sich überhaupt nicht um ihre Gesundheit kümmern wollen. Die ersteren brauchen es nicht, die letzteren bleiben dauerhaft unerreichbar.

Eine bunte Signalkennzeichnung macht Sinn bei den Personengruppen, die gesünder leben wollen, aber nicht wissen wie es geht. Die Vorteile liegen nach Hauner deutlich über möglichen Negativabweichungen, dass Lebensmittel farblich falsch einsortiert werden. Die Politik habe nach dem jahrelangen Scheitern der Verhaltensprävention jetzt die Verhältnisprävention umzusetzen, fordert Ulrike Arens-Azevedo. Basisarbeit in Kitas und Schulen liege mit den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) vor. Mehr Pflicht und bindend in allen Bundesländern müssten für die Gemeinschaft der Bundesbürger auf dem Programm stehen. Dazu gehört, dass aus dem Nationalen Aktionsplan eine für die Bundesrepublik eine gemeinsame Ernährungsstrategie aufgestellt werde. Wie wenig Gemeinsamkeit besteht, zeigt der aktuelle Streit um die NutriScore-Kennzeichnung bei Iglo gezeigt [8]. Es gilt, Narreteien dubioser Abmahnvereine Grenzen zu setzen.

Biesalski hat den Finger auf die Wunde der sozialen Ungleichheit gelegt, die strukturell ein  Problem von ungesunder und fehlernährender Lebensweise ist. Sprachstörungen bei Kindern, die aus armen Verhältnissen kommen, wie Biesalski aufzeigte, kann sich eine Industrienation nicht leisten dürfen wollen. Dieses Versagen resultiert mittlerweile aus der falschen Strategie der Politik. Berlin darf das Moderieren von Problemen nicht als Ausrede für Entscheidungslosigkeit  nutzen. Nach Hauner ist die deutsche Ernährungspolitik überaltert und sollte nicht mehr ein „Anhängsel“ des Landwirtschaftsministeriums sein. Eine Zuckersteuer gibt es in rund 40 Ländern, regulative Maßnahmen in mehr als 60 Ländern. Hauner plädiert für „sinnvolles und intelligentes regulieren“. Er verweist auf einen Begriff aus den USA. Dort wird die Lebensmittelqualität und -quantität schon als „toxisches Umfeld“ bezeichnet. „Wir waren noch nicht von so vielen gefährlichen Lebensmitteln umgeben, wie heute.“

Mit dem Adjektiv „gefährlich“ will Hauner keine Lebensmittel diskriminieren. Das ist schließlich die Urangst der Ernährungsindustrie. Aber die Zeiten, in denen der Mensch lebt, haben sich geändert. Noch immer ist der Stoffwechsel des Menschen darauf ausgelegt, „nicht zu verhungern“, erklärt Dr. Gerhard Koch. Um das Jahr 1900 legten die Menschen bis zu 20 Kilometer am Tag zu Fuß zurück. Heute trifft die Welt der Lebensmittelvielfalt auf Menschen, die in der Regel nur noch sitzen. Schüler werden heute nicht eingeschult, sondern „eingestuhlt“, so Koch. Auf diesen Konflikt muss die Politik reagieren und beispielsweise bei der Stadtplanung wieder mehr Wert auf Bewegung legen, fordert Koch. Ein buntes Nährwertzeichen wird den Schulweg nicht sicherer machen, gilt aber als Zusatzbaustein auf einer anderen Ebene, Kinder wieder zu Fuß zur Schule gehen zu lassen. Beides zusammen erzeuge eine Synergie.

Es ist der Instrumentenmix und keine einzelne Maßnahme, der im Kampf gegen Übergewicht erfolgreich ist, betont Arens-Azevedo. Dass mit Migranten eine besonders sensible Personengruppe anzusprechen ist, ist ebenfalls längst bekannt [9].

Julia Klöckner kann diese Konsultationswoche nutzen, den Grundstein für einen integrierten Ansatz „Public Health“ zu legen. Das ist trotz Präventionsgesetz aus dem Jahr 2015 bisher nicht gelungen. Was die Länder machen, weiß der Bund nicht. Die Krankenkassen sind nicht an einer kassenübergreifenden Aktivität zur „Gesundheitsförderung in Lebenswelten“ bereit. Das Bundesgesundheitsministerium windet sich in einer Antwort an Bündnis 90/Die Grünen im September 2017 heraus: „Die Bundesregierung erwartet, dass die Krankenkassen ihre Leistungen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten … erbringen.“ Taten sind messbar.

Lesestoff:

[1] Gründungskongress peb 2004 in Berlin: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/ernaehrung-und-bewegung.html

[2] Ernährung und Bewegung: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/ernaehrung-und-bewegung-4606.html

[3] Aktionsplan bis 2020: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/deutschland-in-form.html

[4] Planung für einen langen Weg: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/in-form-geht-online.html

[5] Lieblingsapfel Bio: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/aigner-eintrag-ins-klassenbuch.html

[6] peb statt Ampel (2010) https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/peb-statt-ampel.html  und keine Zuckersteuer (2018) https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/bmel-will-keine-zuckersteuer.html

[7] Kindermarketing im Internet nimmt zu: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/kindermarketing-im-internet-nimmt-zu.html

[8] Wie wichtig ist der NutriScore? https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/ampelstreit.html

[9] Migranten und Konsum: https://herd-und-hof.de/handel-/migranten-und-konsum-teil-i.html 

Roland Krieg

Zurück