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Neue Ernährungsarchitektur

Ernährung

Welternährung: Herausforderung für die Organisationen

Eine Woche vor dem Welternährungsgipfel in Rom stellten in Berlin Zivilgesellschaft ihre Positionen gegen die Hungerkrise dar. Teil I auf Herd-und-Hof.de die richtige Ausrichtung der „Grünen Revolution“.

Neue Ernährungsarchitektur
Millionen hungernde Menschen auf der Welt sind nichts Neues und es gibt eine Vielzahl an Weltorganisationen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die UN hat mit der FAO auch eine Stelle geschaffen, die das Thema im Namen trägt. Trotzdem hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum etwas geändert und 2009 gibt es nach einem Rekordjahr bei der Getreideernte auch eine Rekordzahl hungernder Menschen. Schon alleine das spricht wenig für den Erfolg der bestehenden Organisationen, fasste Michael Windfuhr von Brot für die Welt zusammen. Schlimmer noch: Als bei dem knappen Getreideangebot 2007 die Exportnationen Thailand, Vietnam und Indien auf Grund der hohen Preise zunächst ihr eigenes Volk versorgten und den Export einstellten, brach die Kette der Hungerkrisen erst richtig los. Allen voran war die Food and Agriculture Organisation nicht in der Lage, darauf zu reagieren. Es war auch das Ende des Vertrauens in den Handel, der Nahrung verteilen helfen sollte, so Windfuhr. Denn: Rechnerisch reichen die derzeit produzierten Lebensmittel für alle Menschen aus.
Die Evaluierung der FAO 2006 und 2007 erstellte eine schlechte Bilanz: Schlechter Ruf, ineffizient und wenig fokussiert. Das Prinzip „Ein Land, eine Stimme“ scheint nach Michael Windfuhr besonders den Industrieländern nicht zu gefallen, die ihre Interessen eher bei der Weltbank und WTO durchsetzen können. Der Beschluss zur Reform der FAO soll direkt nach dem Gipfel am 19. November gefasst werden.
In den letzten Jahren habe es mit dem Überwachungskomitee CFS (Committee on World Security) und dem Umsetzungsprogramm WFP (World Food Programme) sowie dem Fonds IFAD (International Fund for Agricultural Development) viele Versuche gegeben, die Koordination zu verbessern.
Die FAO biete jedoch auch „Güter“ die es ohne sie gar nicht gäbe, so Windfuhr. Die FAO sammelt Informationen über Agrarmärkte, erstellt Leitlinien, wie die über Fischerei, und führt Politikberatungen durch. Daher ist es nicht im Interesse der Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, die FAO abzuschaffen, sondern über das CFS zu stärken. Es könnte ein Koordinationsgremium für Geber- und Empfängerländer, internationalen Organisationen und ihren eigenen Vertretern werden.

Landnahmen
Die Aufgaben des CFS wären auch groß. Foreign Direct Investment ist eine der großen Treiber, die bei Entwicklungsländern für Unruhe sorgen. Vor kurzem stellte die UNCTAD in Berlin ihren Finanzreport vor und suchte die Balance zwischen „Landraub“ und „Vorsorge“.
Vor dem Ernährungsgipfel mahnte Evelyn Bahn vom INKOTA-Netzwerk vor allem die negativen Auswirkungen an. Die 22 Millionen Hektar, die derzeit von ausländischen Unternehmen vor allem In Afrika und Asien gepachtet wurden, seien nur die „Spitze des Eisbergs“ und müssen vor allem unter dem Aspekt gesehen werden, dass den Kleinbauern, die kaum Grundbucheinträge für ihr Land haben, ihre Produktionsgrundlage verlieren. Daher stellt INKOTA die Förderung an den Ernährungsgipfel auf, die Menschenrechtsverletzungen anzuerkennen. Doch stehe das Thema im Entwurf derzeit nur in Klammern.
Die ersten Ansprechpartner für die Ausgestaltung der Verträge wären die mitverhandelnden Regierungen, so Bahn zu Herd-und-Hof.de. Die Parteien seine aber nicht gleichgewichtet, die Unternehmen versprechen im Gegenzug dringend benötigte Verbesserungen der Infrastruktur und die lokale Politik sehe innerhalb der Legislaturperiode oft nur den schnellen Erfolg. Die Verträge kämen vor allem den politischen Eliten im Lande zugute. „Good Governance“ müsse das Leitprinzip des Verhandlungsrahmen werden. Helfen könnte dabei die Zivilgesellschaft, die in den Entwicklungsländern aber noch nicht so stark vertreten ist.

Welche Technologie ist die „richtige“?
Kritik an der Zahlenarithmetik äußerte Nicole Piepenbrink von Misereor. Zentrale Aussage der Politik sind die 70 Prozent mehr Lebensmittel, die für neun Milliarden Menschen bis 2050 produziert werden müssten. Diese Zahlen folgen nicht nur dem Bevölkerungswachstum, sondern resultieren auch aus den sichtbaren Veränderungen des Ernährungsstils. Die Schwellenländer konsumieren mehr Fleisch und Fertigprodukte. Problematisch ist nach Piepenbrink dabei, dass diese Berechnungen auf den energieintensiven Konsummustern der Mittel- und Oberschicht beruhen. Soll die Landwirtschaft diese Bedürfnisse befriedigen, werde deren Technologie den Hungernden nicht helfen, so Piepenbrink.
Hohe Erträge sind nicht nur über intensiveren Einsatz von Betriebsmitteln und Gentechnologie möglich. Die Projekterfahrungen von Misereor zeigen Alternativen auf. Traditionelle Anbaumethoden mit lokalen Sorten und Tieren zeigen ihre Stärken nicht in den guten Jahren, wenn die hochmoderne Agrarindustrie wuchern könne, sondern gerade in den schlechten Jahren, wo diese zusammenbricht und die traditionelle Wirtschaft immer noch das Überleben garantiert.
Nachhaltigkeitsstudien aus Uganda haben gezeigt, dass Misereor-Projekte der nachhaltigen Landwirtschaft den Bauern ein einkommen generieren hilft, das 50 Prozent über den konventionellen Vergleichsbetrieben liegt.
Rudolf Buntzel vom Evangelischen Entwicklungsdienst fügt hinzu, dass gerade in den semiariden Gebieten die Familien nicht-marktfähige Produkte erzeugen. Dazu zählt Stroh als Abdeckung für das Dach oder als Einstreu für das Vieh, Unkraut, das als Viehfutter genutzt wird oder Ackerrandstreifen, die auch als Nahrungsquelle dienen.

Der komplexe Ansatz fehlt
Der Kampf gegen den Hunger ist mehr als der Einsatz neuer und teurer Betriebsmittel. Die Organisationen, die im Forum Umwelt & Entwicklung (FUE) zusammengefasst sind, machten eine Woche vor dem Ernährungsgipfel deutlich, wie Komplex die Lösung sein muss. Michael Windfuhr spricht von „vermaschten Wirtschaftskreisläufen“, die den Entwicklungsländern noch fehlten. Während es in Europa undenkbar wäre, dass auch nur ein Bauer ohne finanzielle Hilfe auskommen müsste, sei es in Afrika die Regel, dass 98 Prozent der Bauern in einer Region keine Hilfe erhalten und die zwei verbliebenen Prozent mit internationalen Geldern Ananas und Kakao für den Weltmarkt produzieren. Indien produziere zwar 60 Millionen Tonnen Getreideüberschuss, habe aber auch 20 Millionen Hungernde im Land. Die Ertragsfixierung in der Landwirtschaft könne keine Lösung bieten.
In Malawi produziere der Norden beispielsweise einen Maisüberschuss, während der Süden Versorgungsdefizite habe. Doch, so Windfuhr, ist es nicht möglich, den Überschuss einfach in den Süden zu fahren. Dort werde zunächst Importmais gekauft, der möglicherweise einst aus dem Norden exportiert wurde.
Warum es aber so schwer ist, das Rad zu wenden, erklärte Rudolf Buntzel. In Betriebsmittel zu investieren sei viel einfacher als in Menschen und Wissen. Das bezieht ich aber auch auf die Betroffenen – ihnen erscheint es zunächst bequemer, ihr eigenes Wissen zu vergessen und sich über den Markt zu versorgen.

Lesestoff:
Das Positionspapier zum Welternährungsgipfel finden Sie beim FUE unter www.forumue.de -> Aktuelle Positionspapiere
Der Evangelische Entwicklungsdienst hat im Juni 2008 das Buch „Die Enthüllungen der Grünen Revolution für Afrika“ herausgebracht. Das Buch zeigt nicht nur, dass eine Übertragung der Grünen Revolution aus Asien nach Afrika alleine wegen der verschiedenen Verhältnisse der Agrarlandschaften und Böden nicht funktionieren kann, sondern auch, dass hinter einer Vielzahl von Protagonisten dieses Entwicklungsansatzes in den immer gleichen Gremien und Verbänden auftauchen. www.eed.de
Nordrhein-Westfalen verfolgt den kommunalen Entwicklungsansatz, wie eine Tagung in Bonn 2009 aufzeigte.
Ein Promotionskolleg des Wuppertal Instituts zeigte im letzten Jahr Wege zu einer ressourcenleichtere Weltökonomie auf.
Im Sommer 09 tagte die internationale Zivilgesellschaft zwei Tage lang in Berlin, um bei McPlanet über Lösungsansätze nachzudenken.

Roland Krieg

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