Obst und Gemüse stehen ständig unter Strom
Ernährung
Konsum von Obst und Gemüse nicht in Kilo messen

Zum 25. Jubiläum hat sich die Messe Berlin mit der Fruit Logistica selbst beschert. Was 1993 mit 100 Ausstellern anfing lädt seit heute 3.107 Aussteller unter den Funkturm. 3.000 Quadratmeter Hallenfläche sind für die Weltleitmesse für Obst und Gemüse neu ausgestattet worden. Die bis Freitag erwarteten 70.000 Fachbesucher würden auch das Berliner Olympiastadion füllen, sagte Messechef Christian Göke am Dienstag stolz. Sie reisen aus 130 Ländern an und machen die Fruit Logistica zu einer der internationalsten Messen. 80 Prozent der Aussteller und 82,3 Prozent der Besucher kommen aus dem Ausland.
Da passt es ganz gut, dass zum Silberjubiläum Deutschland als Partnerland gewählt wurde. Denn Deutschland ist nicht nur einer der größten Importeure von Obst und Gemüse, sondern exportiert auch immer mehr frische Früchte. Dazu hat die Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen für Obst und Gemüse mit www.germany-your-garden.de eine neue Internetseite erstellt. Vom Bodenseeobst bis zu Äpfeln aus dem Alten Land Äpfel und Birnen für O+G aus Deutschland.
Um die Branche auf ihrem Berlin-Besuch noch näher zu bringen, hat die Messe GmbH in diesem Jahr freies WLAN und eine Networking-App zur Verfügung gestellt, auf der sich schon vor offiziellem Messestart mehr als 2.000 Besucher tummelten.

„Always on“
Für Geschäftsführer Dr. David Bossart vom Schweizer Gottlieb Duttweiler Institute hat die Branche bis 2025 eine spannende Zulunft vor sich. „Always on“ dürfte man als „ständig unter Strom“ übersetzen, denn die alten Lieferketten vom erzeuger zum Kunden sind auch bei Obst und Gemüse vorbei. Die Innovationen kommen vom Kunden selsbt, der im digitalen Zeitalter zur „Ungeduld“ verführt wird. Schlüsselelemente für die Zukunftsfestigkeit sind Datenmanagement und Datenanalysen, die den Warenfluss bestimmen. Händler werden sich fragen müssen, welche Funktionen sie für die Kunden erfüllen müssen. Dabei steht der Gesundheitsaspekt bei Obst und Gemüse ganz weit oben. Europaweit können durch Prävention viele Milliarden Euro pro Jahr an Gesundheitskosten eingespart werden. Frische sei die neue „Religion“ und die Erzeuger müssten sich fragen, wie Frische noch frischer werden kann.
Die Kunden versorgen sich mit „Self-Tracker“ und monitoren ihre Körperfunktionen. Bossart bezeichnet diese Softwarelösungen als „Big Mother“-Technologien. Fürsorglich betreuen sie den Kunden und wollen nur sein Bestes. Obst und Gemüse gehören zur personalisierten Ernährung dazu.
Das wirke sich auf die Erzeuger aus. Neben dem klassischen Landwirt, treiben „vertical Farming“ und der Kräuteranbau im Lebensmittelhandel den Begriff Frische weiter voran. Schon heute würden „Healthy Deliveries“ Pizza und Currywurst ersetzen.
Spielt der Kunde noch mit?
Im letzten Jahr haben die Bundesbürger 88,7 kg Obst für 180,78 Euro eingekauft. Äpfel und Bananen stehen wie immer ganz oben. Melonen und Trauben sind die Gewinner in den letzten drei Jahren. Beim Frischgemüse wurden 71,7 kg für 173,54 Euro eingekauft und wie immer am meisten Tomaten verzehrt. Zwiebekln und Möhren sind auf den Plätzen drei und zwei wieder auf das Niveau von 2014 zurückgekehrt.
Doch die Zahlen liest die Deutsche Gesellschaft für Ernährung etwas anders. In ihrem 13. Ernährungsbericht hat sie den weiteren Rückgang beim Verzehr von Obst und Gemüse verzeichnet [1]. Alle Plakataktionen der letzten Jahre, die Aktion „5 am Tag“ und wissenschaftliche Gesundheitsaussagen scheinen bei den Kunden abzuprallen. Das macht das Podium ratlos. Dieter Krauß, Präsident des Deutschen Fruchthandelsverbandes, musste einspringen. Die Fruit Logistica und ihre Rekorde haben sich von der Kundenseite nicht entfernt, entgegnete er Herd-und-Hof.de. Es gebe das „emotionale Problem, dass Obst und Gemüse nicht ihren entsprechenden Stellenwert einnehmen“. Äpfel, Birnen und Kohl sind „eben nicht sexy genug“. Doch der Lebensmittelhandel übernehme die Verantwortung und möbele seine Frischabteilungen auf, was eben auch auf der Fruit Logistica zu sehen ist. Die Branche müsse weiterhin an Emotionen und Werbetrends jenseits des Produktes arbeiten. Bossart sieht eher ein deutsches Problem. Der Kunde ist sehr viel preisbewusster und Convenience ist hierzulande noch nicht so weit verbreitet, wie in anderen Ländern.
Zudem werden Obst und Gemüse mittlerweile in den verschiedensten Formen in verarbeiteten Produkten und neuen Formen unter die Käufer gebracht. Davon erzählen Gesundheitsbewusste, die über soziale Medien für eine Verbreitung sorgen. Dieses Up-Trading hat die Branche in der Tat erfasst, erläuterte Hans-Christoph Behr von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). Den Konsum müsse man nicht nach der „Kilo-Mentalität“ messen. „Das führt uns in die Irre.“ Obst und Gemüse sind keine Bulkware. So sind Beeren der neue Trend, die von den Kunden auch nicht in Massen genossen werden. Die smart verpackte Snack-Tomate für unterwegs und der Picknick-Apfel sind gerade erst dabei, die Kunden zu erobern.
Lesestoff:
[1] Obst und Gemüsekonsum weiter rückläufig: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/obst-und-gemuese-konsum-weiter-ruecklaeufig.html
Roland Krieg; Fotos: Messe GmbH