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Obst und Gemüse

Ernährung

Fachtagung der ZMP nach der Osterweiterung

> Nachdem die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) bereits kürzlich zum zweiten Mal über die Agrarmärkte der neuen Mitgliedstaaten (NMS) konferierte, tagen seit gestern über 100 Obst- und Gemüsespezialisten aus 12 Ländern im Berliner Dorint Hotel über Effekte und Chancen der EU-Osterweiterung. Denn so verlockend frisches Gemüse auf dem Küchentisch wirkt und der Gesundheit gut bekommt: Gerade in Deutschland erlebten die Gemüsebauer mit einer Überschussproduktion 2004 ein Fiasko am Markt, so Ralf Goesseler, Geschäftsführer der ZMP. Die erzielten Preise waren nicht kostendeckend. Daher sollte viel mehr um Strategien diskutiert werden, wie der Gemüseverbrauch zu steigern ist. Kinder lassen Würstchen und Fritten stehen, sobald der Dipp für klein geschnittenes Gemüse als Fingerfood stimme.

Der Obstmarkt
Zwar ist die europäische Gesamtbevölkerung um 20 Prozent gewachsen, aber die Obsterzeugung blieb mit einem Plus von 12 bis 16 Prozent unterdurchschnittlich. Dr. Wilhelm Ellinger aus der Abteilung Gartenbau der ZMP sieht sogar noch genauer hin: Da das meiste Obst aus schlecht bezahlter Industrieware besteht, ist bei den niedrigen Erzeugerpreisen in den NMS der Produktionswert noch geringer.
Es gibt aber Unterschiede zwischen den Produkten. 70 Prozent der Obstproduktion besteht aus Äpfeln, womit die EU-25 ihren heimischen Markt um 50 Prozent gesteigert hat. Zudem steuern die NMS 80 Prozent mehr Kirschen und Strauchbeeren bei. Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich das Handelsvolumen von 400 Millionen Euro in jede Richtung auf mittlerweile 700 Millionen erhöht. Dabei exportiert die EU-15 mehr Frischobst in die NMS und bezieht umgekehrt mehr Tiefkühlware und Säfte aus den NMS.
Mit 8 Millionen Tonnen ist die EU-15 der größte Frischobstimporteur der Welt. Die neuen Länder haben mit drei Prozent nur einen geringen Anteil daran. Sie können nur wenig bieten was die EU nicht selbst bereits hat. Ihre Stärken liegen bei Halbfabrikaten für die verarbeitende Industrie. Im Preiskampf haben sie die Nase vorn.
Der Beitritt hatte eine lange Vorlaufzeit und wurde durch Assoziierungsabkommen eingeleitet. Bis dahin verhinderte ein Mindestpreissystem, dass die neuen Länder billige Ware in die EU liefern. Der Wegfall dieses „Entry Price Systems“ erleichterte gerade Tafeläpfeln den Marktzugang. Im Jahr vor dem Beitritt handelte die alte EU ein Plus von 52.000 Tonnen Äpfeln heraus. Im zurückliegenden Wirtschaftsjahr hat ist daraus ein Minus von 29.000 Tonnen geworden. Das lag vor allem daran, dass Polen mit europäischer Finanzhilfe seine Lagerkapazitäten ausbauen konnte.
Insgesamt aber werden die Beitrittseffekte auf dem Obstmarkt durch beispielsweise Witterungseffekte überlagert, fasste Dr. Ellinger zusammen. Ein Jahr ist für eine Bewertung auch noch zu kurz. Den NMS bieten sich durch steigende einheimische Nachfrage und durch den Kostenvorteil gegenüber der alten EU verschiedene Absatzperspektiven.

Der Gemüsemarkt
Auch auf dem Gemüsemarkt ergibt sich ein unterdurchschnittliches Wachstumsbild – vergleichsweise wie für Obst, so Dr. Hans-Christoph Behr aus der Abteilung Gartenbau der ZMP. Pro Kopf werden in den Beitrittsländern 100 bis 125 kg weniger Gemüse geerntet als in der EU-15.
Die neuen Länder importieren vor allem Frischgemüse und exportieren verarbeitete Produkte. Da der Außenhandelsschutz von vorn herein viel geringer gewesen ist, zeigen sich fast gar keine Beitrittseffekte. Stark sind die NMS bei Zwiebeln, Kohl und Wurzelgemüse. Bei Kopfkohl und Rote Beete hat sich die Produktion sogar verdoppelt. Wie auch bei Obst, sind Polen und Ungarn die beiden dominanten Produktionsländer. Zwei Drittel des „neuen“ Gemüse wird in Polen und 22 weitere Prozent in Ungarn geerntet. Sie sichern sich den Markt für die Herstellung von Verarbeitungsgemüse, vor allem für Tiefkühlware. Der Branchenverband rechnet den beiden Ländern einen Anteil von 20 Prozent in der EU an. Polen hat sich dabei mit 400.000 Tonnen den zweiten Platz hinter Belgien (700.000 t) gesichert.
Dr. Behr sieht die Vorteile der NMS in den niedrigen Lohnkosten, den niedrigen Bodenpreisen und eine hohe Flächenverfügbarkeit durch weite Fruchtfolgen in der Landwirtschaft. Zu verbessern ist die Arbeitsproduktivität, eine Bündelung des Angebots und generell die Infrastruktur. Gegenüber den Angeboten aus den Supermärkten zeichnet sich der Trend ab, dass die Verbraucher lokale Ware präferieren. Verlierer in den alten Ländern werden die Produzenten sein, so Dr. Behr, die das liefern, was in den Lagern der NMS bereits existiert. Die Mängel in den Lagerkapazitäten wird es in Zukunft nicht mehr geben.

Tschechische Gemüsebauern in der Defensive
Einen Erfahrungsbericht aus Tschechien gab Karel Holik, Geschäftsführer eines Gemüsehandels wieder. Die Bauern haben den Beitritt als sehr dramatisch erlebt. Sie wurden mit Großhändlern konfrontiert, die Ware nicht bezahlten, Markttricksern und von Bankrott bedroht. Weil die Supermärkte preiswertere Ware zu höheren Qualitäten anboten sank die Gemüseproduktion zwischen 2004 und 2005 von 420.000 auf 250.000 Tonnen. Die Anbaufläche ging um 3.500 Hektar auf 10.000 Hektar zurück. Die Bauern sind praktisch in den Markt gefallen: 2001 konnten sie keine Kooperationen mit den Supermärkten aufbauen, 2002 gab es Überflutungen, 2003 das Trockenjahr und 2004 die europäische Überproduktion.
Die Bauern stehen vor einer unsicheren Zukunft. Nach Holik brauchen sie verlässliche Geschäftspartner, wobei sie nicht in einen Preiskampf verfallen dürfen, um das Gemüse in den Supermärkten zu listen. Sie nutzen auch neue Chancen. So gab es 2003 keinen Spargelanbau in Tschechien, aber 2005 bereits 900 Tonnen von 150 Hektar. Vorteile sieht Holik bei den großen Betrieben mit 50 Hektar aufwärts. Das Land kann auch seine technologischen Vorteile in der Weiterverarbeitung ausspielen, um sich zu behaupten. In Stadtnähe steigen langsam die Erzeugerpreise und die Bauern können in Spezialgeschäften ihre Ware anbieten. Für die anderen prägte Holik den Satz: „Unsere Gemüsebauern starben den Supermarktod.“

Apfelland Ungarn
Obstanbau hat in Ungarn eine lange Tradition. Der Beitritt hat den Bauern jedoch nicht nur gutes gebracht. Pfirsiche, Nektarinen und vor allem Tafeläpfel sind die Verlierermärkte, Sauerkirschen, Aprikosen und Zwetschgen stehen auf der Gewinnerseite. Trotzdem gibt es auf dem Apfelmarkt ein uneinheitliches Bild, wie Anita Ferenc vom ungarischen Obst- und Gemüseverband aufzeigte:
Auf 30.000 Hektar werden Äpfel angebaut, wobei nur etwa ein Drittel der Betriebe überzeugend wirtschaftet. Sie ernten zeitgemäße Sorten, die auch ihren Absatz finden, ernten über 40 Tonnen pro Hektar, haben eine gute Infrastruktur und einen sicheren Absatz. Am Bodensee werden die Apfelplantagen alle 15 Jahre gerodet, weil sie wirtschaftlich nicht mehr tragfähig sind. Auf Ungarn übertragen, müssten nach Verbandsangaben rund 20.000 Hektar ersetzt werden. Zielvorstellung sind Produktionskosten in Höhe von 15 Cent je Kilo Äpfel, damit man der chilenischen Ware Paroli bieten kann. Chile produziert Äpfel für 20 Ct/kg. Da allerdings die EU für die kommenden WTO-Verhandlungen offenbar bereit ist, den Handel für Obst und Gemüse frei zu geben, warnt Ferenc davor, dass die ungarischen Bauern dabei auf der Strecke bleiben werden.
Sie setzt auf den heimischen Markt, denn was Geschmack, Süße und Geruch angeht, werden die ungarischen Äpfel beim Verbraucher immer beliebter – sie zahlen sogar schon höhere Preise für heimische Ware. Dahinter steckt sicher auch eine Werbe- und Gesundheitskampagne für Obst und Gemüse, die mit der deutschen www.5amtag.de vergleichbar ist. In Ungarn werden drei Portionen Obst pro Tag empfohlen. In Ungarn haben die meisten Menschen noch Nutz- statt Ziergärten, so dass für viele der „Ab Hof Verkauf“ eine lohnende Vermarktung sein kann. Das haben auch die westlichen Lebensmittelketten erkannt. Anita Ferenc beschwert sich höflich über „andere Vermarktungsstrategien“ des Handels. Billige Importware wird oft umverpackt und umetikettiert, weil sie als „ungarische Ware“ besser verkauft wird.

Im Oktober hatte das Osteuropaforum der ZMP den Strukturwandel und die neuen Verbraucher im Blickpunkt gehabt.

Roland Krieg

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