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Ernährung

Dioxin und Gammelfleisch

>Tessenderlo Chemie in Belgien: "Bei der Produktion von Gelatine wird zur Verarbeitung von Knochenfett Salzsäure verwendet." Jochen Heimberg vom Bundesamt für Verbraucherschutz in Bonn beschreibt, warum Dioxin in das Futter gelangte, weswegen auch in Deutschland sieben Mastbetriebe gesperrt wurden. Die Salzsäure wurde wegen eines defekten Filters nicht gereinigt und Dioxin gelangte in das Fett, dass dem Futter für Schweine und Geflügel beigemischt wurde. Holländer schlugen anhand ihrer Messwerte Alarm, die Maschinerie der Eilmeldungen an die Ministerien und Lebensmittelkontrolleure lief an, Warenzettel wurden analysiert und Betriebe gesperrt. Das System funktioniert.
Ende des letzten Jahres war auch die Serie der "Gammelfleisch"entdeckungen vorbei. Scheinbar. Ausgerechnet Europas größter Wildfleischbetrieb Berger machte unbeirrt weiter - und ausgerechnet wieder in der gleichen Region.
Verbraucherschützer, mancher Ökoverband und vor allem die regierende Politik weisen regelmäßig auf die "kriminelle Energie" einzelner schwarzer Schafe hin, was Verbraucher durchaus zu unterscheiden wüssten. Allerdings macht die Summe der Einzelfälle skeptisch.

Dioxin
Die Föderale Lebensmittelagentur in Belgien (FNS) gab in dieser Woche bekannt, dass mit der Salzsäure das Fett aus den Schweineknochen herausgelöst wird. Bei der Herstellung der Salzsäure entstehen unter anderem Dioxine, die mit Filtern wieder entfernt werden. Da Dioxin fettlöslich ist, reichert sie sich im Schweinefett an und wurde entdeckt. "Eine Gefahr für die Volksgesundheit ist nicht gegeben, da der Belastungsgrad sehr niedrig ist", verkündete Rudy Demotte, belgischer Minister der Volksgesundheit. Hingegen belegen andere Quellen aus Brandenburg, dass mit 400 Nanogramm pro Kilogramm Dioxin der EU-Höchstwert von zwei Nanogramm um das zweihundertfache überschritten wurde. Die Schlachttiere sind aber noch nicht im Handel, da sie gerade erst als Mastläufer gemästet werden. Was mit den Tieren passiert, wird in den nächsten Wochen entschieden.

Wild
Der Bundesverband der landwirtschaftlichen Wildhaltung (BLW) übte Mitte der Woche harte Kritik an der Lebensmittelkontrolle. Bei der Direktvermarktung werden die Betriebe intensiver kontrolliert und Verstöße mit empfindlichen Strafen geahndet. So ist es beispielsweise den Direktvermarktern nicht gestattet, die Hände mit normalen Handtüchern statt mit Papiertücher abzutrocknen.
Jäger sind dem Lebensmittelhygienepaket unterworfen. Dabei handelt es sich um ein einheitliches EU-Hygieneregelwerk, das die europäischen Verordnungen (EG) Nr. 852/2004 bis 854/2004 umfasst und für die Erzeugung und Vermarktung aller Lebensmittel einschließlich Wildfleisch gilt. Der Jäger muss als Lebensmittelunternehmer betriebliche Eigenkontrollen nach den Grundsätzen der Hazard Analysis and Critical Control Point (HACCP-System) durchführen und die ordnungsgemäße Herstellung des Lebensmittels dokumentieren.
Die Handelsbranche hingegen hat vielfach importiertes Antilopenfleisch zu deutschem Wild umdeklariert.

Nachfragesog
Mittlerweile bietet fast jeder Gasthof Wildspezialitäten an. So viele Bambis kann es in deutschen Wäldern gar nicht geben. Auf der Grünen Woche hatte Herd-und-Hof.de Gelegenheit mit Bärbel Neumann vom Forstamt Torgelow zu sprechen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Forstämter eben nicht Wild auf Vorrat halten, sondern bei einer Nachfrage sich erst einmal selbst informieren, wo gerade ein Tier geschossen wurde.
Die "Passauer Neue Presse" beruft sich auf einen Branchenkenner: "99 Prozent der Tiere, die zur Verarbeitung bei Wildbetrieben angeliefert werden, sind tiefgefroren." Selbst Importe aus Osteuropa können die Nachfrage nicht mehr decken.
So ist es aber auch mit dem generellen Fleischhunger der Deutschen. Die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft teilte mit, dass der Fleischverzehr 2005 pro Kopf um 400 Gramm auf 61,1 kg angestiegen ist. Seit der BSE-Krise und dem Verzehrstiefpunkt von 59,2 kg ist der Verbrauch kontinuierlich angestiegen. Aber zu welchen Kosten? Die Deutschen essen mehr Wild als es in den Wäldern gibt, verzehren so viel Schweinefleisch (39,5 kg/Kopf), dass die Futtermittel für Brandenburger Schweine aus Belgien kommen müssen? Die EU hat ein Eiweißfuttermitteldefizit von gut 20 Prozent, das mit brasilianischem Soja und amerikanischem Mais gedeckt werden muss. Die Filtertechnik, die Dioxin aus Salzsäure herausnimmt, hat dann nicht primär etwas mit Fütterung zu tun.
Der ehemalige Agrarminister Karl-Heinz Funke, jetzt Vorsitzender des BLW, empfiehlt den Verbrauchern, egal "ob Privathaushalt oder Gastronomie, Wildfleisch direkt beim landwirtschaftlichen Gehegehalter zu erwerben". Da sieht man, was man bekommt.
Warum nicht auch bei Schwein und Rind? Dann würde Fleisch nicht durch discountbillige Ware täglich entwertet. Wenn die Dauerskandale eines lehren, dann gerade hier, dass weniger "Mehr" sein könnte.

Roland Krieg

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