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Umsatz „Ohne Gentechnik“ bei zehn Milliarden

Ernährung

„Ohne Gentechnik“ gleichauf mit „Bio“

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„Der Markt für Lebensmittel ohne Gentechnik wächst seit Jahren und ist inzwischen fast so groß wie der Markt für Bio-Lebensmittel.“ Das Resümee von Alexander Hissting klingt stolz. Der Geschäftsführer vom „Verband Lebensmittel ohne Gentechnik“ (VLOG) darf das bei der Präsentation der Jahreszahlen Mitte Mai auch sein. Denn in weniger als zehn Jahren hat das Siegel diese Erfolgsgeschichte geschrieben. Zusammen mit Bio-Lebensmitteln zeigen die Zahlen die Nachfragestärke von Nachhaltigkeit bei deutschen Konsumenten.

VLOG: Die Zahlen

Im letzten Jahr hat das verarbeitende Gewerbe mit Lebensmitteln „Ohne Gentechnik“ 7,65 Milliarden Euro Umsatz erzielt. Nach Auswertung der von den Lizenznehmern übermittelten Daten weisen Milch und Molkereiprodukte mit 5,1 Milliarden als das wichtigste Marktsegment aus. Es folgen Geflügelfleisch mit 1,41 und Eiern mit 0,9 Milliarden Euro Umsatz. Plus Gewinnmarge und Umsatzsteuer schlägt der VLOG noch einmal 27 Prozent drauf und erreicht damit den Konsumentenwert von9,8 Milliarden Euro. Gegenüber 2017 ist das eine Steigerung von 41 Prozent und für dieses Jahr rechnet Hissting mit einem Wert von 10,9 Milliarden Euro.

Das ist nicht alles. Bis auf die Landwirtschaftsseite drückt sich der Nachfragesog durch und macht sich in Preisen für Futtermittel deutlich bemerkbar. Da importiertes Eiweißfutter mehr als weniger aus gentechnisch veränderten Pflanzen besteht, boomt auch die alternative Futtergewinnung aus heimischen Eiweißpflanzen. Obwohl tierische Produkte als gentechnikfrei gelten, wenn zwischen letzter Fütterung und Schlachtung einige Monate Wartezeit vergehen. Anfang Mai wurde Bio-Mischfutter doppelt so hoch notiert, wie konventionelles Futter. Legehennenfutter ist am teuersten und verzeichnet nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) einen Preiszuschlag von 50 Prozent für EU-Biofutter. Verbandsware ist etwas preiswerter, weil die Lieferverträge langfristig ausgestaltet sind.

Deutlich höher notiert auch Bio-Soja aus Europa. Für Lieferungen im Mai müssen die Landwirte für Sojaextraktionsschrot 289 Euro je Tonne hinlegen. GMO-freies Donau-Soja kostet in Süddeutschland bereits 398 und in Norddeutschland schon 417 Euro je Tonne. Das macht den Anbau trotz schwieriger Anbauverhältnisse und volatilen Erträgen interessant.

Die Geschichte

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hatte in seiner Ausprägung im August 2009 ein Siegel entwickelt, um Verbrauchern Orientierung über Produkte zu geben, die ohne Gentechnik produziert wurden. Auf der Grundlage des EG-Gentechnik-Durchführungsgesetzes dürfen Lebensmittel, die keine gentechnisch veränderten Bestandteile enthalten als solche gekennzeichnet werden. Basis ist die EU-Verordnung 1829/2003, die bestimmt, was gentechnisch veränderte Organismen sind. VLOG hatte sich damals als Gründung auf die Vermarktungsschiene gesetzt und bekam 2010 die alleinigen Markennutzungsrechte an dem Siegel. „Zu diesem Zeitpunkt war offen, ob und wie sich das Siegel am Markt etabliert“, heißt es aus dem heutigen Bundesagrarministerium (BMEL). Daher wurden keine Nutzungsentgelte erhoben. Die Zahl der Lebensmittel mit dem Siegel hat sich heute auf rund 13.000 erhöht.

Der FDP ist die Geschichte suspekt, weil der VLOG nach der Markenübertragung sich am Markt durchgesetzt und einen hohen Marktanteil erzielt hat. Andere und neue Siegel hätten es schwer, sich gegen den Platzhirschen durchzusetzen und mokierte sich in einem Fragekatalog an das BMEL über eine vermeintliche Bevorzugung durch einen „Interessensvertreter“.

Wissenschaftlich ist das Thema ebenfalls umstritten. Fleisch und Milch dürfen das Siegel tragen, obwohl die Tiere bei Einhaltung einer definierten Wartezeit gentechnisch veränderte Futtermittel vorgelegt bekamen. Die Lösung ist die Nutzung des Siegels auch für die Futtermittel. Doch nicht nur die „alten“ Gentechnikmethoden führen zu Veränderungen des Genoms. Die ganz alten Varianten, mit Hilfe von Bestrahlung oder Chemie neue Pflanzen durch hervorgerufene Mutagenese zu erzeugen, gibt es bereits seit den 1930er Jahren und sind, so das BMEL, „von den Verbraucherinnen und Verbrauchern akzeptiert“. Mehr als 3.000 Sorten werden weltweit angebaut, verarbeitet und gegessen.

In den letzten beiden Legislaturperioden hat sich das Ministerium in Brüssel für eine Prozesskennzeichung eingesetzt, aber keine Mehrheit erhalte. Danach dürften dann die Lebensmittel das Siegel verlieren, die mit Hilfe von gentechnisch veränderten Bakterien oder Hefen erstellt werden. So kann Speiseeis noch cremiger werden, wenn Frostschutzproteine den Gefrierprozess bei der Herstellung verhindern. Rund 30 dieser Proteine sind bekannt und können durch gentechnisch veränderte Bakterien gezielt hergestellt werden. Entsprechende Zulassungen sind für die USA, Australien und Neuseeland bereits beantragt. Das cremige Eis dürfte das VLOG-Siegel tragen, denn das Bakterium selbst ist im Eis nicht enthalten.

Die Erfolgsgeschichte des Siegels ist aber auch durch die neuen Züchtungsmethoden bedroht. Das weiß auch Alexander Hissting: „Wer Pflanzen, die durch Neue Gentechnik hergestellt wurden, von den Zulasssungs. Und Kennzeichnungsregelungen des Gentechnikrechtes ausnehmen möchte, zerstört die Grundlage für den Erfolg der Ohne Gentechnik-Lebensmittel.“

„Gentechnik“ gilt Wissenschaftlern mittlerweile als Schreckgespenst für die Konsumenten. Der Pflanzenbiologe Andreas Weber hat als Sprecher des Exzellenzclusters „Ceplas“ der Westdeutschen Zeitung in der letzten Woche ein Interview gegeben. Der Forschungscluster forscht mit Hilfe der Gentechnik an Pflanzen, die den künftigen Herausforderungen des Klimawandels und der menschlichen Ernährung gewachsen sind. Die Gentechnik ist nach Weber nicht „der einzige Ausweg.“ Für die Lösungen müsse an mehreren Stellschrauben gedreht werden. Auf die Nachfrage zum Label „Ohne Gentechnik“ als Entscheidungshilfe für Konsumenten  hat er eine deutliche Position: „Oft genug ist es auch völlig sinnfrei. Wie der Hinweis „Laktosefrei“ auf dem Schinken, der nie Laktose enthalten hat.

Nachgefragt bei Alexander Hissting

HuH: Durch die Übertragung der Nutzungsrechte am Siegel „ohne Gentechnik“ hat VLOG ein außerordentlich hohes Alleinstellungsmerkmal erreicht. Der FDP scheint das eine unfaire Starthilfe für den geschäftlichen Erfolg des Vereins zu sein. Wie bewerten Sie das?

Alexander Hissting: Der VLOG verfolgt keine wirtschaftlichen Interessen. Gelder, die er nicht zur Deckung seiner Ausgaben und der gedeckelten Rücklagenbildung benötigt, werden an die Zahler von Lizenzentgelten zurückerstattet. In der Anfangszeit, als dem VLOG die Vergabe von Lizenzen an dem einheitlichen „Ohne GenTechnik“-Siegel durch das BMEL übertragen wurden, waren ca. 15 verschiedene „Ohne Gentechnik“-Siegel am Markt. Auch heute ist jedes Unternehmen frei ein eigenes Zeichen zu nutzen. Die große Marktdurchdringung des einheitlichen „Ohne GenTechnik“-Siegels beruht auf der hervorragenden Arbeit des VLOG in den vergangenen 9 Jahren. Die große Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in das Siegels kommen weniger durch die Markenrechte der Bundesrepublik Deutschland, als vielmehr durch eine konsequent gelebte Qualitätsphilosophie des VLOG zu Stande. Der VLOG hat das einheitliche "Ohne GenTechnik"-Siegel zu dem gemacht, was es heute ist!

HuH: Während alle Bio-Kontrollstellen peinlich darauf achten, ihre Geschäftstätigkeit im Einklang mit der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS) zu halten, mahnt die FDP an, dass VLOG diesen Weg nicht geht. Warum haben Sie sich gegen DAkkS entschieden?

Alexander Hissting: Bislang hat sich der VLOG in Absprache mit den involvierten Zertifizierungsstellen und den Nutzern des „Ohne GenTechnik“-Siegels gegen eine DAkkS Akkreditierung entscheiden. Der mögliche Nutzen ist aus unserer Sicht kleiner als der zeitliche und monetäre Aufwand einer Akkreditierung. Bislang schaffen wir es in überzeugender Weise auch ohne Akkreditierung bei den Nutzern des Siegels und den Endverbrauchern eine hohe Glaubwürdigkeit der Kennzeichnung zu erzielen. Hierzu ist unser Zertifizierungsstandard die Basis. Dieser wird mit der Unterstützung von Expertinnen und Experten entlang der Wertschöpfungskette kontinuierlich weiter entwickelt.

HuH: Nicht nur mit den neuen Züchtungsmethoden wird das Thema Gentechnik komplizierter. Auch die Mutagenese durch Strahlung und Chemie sind wissenschaftlich gentechnische Verfahren der Mutagenese und nur rechtlich als Ausnahme freigesprochen. Zudem sind diese vom Verbraucher akzeptiert. Vielleicht auch nur aus Unwissen. Das Siegel "ohne Gentechnik" vereinfacht die Sichtweise über verschiedene Ansichten von Wissenschaftlern hinweg und kann mehr verwirren als Orientierung geben. Der Düsseldorfer Biochemiker Andreas Weber hat am 18. Mai in der Westdeutschen Zeitung das Siegel „ohne Gentechnik“ daher als „sinnfrei“ bezeichnet. Ist das Siegel eine Präjudizierung bei allen wissenschaftlichen Weiterentwicklungen?

Alexander Hissting: Das „Ohne GenTechnik“-Siegel wird auf Basis der geltenden gesetzlichen Bestimmungen vergeben – eine andere Wahl haben wir gar nicht. Die Vergabekriterien sind für jeden transparent, der sich dafür interessiert. Dass das „Ohne GenTechnik“-Siegel dem Verbraucher zusätzliche Wahlfreiheit bei seiner Kaufentscheidung gibt schmeckt nicht jedem. Schon gar nicht Personen, Verbänden und Unternehmen, die in der Entwicklung von gentechnisch veränderten Pflanzen einen wirtschaftlichen Vorteil für sich sehen - neu ist das aber nicht. Verbraucherausgaben für „Ohne GenTechnik“-Lebensmittel in Höhe von 10 Milliarden Euro im Jahr bestätigen uns auf unserem eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.

HuH: Das BMEL hatte sich in der Vergangenheit auf der EU-Ebene für eine Prozesskennzeichnung ein. Die findet derzeit keine Mehrheit. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von gentechnisch veränderten Futterpflanzen nach Wartezeit, sondern vor allem um die vielen Enzyme und Hefen, die in der Ernährungsindustrie gängigerweise eingesetzt werden, ohne dass sie deklariert werden müssen. Müssen sie die Prozesskennzeichung fürchten, weil viele Produkte das Siegel verlieren würden?

Alexander Hissting: Uns ist keine Initiative der aktuellen Bundesregierung oder des BMEL bekannt, wonach eine Ausweitung der EU-Gentechnik-Kennzeichnungsvorschriften angestrebt wird. Eine Ausweitung der verpflichtenden Gentechnik-Kennzeichnung auf Milch, Eier und Fleisch, wenn diese Tiere mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert wurden ist ganz in unserem Sinne – auch wenn es eine „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung quasi unnötig machen würde. Das primäre Ziel unseres Verbands ist aber auch nicht die Vergabe eines Qualitätssiegels, sondern die Schaffung von Transparenz für den Verbraucher beim Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Lebensmittelproduktion.

HuH: Vielen Dank für die Antworten.

Die Fragen stellte Roland Krieg

Roland Krieg

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