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Vernachlässigt die Politik das Thema Übergewicht?

Ernährung

Spielt Übergewicht keine Rolle mehr in der Prävention?

Bei einem Body Mass Index von mehr als 25 gehört Deutschland zu den übergewichtigsten Staaten der Welt. Die Prävalenz für Adipositas wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) auf zwischen 65 und 80 Prozent beziffert. Nur in den USA und Kanada ist sie höher.

Gewichtiges Problem

Der Body Mass Index bezeichnet das Verhältnis von Körpermasse zum Körpergewicht und kann einfach mit der Formel Körpermasse geteilt durch das Quadrat des Körpergröße in Meter selbst errechnet werden. Ein 1,75 großer Mensch hat bei einem Gewicht von 89 Kilogramm also einen BMI von 29. Ein Wert zwischen 18,5 und 25 im Rahmen der WHO-Definition gilt als Normalgewichtig, ein Wert von über 30 zeigt eine Adipositas an.

Im Zeitraum zwischen 2003 und 2006 waren 15 Prozent der drei- bis 17-jährigen übergewichtig und 6,3 Prozent adipös. Derzeit sind 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig sowie 23 und 24 Prozent adipös. Die Prävalenz, also die Krankheitshäufigkeit hat nach Analyse des Robert-Koch-Instituts in den beiden letzten Dekaden in Deutschland zugenommen. Vor allem im Erwachsenenalter.

Die Nationale Verzehrsstudie II des Max-Rubner-Instituts aus dem Jahr 2008 [1] hat gezeigt, dass bei 36 Prozent der Männer und bei 31 Prozent der Frauen die tägliche Energiezufuhr den Richtwert bei mittlerer Arbeit überschreitet. Ein Ende der Epidemie ist also nicht abzusehen.

Freude über Nutzen

Rund 70 Milliarden Euro kosten ernährungsbedingte Krankheiten das Gesundheitssystem. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe unterstrich in der letzten Woche auf der vierten Gesundheitswirtschaftskonferenz nur den Wachstumsbereich mit seinen Arbeitsplätzen: „Rund 230.000 Betriebe haben im vergangenen Jahr 268 Milliarden Euro erwirtschaftet. Damit stärken sie nicht nur die deutsche Wirtschaft, sondern stellen auch unsere gute Gesundheitsversorgung sicher.“ Mit 70,2 Milliarden trägt sie auch einen Teil der Exporteinnahmen. Gerade für die Pharma-Industrie. „Die Gesundheitswirtschaft ist eine High-Tech-Branche und spielt deshalb eine wichtige Rolle für den technischen Fortschritt“, zitiert das Bundesgesundheitsministerium einen Branchenreport von Booz und Company, einer Consulting-Tochter von PricewaterhouseCoopers.

Krankheit ausgeklammert

Partner der Gesundheitskonferenz war das Wirtschaftsministerium. Krankheiten hinter den Zahlen waren daher nicht das vorrangige Thema. Und da ist die Bilanz weniger glänzend. Folgeerkrankungen von Übergewicht werden als metabolisches Syndrom zusammengefasst und vom Arzt als Diabetes mellitus Typ II, Bluthochdruck und Herzerkrankungen behandelt. Der Branchengewinn könnte deutlich höher ausfallen, wenn die Bundesregierung ihre Präventionspflichten ernst nehmen würde, kritisiert das Kompetenznetz Adipositas [2] zeitgleich zur Konferenz.

Deutschland liege international in der Prävention hinter anderen Ländern zurück und will nicht zuletzt auch noch die Forschung und Finanzierung des Kompetenznetzwerkes einstellen, das an der TU München angesiedelt ist.

Zwischen 2008 und 2013 hat das Bundesforschungsministerium gut 10 Millionen Euro in diese Forschung gesteckt. Für die zweite Phase, die noch bis Juli 2015 läuft, sind 8,2 Millionen Euro budgetiert. Danach ist Schluss.

Diskriminierung der Adipositas

Schlimmer noch. Eine vergleichende Studie der Europäischen Adipositas-Gesellschaft EASO [3] in elf Ländern zeigt, „dass in Deutschland erhebliche Lücken im Wissen über Verbreitung und Gefahren der Adipositas bestehen“. Gefragt wurde nicht die Bevölkerung, sondern politische Entscheidungsträger. Von denen wussten 93 Prozent nicht, wie viele Deutsche vom Übergewicht betroffen sind und 80 Prozent schätzten die Zahl viel zu gering ein. Nur 13 Prozent der Entscheidungsträger kannten die Definition des BMI.

Das Kompetenznetz Adipositas kommt zu einem vernichtenden Urteil, obwohl Deutschland die „Europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas“ im Jahr 2006 unterschrieben hat: Auf der letzten UN-Konferenz zu nichtübertragbare Krankheiten im Juli 2014 sei die Bundesregierung „nicht angemessen“ vertreten gewesen. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka teilte in einem Brief mit, dass das Kompetenznetz nicht weiter gefördert werde. Und der Gemeinsame Bundesausschuss hat kürzlich ein „Disease Management Programm“ (DMP) für Adipositas abgelehnt.

„Mir fehlt in der Politik das grundsätzliche Verständnis für die Probleme, die wir momentan im Zusammenhang mit Adipositas haben. Man kann im Grunde von einer Diskriminierung der Menschen mit Adipositas durch die Politik sprechen“, sagt Professor Hans Hauner, einer der Sprecher des Kompetenznetzes Adipositas. Kollege Prof. Manfred Müller plädiert für weitere Investitionen und für sektorübergreifende Präventions- und Therapiemaßnahmen.

DMP abgelehnt

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat am 22. Mai dieses Jahres die „Nichtaufnahme eines Moduls Adipositas“ beschlossen.

Der Ausschuss bekam vom Bundesgesundheitsministerium die Regelungskompetenz für ein strukturiertes Behandlungsprogramm übertragen. Er legt seit dem Jahr 2011 mit strukturierten Programmen „den Behandlungsablauf und die Qualität der medizinischen Versorgung chronisch kranker Menschen“ fest. Das Gesundheitsministerium sprach sich für die Module Herzinsuffizienz und Adipositas aus, was vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in getrennten Gutachten bewertet wurde. Gegen das Adipositas-Modul aus vorhandenen Leitlinien der Primär- und Sekundärliteratur sprachen fehlende oder nicht ausreichende Evidenz und Empfehlungseinstufungen (Level of Evidenz (LoE); Grade of Recommendation (GoR): „Für die DMP-relevanten Versorgungsaspekte Diagnostik, Monitoring und langfristige Gewichtsstabilisierung sowie Versorgungskoordination und Qualitätsindikatoren konnten vom IQWiG kaum RCT-basierte [4] Empfehlungen identifiziert werden.“

Präventionsgesetz in Vorbereitung

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) widerspricht den Vorwürfen. Weil die Volkskrankheiten oftmals gemeinsame Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, Fehlernährung, Tabak und übermäßiger Alkoholkonsum aufweisen, „verfolgt die Bundesregierung seit Jahren den Ansatz einer krankheitsübergreifenden Stärkung der Gesundheitsförderung und der gesundheitlichen Prävention“, teilt eine Sprecherin Herd-und-Hof.de mit. Die Vermeidung von Übergewicht und Adipositas gehört dazu. In der Tat wurde bereits 2008 mit der Initiative „In Form“ ein „Nationaler Aktionsplan“ aufgelegt [5].

„In Form“ ist so angelegt, dass Erkenntnisse in neue Themen und Schwerpunkte einfließen. „So soll der Bewegungsmangel als bisher noch nicht so stark wahrgenommener Risikofaktor zukünftig vermehrt in den Fokus gerückt werden. Außerdem soll die Vernetzung mit Ländern und Kommunen weiter vorangebracht werden“, heißt es im BMG. „Ein Zwischenbericht ist für Frühjahr 2015 geplant.“

Im Ministerium wird derzeit auch an dem Präventionsgesetz gearbeitet, das Prävention und Gesundheitsförderung in Lebenswelten, wie Kita, Schule und Pflegeheim, so genannte „Setting-Leistungen“, sowie die betriebliche Gesundheitsförderung verstärkt. Zusammen mit allen Sozialversicherungsakteuren werden beispielsweise Programme zur Bewegungsförderung, zur gesunden Ernährung oder zur Stressreduktion aufgelegt. Für jedes Alter in allen Lebensbereichen. Und nicht zuletzt engagiert sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit einem Schwerpunkt bei Kindern und Jugendlichen im Bereich Adipositas-Prävention.

Übergewicht und Hunger

„Sektorübergreifend“ ist das Stichwort, dass in dieser Woche bei in der Diskussion um die Welternährung in der KfW fiel. Täglich verhungern 7.500 Kinder, ohne dass die Mehrheit der Menschen das noch richtig wahrnehme, kritisierte Dr. Friedrich Kitschelt, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Weltweit gibt es genau so viele Übergewichtige wie Mangelernährte. Das BMZ will mit seiner neuen Aktion „EineWelt ohne Hunger“ auch diesen Zusammenhang verdeutlichen. Prof. Dr. Timothy Lang vom Centre for Food Policy an der City University London bemängelte, dass das Thema Welternährung einseitig nur von der Angebotsseite, also der Landwirtschaft her, gesehen werde. Wissenschaft und Politik müssten das Thema auch von der Nachfrageseite, also vom Konsum her gesehen, angehen. Es gehe dabei nicht um die monolithische Frage „Fleisch oder nicht Fleisch“, sondern um eine vollständige Sichtweise auf die öffentliche Gesundheit. Spätestens in 20 bis 30 Jahren, wenn die Produktion an ihre planetaren Grenzen stoße, müssten die Regierungen daran denken.

Das aber ist ein sehr langwieriger Prozess. Der erhobene Zeigefinger hat Bündnis 90/Die Grünen mit dem Veggie Day sogar eine Wahlschlappe eingebracht, erinnerte Eberhard Brandes, Geschäftsführer des WWF. Stattdessen müsse ein gesellschaftlicher Dialog stattfinden, ergänzte Dr. Kitschelt. Die Verbindung zwischen Hunger und Übergewicht interessiere die Menschen. Doch erst wenn die Verbraucher in den Industrieländern die direkten Effekte ihres Konsums sehen, berührt es sie für die Umstellung auf eine gesunde Ernährungsweise. „Was gesund für den Menschen ist, ist auch gesund für den Planeten“, heißt das Fazit von Prof. Lang

Lesestoff:

[1] Nationale Verzehrsstudie II

[2] www.kompetenznetz-adipositas.de

[3] http://easo.org/wp-content/uploads/2014/05/C3_EASO_Survey_A4_Web-FINAL.pdf

[4] RCT: Randomized controlled trial; Kontrollstudie nach Verfahren, das auf einem Zufallsmechanismus basiert

[5] Aktionsplan Gesundheit: Vernetzung statt Erlass

Roland Krieg

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