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Vitalstoffe in der Kontroverse

Ernährung

Der Vitaminbericht 2012

Noch vor 100 Jahren gab es in Berlin rachitische Kinder. Vitamin D war noch nicht bekannt. Vor allem Kinder aus den unteren sozialen Schichten litten zunächst an Unruhe und Schreckhaftigkeit, bis sich dann die typischen Knochenverformungen einstellten. Das Skelett in der Wachstumsphase leidet unter Calcium-Mangel, der durch eine ungenügende Vitamin D-Deckung ausgelöst wird. Die deutschen Kinder aus den 1950er und 1960er Jahren kennen das Gegenmittel: Lebertran [1]. Heute gibt es im ersten Lebensjahr eine Rachitis-Vorsorge.

Ernährungsbedingte Erkrankungen

Der Blick auf den Gesundheitsstatus der Deutschen zeigt, dass die Fülle der Nährstoffaufnahme mehr ernährungsbedingte Erkrankungen hervorruft, als der Mangel an Nährstoffen. Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverband reklamiert gern, dass die Regale in den Lebensmittelgeschäften die Kunden vom Gegenteil überzeugen wollen: Ohne zusätzliche Nährstoffe, Vitamine und Biokulturen kommt heute kein ordentliches Produkt mehr aus. Und das reicht den Deutschen nicht: 28 Prozent nehmen Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel und angereicherte Medikamente) ein; 31 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer. Hierbei steigt bei beiden zunächst die Einnahme bis 35 Jahre, fällt dann ab, um in der Altersgruppe ab 51 bis 80 Jahre wieder deutlich anzusteigen (bei den 65 bis 80-jährigen Frauen auf 43 % und den gleichaltrigen Männern auf 30 %) [2].

Tabletten oder frische Luft?

Erst kürzlich hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) erneut darauf hingewiesen, dass sich Vitamin D – Mangel durch Aufenthalt an der frischen Luft decken lässt. Der Körper kann sogar einen Wintervorrat anlegen [3].
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die Hohenheimer Ernährungsgespräche im Jahr 2011 haben deutlich gemacht, dass die Versorgungslage für alle Nährstoffe und Vitamine je nach Personenkreis variiert. Prof. Dr. Hans-Konrad Biesalski, Ernährungsmediziner an der Universität Hohenheim, macht Versorgungsdefizite bei alten Menschen, jungen Frauen und Kindern aus gering verdienenden Familien aus. Sie leiden an einem Mangel von Calcium, Vitamin D, Folsäure, Vitamin E, Zink und Selen.

Werbung und Wirklichkeit

Die Werbewirtschaft kommuniziert mit einfachen Bildern, die sich einprägen. So wird schnell aus der Kohlpalme, bei der Palmherzen und Früchte verzehrt werden können, eine „Superbeere“. Im reifen Zustand besitzt sie viele gesundheitsfördernde sekundäre Pflanzenstoffe wie Antioxidantien. Die Acai, wie sie auch genannt wird, ist aber nach Aussage der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen ausgesprochen kalorienreich, da sie zur Hälfte aus Fett besteht. Konsumenten, die genau hinschauen verirren sich oftmals zwischen Werbung und Wirklichkeit. Brauchen wir Vitalstoffe und welche?
In diesem Dilemma steckt die Vitamin- und Nährstoffbranche. Am Donnerstag hat Gesellschaft zur Information über Vitalstoffe und Ernährung (GIVE e.V.) den Vitaminbericht 2012 vorgestellt, um diesmal auch Laien sachlich über die Vitalstoffversorgung zu informieren. Seit fünf Jahren widmet sich GIVE, getragen von Mitgliedern der Branche schon der Aufklärung, erklärt Dr. Henry Werner, erster Vorsitzender des Vereins.

Sachliche Orientierung im Informationstsunami

Noch nie standen Verbrauchern so viele Informationsquellen zur Verfügung wie heute. Noch nie wurde aber auch so intensiv über die richtige Ernährungsweise gestritten. Neue Produkte in einem gesättigten Markt brauchen eine besondere Aufmerksamkeitsform, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Erst die 10. Tüte Milch mit zusätzlichem Vitamin A oder Zusatz von Calcium setzt sich von den anderen „Reinprodukten“ ab, bei denen der Kunde nur die Wahl zwischen verschiedenen Herstellernamen hat. Ob der Zusatz wirklich nützt oder nur ein Werbegadget ist, bleibt offen und macht misstrauisch. Das übertüncht den wirklichen medizinischen Bedarf.
Darüber sprach Herd-und-Hof.de mit Dr. Peter Engel, verantwortlich für die Wissenschaftskommunikation bei DSM Nutritional Products Europe aus der Schweiz.
Die Ernährungsforschung sei in der Tat sehr komplex und die Branche versuche mit evidenzbasierten medizinischen Studien den Bedarf an Calcium und Co. zu belegen. Wenn man es richtig durchführen sollte, bekäme eine Test-Gruppe 20 Jahre lang ausreichend Obst und Gemüse zu essen und die Kontrollgruppe wird nur mit Vitamintabletten versorgt. Dann läge ein evidentes Ergebnis vor, aber die Versuchsanordnung bleibt utopisch. Daher müssen sich Medien und Verbraucher mit kleinen Studien auseinander setzen, wozu beide Zeit bräuchten.
Beispiele wie die in dieser Woche in den USA veröffentlichte Meta-Studie über die gleiche Gesundheitswirkung von biologischen und konventionellen Früchten zeigten [4], dass politische Einschätzungen schnell in die Schlagzeilen gelangen und den Verbraucher am Ende mehr verwirren als nützen. Nach Dr. Peter müssen sich in erster Linie die Journalisten Zeit für ihre Artikel und eine Einschätzung nehmen, denn der Kunde wird sich in seinem Alltag nicht die Mühe machen und die Abstracts oder Bewertungen zur Studie nachlesen. Leider fehle es vielen Journalisten an einer fachlichen Ausbildung, so Dr. Engel [5].
Ökotrophologin Dr. Petra Ambrosius anhand einer Tabelle die Vitalstoffdefizite bei einer Frau, die ihre Ernährung als „gesund“ einschätzte. Haben wir falsche Vorstellungen von Gesundheit und Natürlichkeit? „Ja“, sagte Dr. Engel. Oft werde der Gegensatz zwischen „natürlich“ und „synthetisch“ bemüht, obwohl synthetisch hergestellte Vitamine baugleich mit ihrer natürlichen Variante sind. Sie docken im Körper an den gleichen Stellen mit den gleichen Wirkweisen an. Aus diesem Missverständnis heraus resultiere auch das negative Image der Nahrungsergänzungsmittel. Andere Länder sind da liberaler. Ob allerdings bereits in der Schule mehr Aufklärung und Wissen vermittelt werden sollte, sei nicht Aufgabe von GIVE.

Die internationale Perspektive

In Afrika und Südostasien haben Vitalstoffdefizite eine sehr große Bedeutung. Neben Nahrungsergänzungsmitteln, wird über Food Fortification [6] durch nachträgliche Anreicherung oder Biotechnologie sowie über Hausgartenprojekte der Mangel an Nährstoffen auszugleichen versucht. Für Dr. Engel sind das gleichwertige Maßnahmen. Es sei erfreulich, dass bei diesem Thema so viele verschiedene Lösungsansätze bereit ständen. Zudem sind die Kosten im Vergleich zum Nutzen gering. Dass die ehrenwerten medizinischen Ziele durch einen handfesten Markt erreicht werden [7], werde nur in Deutschland argwöhnisch betrachtet. Die medizinischen Ziele schließen den Geschäftsgedanken nicht aus.

Wer macht was?

Nach Prof. Armin Zittermann vom Herz- und Diabeteszentrum NRW ist jeder Verbraucher zuerst in eigener Verantwortung, zu prüfen und zu entscheiden, welche Vitalstoffe gebraucht und zusätzlich eingenommen werden. Für den Bereich Vitamin D, das unter Sonneneinstrahlung gebildet wird, stehe auch der Arbeitgeber in der Pflicht des vorbeugenden Gesundheitsschutzes: Mal Gelegenheit für eien Pause im Freien geben.
Folsäure soll im Idealfall auch schon vor der Schwangerschaft eingenommen werden. Gynäkologen weisen in ihren Beratungsgesprächen darauf hin. Dass dennoch nur zehn Prozent der Schwangeren eine ausreichende Folsäureversorgung aufweisen, resultiere aus den vielen ungewollten Schwangerschaften und der Unterschätzung des Themas auf Verbraucherinnenseite.

Individuelle statt generalisierende Bedarfe

Dr. Petra Ambrosius legte beispielhaft dar, wie sich die Versorgung mit Vitalstoffen zwischen den einzelnen Menschen unterscheiden. Der untergewichtige Mensch hat einen anderen Vitalstoffbedarf als der Berufstätige im Stress, der Senior oder sportlich Aktive. Die Sportler haben ihre Aktivitäten in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. In den 1970er Jahren gab es noch den Trimm-Dich-Pfad im Wald, während heute der Marathon zu einem Volkssportereignis geworden ist.
Übergewichtige nehmen zu viele „leere Kalorien“ zu sich, denen in Form von Chips Vitalstoffe fehlen. Fazit: Nicht selber ins Blaue hinein oder nach Schlagzeilen supplementieren, sondern ein persönliches Mikronährstoffprogramm beim Ernährungsberater erstellen.

Lesestoff:

www.giveev.org

Vitamin-Bericht 2012. Beiträge zur Versorgung mit Mikronährstoffen. GIVE e.V. (Hrsg.), Stuttgart ISBN 978-3-8304-6757-1; Euro: 19,99

[1] „Essen x Bewegung = Gesundheit für alle“

[2] Nationale Verzehrsstudie II

[3] Draußen Vitamin D tanken

[4] Ist „Bio“ gesünder als konventionell?

[5] Dick, doof und depressiv

[6] SAFO-Konferenz in Berlin

[7] Fusion auf dem beta-Carotin-Markt

Roland Krieg; Bild: Buchtitel

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