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Vom Nano-Roboter zur Hautcreme

Ernährung

Verbraucherzentrale nimmt Nanotechnologie unter die Lupe

NanoprodukteDer Frühling wird „nano“. Ihre Fenster können Sie mit einem Reiniger putzen, der Nano-Effekte aufweist, gleich die ganze Wohnung renovieren und auf Wandfarbe mit Nanopartiken zurückgreifen, das Auto mit „Nanotechnologie“ für die Wochenendfahrt aufhübschen und eine Zahncreme reinigt die Zähne mittlerweile auch mit Putzteilchen, die nur noch einen milliardstel Meter groß sind. Nanotechnologie ist in. Rund 150 Produkte gibt es in Deutschland, die Nanotechnologie enthalten. 600 sind es in Europa, etwa 1.000 weltweit. Und jede Woche kommen drei hinzu.

„Akzeptanzampel springt auf „Gelb“
Für Gerd Billen, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) springt die Akzeptanzampel von grün auf gelb. Nanotechnologie steckt mittlerweile in Produkten, ohne das Verbraucher etwas davon mitbekommen. Zudem haben sie noch sehr diffuse Vorstellungen, was Nanotechnologie überhaupt ist. Viele Produkte werben mit „Nano“, ohne dass die kleinen Teilchen drin stecken.
Damit die Ampel nicht auf „Rot“ springt forderte Billen am Dienstag in Berlin, die Forschungsstrategie auf Risikountersuchungen umzustellen. Zur Tagung über Nanotechnologie hat der vzbv ein Positionspapier herausgebracht, in dem eine staatliche Zulassung und Registrierung von nanotechnologischen Anwendungen und Nanomaterialien gefordert werden, eine Kennzeichnungspflicht und Lückenschluss für den gesetzlichen Rechtsrahmen.
Mit Blick auf die Gentechnik, will der vzbv kein „Kommunikationsdesaster“, sondern im vorsorgenden Verbraucherschutz der Boombranche der Wirtschaft vernünftige Regelungen und Rahmenbedingungen setzen. Die Tagung will Billen als Signal verstanden wissen, dass bei Verbrauchern Unsicherheit über die neue Technologie vorliegt und Werbestrategen beginnen, diese auszunutzen.
Im Bereich Lebensmittel gibt es kein Produkt auf dem Markt.

„Was Verbraucher wissen wollen“
Dr. Antje Grobe von der Universität Stuttgart stellte erstmals Zwischenergebnisse einer Studie vor, die im September das exakte Verbraucherbild gegenüber der Nanotechnologie widerspiegeln wird.
Was die Zwerge (griechisch: „Nano“) so interessant macht, sind die gegenüber ihren großen chemischen Molekülen veränderten Eigenschaften. Je kleiner etwas wird, desto größer wird die Oberfläche und Chemiker und Physiker erhalten Teilchen mit neuen und veränderten optischen und physikalischen Eigenschaften. Sie haben eine andere Dichte, lösen sich anders, leiten Strom anders. Zu Beginn verhießen die Visionen über mögliche Nano-Roboter eine neue Welt. Von der Science Fiction sind kratzfeste Lacke, schmutzabweisende Textilien oder erhöhter Sonnenschutz übrig geblieben. Je näher die Produkte dem Verbraucheralltag rücken, desto skeptischer wird er, wie die Analyse von Dr. Grobe zeigt:

Grafik Verbraucherakzeptanz aus der Studie von Dr. Grobe.

Wissen und Interesse steigen, Antworten fehlen
Bianca Bendisch aus dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit stellt fest, dass bei Verbrauchern Wissen und Interesse an der Nanotechnologie steigen. Dr. Rolf Buschmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen verzeichnet bereits vereinzelte Nachfragen. Antworten sind mitunter schwierig zu formulieren, denn selbst die Verbraucherschützer bekommen nicht immer alle Antworten von der Industrie.
Gerade die Lebensmittelindustrie in die Risikostrategie einzubeziehen „ist das größte Problem“, so Wolf-Michael Catenhusen, Leiter der Nanokommission der Bundesregierung. Jüngst ist aber der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) der Kommission beigetreten, um die Lücke zu schließen. Nach Catenhusen will sich die Industrie nicht so in das abseits stellen wie bei der Gentechnik.
Die Diskussion um die Nanotechnologie ist differenzierter als die über die Gentechnik.
Das „Reich der Winzigen“ (vzbv) wird nicht generell in Frage gestellt. Gerade im medizinischen Bereich sind Anwendungen sinnvoll. Nanofilter können sauberes Trinkwasser aufbereiten und Nanokompartimente helfen Kunststoffe herzustellen, für die 30 Prozent weniger Energie aufgewendet wird.
Auf der anderen Seite weiß kaum jemand, was mit den Silberionen passiert, die wegen ihrer bakteriziden Eigenschaften Kühlschränken und Socken beigegeben werden. Was passiert, wenn das Produkt entsorgt wird – oder die Ionen beim Waschvorgang ausgespült werden? Wie kommen die Bakterien in den Kläranlagen mit den Silberionen und ihrer bakteriziden Wirkung zurecht?
Aus dem Sonnenschutzmittel dringt Titandioxid nicht in die Haut. Wenn sie gesund ist. Bei geschädigter dringen die kleinen Teilchen in die ersten Zellschichten ein. Was aber passiert, wenn sie unseren Körper ganz durchdringen?

Entwertet die Zahncreme den Nutzen?
Nanotechnologie ist keine neue Technik, sondern hilft Produkte weiter zu verbessern. Die Zukunftstechnologie beinhaltet die chemische und physikalische Vision, die endlichen Ressourcen der Erde auf neun Milliarden Menschen so zu verteilen, dass es einen zufriedenen Wohlstand geben kann. Die Zahncreme mit Nano-Partikeln, eingekapselte Vitamine oder länger ansehnliche Produkte bergen aber die Gefahr, die Technologie zu entwerten. Catenhusen fragt sich angesichts mancher trivialer Produkte, ob sich die Diskussion um die Nanotechnologie überhaupt lohne.
Er sagt aber auch, dass es noch nie so früh einen Dialog über eine neue Technologie gegeben hat. Die Wirtschaft ist der Risikoforschung nur wenige Jahre voraus.

„Nanotechnologie im Lebensmittelbereich“
„Zwei aktuell im Fokus stehende Stoffe sind Siliziumdioxid (Kieselsäure) und Titandioxid. Es handelt sich dabei um seit langem zugelassene Lebensmittelzusatzstoffe, die in Lebensmitteln ausschließlich in der zugelassenen Anwendungsform und nicht in nanoskaliger Form verwendet werden. SiO2 ist für bestimmte Verwendungen als Rieselhilfsmittel bei Lebensmittelzutaten zugelassen und TiO2 ist ein zugelassenes Überzugsmittel für bestimmte Lebensmittel. Anbieter von nanoskaligen Formen solcher Stoffe hätten den Lebensmittelherstellern die erweiterte Zulassung dieser neuartigen Formen zu gewährleisten.“
Aus dem Positionspapier des BLL

Deshalb ist es für ein Moratorium zur Nanotechnologie noch zu früh, meint Billen. Fest eingebundene Nanopartikel in der Computertechnik sind beispielsweise keine Gefahr. Nach Dr. Buschmann gibt es auch noch keinen „richtigen Schaden, sonst wäre die Akzeptanzampel bereits auf „Rot“ gesprungen“. Was aber den Verbraucherschützern neben den positiven Produktbeispielen noch fehlt, ist die Offenlegung der Industrie, wo die neue Technik und warum eingesetzt wird.
Wer täglich seine Strümpfe wechselt, der braucht nicht auf die Silbersocke zurück zu greifen. Wir haben heute kaum noch richtig verdreckte Kleidung, sondern meist nur verschwitzte, die keine Wundermittel zur Reinigung braucht. Das Verbraucher auf Alternativen der Werbeversprechen reagieren können, setzt jedoch Kenntnisse über die Produkte voraus. International listet nur das Woodrow Wilson Center Produkte auf, die Verbraucher in den Regalen wiederfinden können.

NanoDialog
Seit eineinhalb Jahren vereint die Nanokommission Politik, Wissenschaft, Verbände und Verbraucherorganisationen zum Dialog mit den Stakeholdern. Vorhandenes Wissen soll gebündelt, Forschungsfelder identifiziert, Politik und andere gesellschaftliche Akteure sollen beraten werden. Hersteller und Verbände werden in die Eigenverantwortung zur neuen Technologie eingebunden. Die Zwischenbilanz im Februar 2008 hat positive Beispiele aufgezeigt, was Nanotechnologie leisten kann. Bis zum Herbst 2008 werden vier Moleküle konkreter untersucht. Beispielsweise das Titandioxid als Photokatalysator auf Oberflächen oder Siliziumdioxid in Lebensmitteln.
Weltweit arbeitet die OECD an Testrichtlinien für die 14 wichtigsten Nanomaterialien. Bianca Bendisch hebt hervor, dass Deutschland dabei die Hauptverantwortung für TiO2 und die Mitverantwortung bei Nanosilber übernommen hat.
Das Umweltministerium folgt der Doppelstrategie, einen sicheren Umgang mit den Materialien zu gewährleisten und sinnvolle Potenziale zu erschließen.
Die Nanokommission ist beim Umweltministerium angesiedelt: www.bmu.de

Vorhandene Dialoge wie das Verbrauchervotum des Bundesinstitut für Risikobewertung gelten als richtungsweisend, alle Beteiligten frühzeitig einzubeziehen. Bendisch bezeichnet diese Dialoge als „Frühlernsysteme“.
Die Risikobewertung erstreckt sich nur auf „synthetischen“ Nanopartikel, die von der Industrie erzeugt werden. Es geht dabei nicht um die in der Natur vorkommen Nanopartikel. Dr. Sieglinde Stähle vom BLL hält eine Kennzeichnung analog zu den E-Nummern für praktikabel.

Lesestoff:
Das Positionspapier des vzbv sowie die Zwischenergebnisse er Studie von Dr. Grobe sind unter www.vzbv.de einzusehen.
Die Stellungnahme des BLL finden Sie unter www.bll.de
Die Datenbank des Woodrow Wilson Center finden Sie unter www.nanotechproject.org
Hier finden Sie die Berichte über die BUND-Studie, die jüngst in Berlin vorgestellt wurde und über das Verbrauchervotum des BfR.

Roland Krieg; Foto: roRo

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