Von der Agrar- zur Konsumwende

Ernährung

Effekte des Biomarktes

>Als die Bilder von toten britischen Rindern, die per Haken ins Feuer geführt wurden, die Europäer in Angst und Schrecken versetzten, begann ein breit angelegter Prozess, den die grüne Agrarministerin Renate Künast als Agrarwende bezeichnete. Die Verbrauchersorgen übten so viel Macht aus, dass ganze Bundesministerien umstrukturiert wurden und das Verbraucherschutzministerium entstand. BSE hat die gesellschaftlichen Leitbilder Landwirtschaft und Verbraucherschutz neu bestimmt. Klasse statt Masse hieß das Ziel und umfasste bald die gesamte Wertschöpfungskette über den Handel bis zum Verbraucher. "Von der Agrarwende zur Konsumwende?".
Das Forschungsfeld rief ein Verbundprojekt verschiedener Fachrichtungen an Universitäten unter der Leitung der Münchener Projektgruppe für Sozialforschung (MPS) hervor und wird vom Bundesforschungsministerium (BMBF) unterstützt.
Insofern schließt sich ein administrativer Kreis, dass das Projekt zu Ende geht und der Verbraucherschutz in anderen Händen liegt. Deshalb gab Prof. Dr. Karl-Werner Brand vom MPS im Rahmen der Grünen Woche heute eine Pressekonferenz, um den Abschlussbericht vorzustellen.
Sein Fazit: Die Agrarwende hat Bio-Lebensmittel gesellschaftsfähig gemacht. Die Wachstumsraten der ökologischen Landwirtschaft und Verbräuche der Konsumenten blieben zwar hinter den Prognosen zurück, führen aber zu einer außerordentlichen Dynamik des Marktes. So erreichen Bio-Supermärkte und Discounter mit Biosiegel-Produkten neue Käuferschichten. Als Folge verschwimmen die Grenzen zwischen dem ganzheitlichen Ansatz der Ökoverbände und dem konventionellen Landbau.

Fünf Forschungsmodule
Insgesamt gibt es fünf Forschungsmodule innerhalb des Verbundprojektes, von denen Agrarwissenschaftlerin Astrid Engel von der TU München die ersten Ergebnisse über die landwirtschaftlichen Erzeugung bereits in Güstrow vorgestellt hat. Mit Marktstrategen, Minimalisten und Selbstverwirklichern ist der Bioanbau wesentlich facettenreicher geworden.
Dr. Cordula Kropp (MPS) fand heraus, dass BSE und die Krise um die Maul- und Klauenseuche durchaus ihre langfristigen Auswirkungen auf die Verbraucher gehabt haben. Den Uninteressierten bleibt das alles weiterhin fremd. Aber die Gelegenheitskäufer reagieren. Potenziale für den Bioeinkauf liegen in so genannten "Umbruchsituationen". Damit beschreibt Dr. Kropp Haushaltsgründungen, Partnerschaften, Schwangerschaften, Lebensmittelskandale oder Ruhestand. Begrenzender Faktor bleiben allerdings Preis und Zweifel an der Echtheit des Biosiegels. Wird den Bioprodukten kein Zusatznutzen zugesprochen, dann entscheidet der Preis über den Einkauf. ?Erst wenn die biologische Ernährung unkomplizierte Alltagshandlung geworden ist, ist das Zeil von der Agrarwende zur Konsumwende erreicht?, resümiert die Wissenschaftlerin.
Wer Abends ein Bier trinkt, der nimmt es nicht primär zur Deckung seines Mineralstoffbedarfes zu sich. In diesem Jahr ließ Kulturhistoriker Dr. Uwe Spiekermann kein gutes Haar an den gängigen Ernährungsstrategien. Innerhalb des Verbundprojektes kommt auch Dr. Karl Koeber vom Beratungsbüro für ErnährungsÖkologie zu dem Ergebnis, dass sich die Beratung "stärker an den Bedürfnissen, Handlungsmöglichkeiten und Lebensstilen" der Menschen orientieren soll. Als positives Beispiel nannte er die Mitmach- und Informationsangebote des NRW-Projektes www.futureins.de.

Ausblick
Fachreferent Fischer aus dem BMBF bestätigte, dass auch die neue Regierung die Forschung über Nachhaltigkeit fortführen wird. Das schließe sozial-ökologische Forschung mit ein. Da Ökolandbau und konventionelle Wirtschaftsweise miteinander verschmelzen können, muss ein nachhaltiger Konsum nicht zwangsweise Bio-Produkte beinhalten. Möglicherweise wäre das aber nur eine Etikettierungsfrage. Wenn man fünf Mal die Woche Bio-Fleisch ist, dann muss die Landwirtschaft wegen der hohen Tierproduktion auch nicht unbedingt nachhaltig sein. Das Verbundprojekt hat mit seiner Feldforschung so viel und qualitative Ergebnisse hervorgebracht, dass niemand mehr um deren Bearbeitung herum kommt. Und eine Basis geschaffen, weiter zu forschen.
Den Bericht und zahlreiche Einzelhefte der Teilprojekte gibt es kostenfrei unter www.konsumwende.de.

Roland Krieg

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