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„Wege aus der Hungerkrise“

Ernährung

Welthunger: Ein Gipfel, zwei Meinungen – eine Partnerschaft?

Am Montag hat in Rom der Welternährungsgipfel begonnen. Umwelt, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen hatten zuvor in Berlin einen radikalen Paradigmenwechsel gefordert, weil die Fokussierung auf Ertragssteigerungen an den Hungernden vorbei gehe.

Moderne Züchtung
Die Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft (FNL) hat am Montag am Beispiel Pflanzenzüchtung angemahnt, „moderne Methoden“ sachlich zu diskutieren. Die FNL schließt dabei die grüne Gentechnik ausdrücklich mit ein und will anhand „Japonica Taipei 309“ Vorteile demonstrieren. Das ist ein Reis, der mit A-ß-Carotin angereichert ist und einen wesentlichen Beitrag gegen Blindheit bei Kindern leisten kann. Rund 13 Millionen Kinder leiden an Blindheit, die durch den Mangel an Vitamin A hervorgerufen wird, so die FNL. Dr. Gibfried Schenk, Geschäftsführer der FNL: „Bauern sollen frei entscheiden können, ob sie grüne Gentechnik nutzen wollen oder nicht. Wir würden es aber mit großer Besorgnis sehen, wenn das Thema nicht fair diskutiert würde.“

Handel gegen den Hunger
Holger Haibach, entwicklungspolitischer Sprecher der CDU/CSU sieht bei Hunger und Armut zwei Seiten der gleichen Medaille. „Um den Welthunger ins Geschichtsbuch zu verbannen, müssen wir die Entwicklungsländer dabei unterstützen, die Produktion zu steigern und die Kaufkraft der Armen zu stärken. Notwendig dazu sind Investitionen in die ländliche Entwicklung, bessere Bildung, Mikrofinanzierung und faire Handelsbedingungen.“ Zur Produktivitätssteigerung in Höhe von 60 Prozent müsse der Welternährungsgipfel ein Zeichen zur Beendigung der Doha-Runde bei der WTO setzen. „Nur so können die Potenziale der Landwirtschaft genutzt und der Hunger wirklich gestoppt werden.“

Agrarökologische Revolution
Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft hat in Berlin dagegen erneut einen Paradigmenwechsel in der Agrarpolitik gefordert. Auf der Basis des Weltagrarberichts von Weltbank und UN forderte Benedikt Haerlin, im Vorsitz des Weltagrarberichtsrat, eine „agrarökologische Revolution, die durch kleinteilige, arbeits- und wissensintensive Land- und Ernährungswirtschaft die Abhängigkeit von fossiler Energie und Agrarchemie drastisch reduziert, die Bodenfruchtbarkeit und essentielle ökologische Kreisläufe stabilisiert“. Hintergrund ist das Prinzip der Ernährungssouveränität, „die Menschen und souveränen Staaten das Recht gibt, demokratisch zu entscheiden wie sie sich ernähren.“ Der Weltagrarbericht verfolge den Ansatz von unten und nutze das praktische, lokale und tradierte Wissen der Landwirte, um am Gemeinwohl orientierte Innovationen zu entwickeln.

Ernährungs- und Klimagipfel
Zwar steht der Klimagipfel in Kopenhagen noch aus, doch sind nach allgemeiner Lesart die Chancen auf ein Nachfolgeprotokoll von Kyoto nach dem Jahresgipfel der Asien-Pazifik-Kooperation gesunken. Der Klimagipfel ist aber auch in Rom auf dem Ernährungsgipfel präsent. EU-Präsident José Manuel Barroso stellte in seiner Rede vor der FAO fest: „Es ist selbstverständlich, dass wir die Ernährungskrise nicht lösen können, ohne das wir die klimatischen Herausforderungen nicht bewältigen können.“
Haerlin rechnet angesichts der FAO-Botschaft, die landwirtschaftliche Produktion um 70 Prozent steigern zu müssen: „In drei Wochen werden die gleichen Staatschefs in Kopenhagen verkünden, dass zur Stabilisierung des Klimas in den kommenden Jahrzehnten eine Reduzierung der Treibhausgase um 80 Prozent unvermeidlich ist. Landwirtschaft und Ernährung sind insgesamt für etwa 40 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Eine Produktionssteigerung um 70 Prozent mit einem Fünftel der heutigen Treibhausgas-Emissionen ist völlig unrealistisch.“

Fortschritte bei der Reform?
Hoffnung, die vielen verschiedenen Interessen im Sinne der Hungernden ausgleichen zu können, legen Nichtregierungsorganisationen in die Reform der FAO, bei der das Committee on World Security (CFS) im Vordergrund steht. Die „Teilung überbrücken“ heißt ein am Montag von Oxfam vorgestelltes Papier zur Reform. Das CFS solle die engen nationalen und unternehmerischen Interessen überbrücken und das Thema in den Dienst der Nahrungssicherheit, der Stabilität und des Friedens stellen. Durch Beteiligung der Zivilgesellschaft in einem gestärkten CFS könne das Ziel, die Anzahl der Hungernden bis 2020 zu halbieren, doch noch umgesetzt werden.
Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner sieht in der Reformvorlage einen „Startschuss für eine neue Struktur der internationalen Zusammenarbeit in der Welternährung.“ Aigner unterstrich in Rom die Bedeutung eines effizienten internationalen Zusammenwirkens von Regierungen, internationalen Organisationen, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Als Erfolg werte Aigner die „ausdrückliche Bezugnahme auf das Recht auf Nahrung“ in der Gipfelvorlage.
Gudrun Kopp, Parlamentarische Staatssekretärin aus dem Bundesentwicklungsministerium mahnt aber auch die betroffenen Länder selbst: „Nur, wenn auch unsere Partner in den Entwicklungsländern ihre Verpflichtungen ernst nehmen, werden wir gemeinsam Erfolg haben.“ Die gegründete globale Partnerschaft habe dabei die Weichen gestellt. Die gemeinsame Plattform könne die Anstrengungen besser bündeln und Hilfen schlagkräftiger machen. Der nächste Schritt, so Kopp weiter, müsse eine bessere Kohärenz in der Agrar- und Handelspolitik sein sowie die Abschaffung der Agrarexportsubventionen.

Lesestoff:
Zum Start des Welternährungsgipfels sind drei Publikationen erschienen:
„Moderne Pflanzenzüchtung und Grüne Gentechnik“ bei der FNL: www.fnl.de
Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft hat eine 40-seitige Zusammenfassung des Weltagrarberichtes auf einer neuen Internetseite herausgebracht: www.weltagrarbericht.de
„Bridging the Divide“, die Studie von Oxfam: www.oxfam.de/download/Bridging_the_Divide.pdf

Roland Krieg

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