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Wege der Kommunikation

Ernährung

11. Fachtagung der DGE-MV

>Im Rostocker Aus- und Fortbildungszentrum am alten Hafen der Hansestadt hielt gestern die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) Sektion Mecklenburg-Vorpommern unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Jörg Meier ihre 11. Ernährungsfachtagung vor über hundert Ernährungs- und Gesundheitsberatern sowie Mitarbeitern der Gemeinschaftsverpflegung. Kontrovers diskutiert wurden Ernährungsstrategien: Wie gelangt das Wissen aus den Laboren in die Küche?

Selbstgespräch unter Wissenden
Kein gutes Haar ließ Dr. Uwe Spiekermann, Kulturhistoriker an der Universität Göttingen, an den aktuellen Übermittlungswegen. "Die Ernährungskommunikation ist defizitär und gescheitert, weil die Veränderungen in der gesellschaftlichen Wissenswelt nicht wahrgenommen werden." Die Wissenschaft schafft Fakten, die der Laien umsetzen muss. Dieses Wissenschaftsverständnis basiere auf den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts und ist in den angelsächsischen Ländern längst modifiziert.
Die Ernährungsberatung funktioniert nur in den "Situationen relativen Zwangs": z.B. im Krankheitsfall. "Der Leidensdruck ist der beste Bundesgenosse", so Spiekermann. Experten schreiben dem Kranken die Diät vor und der gehorcht. Bei "Gesunden" scheitert dieser Weg.
Die Experten verstehen unter Ernährung etwas anderes als der Mensch in seinem Alltag. Ernährungskommunikation sei ein "Selbstgespräch unter Wissenden. Wenn jemand mit dem Nachbarn ein Bier trinkt, diene das primär nicht der Nährstoffzufuhr" erläutert Spiekermann. Daraus leitet er eine weitere These ab, dass das Ernährungsfehlverhalten ein lukrativer Markt ist. Die Ernährungsexperten müssen sich mit ihrer Beratungsform ihre eigene Legitimation schaffen.
Pessimistisch schätzt der Kulturhistoriker die Chancen auf neue Wege der Ernährungskommunikation ein. Gerade in Deutschland haben Wissenschaftler und Experten ein sehr hohes Ansehen, als dass sie ersetzt oder ergänzt werden könnten. Dafür hat sich die Ernährungswissenschaft in den letzten Jahren auch zu einer biochemischen Grundlagenforschung weiterentwickelt. Wenn die Experten allerdings wieder ihre Kunst alltagstauglicher gestalten würden, wie es international mit traditionellem Essen im Trend liegt, dann könnte sich auch wieder eine Kultur des Vertrauens aufbauen. Dazu sollte nicht der Mensch, sondern sein Handeln verbessert werden. Ein Ernährungsfehlverhalten würde dann nicht an Fachleute delegiert, sondern gemeinsam korrigiert.

TV-Kultivierung
Zunehmender Fernsehkonsum prägt bei den Zuschauern die Vorstellung von der Wirklichkeit. Stephanie Lücke von der Universität Erfurt leitet aus einer ersten Studie über die Darstellung und Wirkung von Ernährung im Fernsehen neue Strategien für die Ernährungsaufklärung ab. Fernsehen ist besonders geeignet, da es unter den Medien die höchste Glaubwürdigkeit besitzt, Informationssendungen neue Trends setzen ("agenda settings") und gerade Jugendliche bei den daily soaps emotional mitgerissen werden ("involving"), so dass parasoziale Beziehungen zu den Darstellern aufgebaut werden. Da macht es einen Unterschied ob das Idol herzhaft in einen Schokoriegel oder in einen Apfel beißt. In den USA werden diese Beobachtungen als "Entertainment Education" bereits gezielt ausgenutzt.
Mit zwei Videobeispielen stellte die Sozialwissenschaftlerin vor, wie in einem Fall einer deutschen Serie ausführlich über eine Calcium-Tablette beim Frühstück geredet wurde und wie ein Cowboy im "Schuh des Manitu", der von seinem Chef etwas mit Schokolade zum Naschen gefordert hatte, einen Apfel zugeworfen bekam: "Iß das. Das ist gesünder."
Stephanie Lücke selbst hat, wie sie gegenüber Herd-und-Hof.de versichert, Bedenken über subtile Strategien, Menschen zu beeinflussen. Aber auf der anderen Seite ist das der Kreativbereich der Werbebranche - und die hat keine Bedenken. Noch schwieriger wird es, wenn das Medium in der Kritik wegen Schleichwerbung steht und vor allem: Wer bestimmt, welches Produkt eingebaut werden sollte - eine Calcium-Tablette oder der Apfel?

Moderne Pyramiden
Eine Tagung ist gelungen, wenn sie Raum für Kontroverses bietet. Der Präsident der DGE, Prof. Dr. Peter Stehle, sieht in der Entwicklung der im März vorgestellten Lebensmittelpyramide durchaus eine neue Strategie. In ihrer Gestaltung vereint die DGE-Pyramide erstmals die Mengen- und Qualitätshinweise auf der Basis des traditionellen Ernährungskreises. Das drehbare 3D-Modell im Internet und die Bastelbögen sind in Arbeit (www.dge.de). Den angelsächsischen Gegenentwurf ließ Dr. Stehle nicht gelten, denn gerade von dort komme der Druck auf die Naturwissenschaften, sich immer weiter zu spezialisieren. Gegenüber den Medienprofis in der Ernährungsbranche sieht er die Naturwissenschaftler zwar im Nachteil, jedoch wirft er den Spielball an die Medien wieder zurück: Mit einem Postulat "Es gibt keine Vitamine!" käme man sofort ins Fernsehen und würde herumgereicht. Solche Reißer will die DGE nicht bieten - und wird weniger eingeladen. Eine Ernährungsberaterin sagte, dass es ja nur um die Verpackung gehe, und da hätte die DGE Nachholbedarf.
Nachhaltig betrachtet leistet die DGE die intensivste Arbeit. Dr. Margit Bölts verwies in ihrem Vortrag über Verhältnisprävention auf die Zahl der Schulungen, die von der Gesellschaft in den Kitas unter gegebenen Bedingungen durchgeführt werden, um Hygiene und Zubereitungstipps weiter zu geben. 2005/06 sind es 106 Schulungen für jeweils 10 bis 12 Köche und Betreuer. Und mit der Begriffsbildung Pi-Pa-Po-Vorliebe ist das Grundproblem in der Schule griffig beschrieben (Pizza - Pasta - Pommes). So was merken sich auch die Kinder.

Bewertung der Pyramide
Mittlerweile liegen der DGE auch erste Ergebnisse einer Online-Unfrage über die neue Lebensmittelpyramide vor. Sie wird durchweg positiv angenommen. 46 Prozent setzen sie in ihrer Beratung bei Klienten, Kunden oder Schülern bereits ein. Die farbliche Gestaltung kommt gut an und erleichtert das Verständnis für den jeweiligen Vorschlag. Fast 40 Prozent der Berater geben dem Modell einen künftigen Platz in der Beratung. Für die Verbraucher ist es bei über 150 grafischen Darstellungen in Pyramiden- oder Kreisform schwer, den Durchblick zu behalten. Die meisten Modelle folgen dem "metabolischen Ansatz", so Stehle. Der berücksichtigt aktuelle Wirkungen von Lebensmitteln auf Stoffwechselparameter, wie beispielsweise der glykämische Index. Der "nutritive Ansatz" der DGE hingegen orientiert sich an den Referenzwerten der Nährstoffzufuhr. Und auch da ist die Pyramide variabel. Auf der Basis des mengenmäßigen DGE-Kreises, ließen sich die vier Pyramidenseiten so bearbeiten, dass sie auf verschiedene Zielgruppen zugeschnitten, deren spezifische Qualifizierung aufweisen. Für Sportler, für Kinder, für Jugendliche oder Senioren.

Roland Krieg

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