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Welternährungsgipfel 2009

Ernährung

„Neue“ Grüne Revolution gefordert

Eine Woche vor dem Welternährungsgipfel in Rom haben sich am Dienstag in Berlin Vertreter der Zivilgesellschaft zum aktuellen Verhandlungsstand geäußert und ihr Positionspapier vorgestellt.

Alte Kleider der „Grüne Revolution“
Mitte Oktober hat das „High-Level Expert“ Forum der Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen (FAO) optimistisch auf Afrika geblickt. Nach Jahrzehnten rückläufiger Pro-Kopf-Produktion in Afrika südlich der Sahara, verzeichnet die FAO ein Wachstum. Das liege nicht nur darin begründet, dass es weniger bewaffnete Konflikte gebe, sondern vor allem durch den Einsatz technologischer Betriebsmittel. Afrika habe hier einen großen Nachholbedarf. So werden südlich der Sahara viel weniger ertragsreiche Hybridsorten angebaut als in anderen Weltregionen. Damit einher gehe auch der geringere Gebrauch von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Die Frage „How we feed the world 2050“, so der Titel der Expertise, ließe sich leicht beantworten: Das Wachstum führe zu Betriebsvergrößerungen, zu industriellen Agrarprozessen und kommerzialisiertem Handel. Damit die Kleinbauern mithalten können, müsse deren Produktion gesteigert werden, damit sie Anschluss an die regionalen, nationalen und internationalen Märkten erhalten.
In Hannover läuft derzeit die landwirtschaftliche Technikmesse Agritechnica. Zur Eröffnung sagte Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner über die Herausforderung, demnächst neun Milliarden Menschen ernähren zu müssen: „Zusätzliche landwirtschaftliche Nutzflächen stehen allerdings kaum zur Verfügung. Die Produktionssteigerung muss überwiegend durch eine deutliche Steigerung der Flächenproduktivität erreicht werden. Diese ist durch eine effektive und innovative Landtechnik möglich.“
Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft stellte zu Jahresanfang in Berlin seinen Masterplan zur Produktivitätssteigerung vor. Auch dort spielt moderne Technik und Ertragsmaximierung eine große Rolle.
FAO, Ilse Aigner und Carl-Albrecht Bartmer folgen den Spuren der Grünen Revolution der 1960er und 70er Jahren. Deutliche Ertragssprünge mit Hybridssatgut und intensiver Bewässerung haben die drohende Nahrungslücke bei steigender Weltbevölkerung kleiner werden lassen.
Angesichts der heutigen Rekordzahl von einer Milliarde hungernder Menschen trotz einer Weltrekordernte bei Getreide im letzten Jahr scheint eine Wiederholung der „Grünen Revolution“ nahe liegend.

Neue Kleider der „Grüne Revolution“
Das aber sei ein Irrtum, warnen der Evangelische Entwicklungsdienst, die Menschenrechtsorganisation FIAN, das INKOTA-Netzwerk, Oxfam und Brot für die Welt. Man brauche zwar eine Grüne Revolution, weil die Hungernden meist Landlose und Kleinbauern sind, die im ländlichen Raum und vor allem von der Landwirtschaft leben, aber eine wirklich neue, die weniger auf Ertragssteigerung, denn auf Nahrungssicherheit setzt. Handelsexpertin Marita Wiggerthale von Oxfam verweist dabei auf den Weltagrarbericht, in dem hunderte von Agrarwissenschaftlern neue Optionen für die Entwicklung des ländlichen Raums und der Wirtschaftsweisen einfordern.
Armin Paasch von FIAN listet die Punkte auf, warum die bisherige Hilfe nicht geholfen hat: Wie die Nahrungsmittelhilfe zeigt, werde an den Symptomen und nicht an den strukturellen Ursachen des Hungers angesetzt. Die Förderung der Landwirtschaft richte sich nur an der Erfolgsgröße Ertragssteigerung aus, was jedoch an den wirklichen Bedürfnissen der Bauern vorbei gehe. Der damit verbundene Einsatz von Betriebsmitteln wie Dünger oder Pflanzenschutz sowie Saatgut, werde nach dem Prinzip der Gießkanne verteilt. Der Entwurf für den kommenden Welternährungsgipfel beinhalte die Aspekte der Agrokraftstoffe und Spekulationen an den Rohstoffbörsen als Ursache für Preissteigerungen im Bereich der Grundnahrungsmittel nicht, obwohl weithin anerkannt. Aktuell entziehe das so genannte „Land Grabbing“ den Kleinbauern ihre Produktionsfläche und sorge für eine ungerechte Landverteilung.

Paradigmenwechsel
So fordert das Zivilbündnis in seinem Positionspapier einen Paradigmenwechsel in der Ausrichtung der Welternährungspolitik. Definierte Ziele „müssen über die arithmetische Zahlenspielerei von Nachfrage und Angebot an Nahrungsmitteln“ hinausgehen. Die öffentlichen Gelder müssen in die Entwicklung des ländlichen Raumes investiert werden und in eine nachhaltigen und standortgerechte Anbaumethode. Eine neue „Grüne Revolution“ müsse soziale und ökologische Kriterien beinhalten.

Teil II folgt morgen.

Roland Krieg

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