Welternährungstag 2005

Ernährung

Täglich verhungern 24.000 Menschen

> Still und fast unberücksichtigt verstrich am gestrigen Sonntag der 25. Welternährungstag der FAO. Dabei ist die Zahl der Hungernden in den letzten Jahren nicht gesunken, sondern nach Angaben der Menschenrechtsorganisation FIAN auf den Höchststand von 852 Millionen Menschen angestiegen und sterben 24.000 Menschen an den Folgen der Unterernährung ? jeden Tag. ?Die internationale Gemeinschaft konnte sich auf dem jüngsten UN-Gipfel zur Überprüfung der Milleniumsziele in New York nicht zu neuen Initiativen durchringen?, kritisierte in einer gemeinsamen Presseerklärung die Menschenrechts-Referentin Ulrike Bickel von Misereor.
Hartwig de Haen. Stellvertretender Generaldirektor der FAO für Ökonomie und Soziales fand auf dem Kongress Recht auf Nahrung deutliche Worte: ?Die beschämende Realität braucht keine Entschuldigung. Wir wissen was zu tun ist.? Schließlich ist auch die Struktur des Hungers ausreichend analysiert.
In den nächsten 30 Jahren müssen zudem rund zwei Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden, warnt Prof. Dr. Klaus-Dieter Jarny, Vorsitzender des Max-Planck-Instituts nahe stehenden Wissenschaftlerkreis Grüne Gentechnik e.V.: ?Alle Verantwortlichen sind aufgefordert, ohne politische und ideologische Vorbehalte zunächst sämtliche wissenschaftlichen Möglichkeiten auszuloten, die zur Verbesserung der Welternährungssituation beitragen können.? Eine Universallösung gäbe es nicht.

Steigende Nachfrage
Ein hohes Wirtschaftswachstum wie es in Asien zu verzeichnen ist, rufe auch eine steigende Nachfrage nach Lebensmitteln hervor, stellte Dr. Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV) letzte Woche fest. ?In weiten Teilen der Bevölkerung Asiens gehört die tägliche Fleischration heute zum Alltag.? So habe sich China weltweit zum mit Abstand größten Schweinefleischerzeuger mit 586 Millionen Schlachtungen und rund 45,6 Millionen Tonnen Schweinefleisch entwickelt. Hier entstehen Nachfragemärkte nach Futtermitteln und zukünftige Exportmärkte für Schweinefleisch, die an den Bedürfnissen der Landlosen und Kleinbauern vorbeizielen.

Forderungen an die neue Regierung
Vor den Wahlen wollten sich CDU und SPD verstärkt für das Recht auf Nahrung einsetzen und die SPD kündigte eine Erhöhung des Entwicklungshilfebudgets an. ?Jetzt müssen SPD und CDU Fakten schaffen. Wir erwarten, dass der verstärkte Einsatz für das Recht auf Nahrung und Landreformen im Koalitionsvertrag festgeschrieben wird?, sagt Agrarexperte Armin Paasch von FIAN Deutschland.

Reizwort Gentechnik
Selbst Prof. Jarny sieht das vorrangige Ziel, wichtige pflanzliche Merkmale der regionalen Nahrungspflanzen, wie beispielsweise Toleranzen gegenüber Bodenversalzung und Dürre zu erforschen. Allerdings macht er auch keinen Hehl daraus, Gentechnik optional einsetzen zu wollen.
Das wiederum sehen die Nichtregierungs-Organisationen ?mit großer Sorge?. ?Der Einsatz der Gentechnik wird den Hunger nicht reduzieren, sondern die Abhängigkeit der Kleinbauernfamilien von teuren, patentgeschützten Technologien der internationalen Saatgutkonzerne erhöhen?, warnt Ulrike Bickel. ?Die zahlreichen Selbstmorde indischer Kleinbauern infolge des Fiaskos genveränderter Baumwolle sind ein drastisches Beispiel. Der Export genmanipulierter Agrarüberschüsse als Nahrungsmittelhilfe bei Hungerkrisen in Afrika und Irak ist ein weiterer Skandal, der das Wahlrecht der Hungernden missachtet und ihnen durch die Hintertür eine riskante Technologie aufdrängt.?

Welthandel
Einen Kurswechsel fordern FIAN und Misereor auch in der Welthandelspolitik. Ein neues Agrarabkommen im Rahmen der WTO dürfe Entwicklungsländer nicht zur weiteren Öffnung ihrer Agrarmärkte zwingen. Die Abschaffung der Agrarexportsubventionen und Dumpingpreisen hat für beide Organisationen höchste Priorität.
Dazu gehört auch die Nahrungsmittelhilfe, die im Prinzip einfach erscheint: Länder, die im Überschuss Nahrungsmittel produzieren, verschenken diese an Länder in Not. Der Spender wird seine teuren Überschüsse los und der Empfänger erhält billige Nahrungsmittel. Die USA hatten in ihrer Nahrungsmittelproduktion in den frühen 1960er Jahren die Wende zur Überschussproduktion und mit dem ?Public Law 480? die Nahrungsmittelhilfe zum integralen Bestandteil der amerikanischen Agrarpolitik gemacht. Die EU und andere Geberländer haben mittlerweile die Konsequenzen gezogen, so Übergangs-Verbraucherminister Jürgen Trittin am Samstag: Nahrungsmittelhilfe wird nicht mehr in Naturalien, sondern in Form von Geld gegeben. Dafür werden in der betroffenen Region mehr lokale Nahrungsmittel gekauft. Das bringt den Bauern vor Ort Einkommen und hilft ihnen, langfristig die Produktion aufrecht zu erhalten und so die Ernährung ihrer Länder aus eigener Kraft zu sichern. ?Wenn wir heute darauf drängen, die Nahrungsmittelhilfe einer strengen Disziplin im Regelwerk der WTO zu unterwerfen, dann entspricht das nicht dem Sieg kommerzieller Interessen über humanitäre Belange, wie Kritiker behaupten. Es ist vielmehr die Konsequenz langer und mitunter auch schmerzlicher Erfahrungen in vielen Jahren der Nahrungsmittelhilfe?, so Trittin.

Ordentliches Regieren
DBV-Generalsekretär Born legte bei seiner Rede im westfälischen Dorsten den Finger auf eine lokale Wunde, die als Singapur-Themen der WTO-Verhandlungsrunden bei den Entwicklungsländern gerne abgelehnt werden: ?Good Governance?: Transparenz bei öffentlichen Aufträgen, gegen Korruption und Wettbewerbsverzerrungen vor Ort.
Vielfach scheitere eine bessere Lebensmittelversorgung an der desolaten Infrastruktur der Länder, so Born. Es gibt ein schlecht funktionierendes Beratungswesen und Mangel in der Handelsstruktur, im Verwaltungswesen und beim Zugang zu Krediten. Als Beispiel nannte Born das afrikanische Land Niger und das dortige Grundnahrungsmittel Perlhirse. Wären die seit Jahren vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse im Ackerbau realisiert worden, hätte die Hungerskatastrophe verhindert werden können. Der Bezug von Saatgut und Dünger war allerdings weiterhin nur unter größten Mühen möglich gewesen und es gibt kein unabhängiges Beratungswesen. Die landwirtschaftlichen Berater hätten ihre Aufgaben ?als lukrative private Finanzierungsquelle missinterpretiert?. Sei die Ernte eingeholt, dann versickere sie auf den desolaten Handelswegen.
Wie schlecht es mit der ?Good Governance? in dem Land bestellt sei, zeige die Darstellung von Regierung und Verwaltung, die anscheinend von all diesen Vorschlägen der Experten noch nichts gehört und die Hungersnot gar nicht zur Kenntnis genommen hätten. Denn die politische Führung, so Born weiter, habe noch in diesem Frühjahr erklärt, die Bilder verhungernder Kinder seien falsche Propaganda, das Volk sei wohl ernährt.

VLE

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