Wie die Bayern speisen
Ernährung
Bayrische Verzehrsstudie II
> Der Freistaat Bayern ist das bisher einzige Bundesland mit einer eigenen Verzehrsstudie. Ende der 80er Jahre gab es bundesweit einen singulären Vorläufer, der unsere Südländer zu einer eigenen Studie im Jahr 1995 veranlasste. Ernährung wird jedoch immer mehr als zentrales Element des menschlichen Lebens aufgefasst und forderte einen Vergleich heraus, wie sich auch angesichts verschiedener Lebensmittelskandale die Verzehrsgewohnheiten verändert haben. Unter der Federführung der Technischen Universität München wurde das Ergebnis der Verzehrsstudie II vorgestellt, deren Datenerhebung bei 1.000 Bayern zwischen September 2002 und Juli 2003 stattgefunden hatte. Einkaufsverhalten
Die Herkunft von Lebensmittel ist den Verbrauchern wichtig. Insgesamt 52 Prozent gaben an, dass sie „sehr stark“, bzw. „stark“ beim Einkauf auf die Herkunft achten. Allerdings spiegelt sich in Bayern auch das Verhalten wieder, beim Einkauf auf den Preis zu achten. 42 Prozent ist dieses Auswahlkriterium sehr wichtig. Hingegen beurteilen die Menschen den Einfluss der Werbung auf ihr Verhalten zu 71 Prozent als „eher nicht“ und „gar nicht“.
Dabei ziehen die Lebensmittelskandale der letzten Jahre meist an den Verbrauchern vorbei, ohne nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Mehr als die Hälfte der Konsumenten reagiert nicht oder nur kurzfristig auf Nitrofuran und PCB. Diejenigen, die ihren Einkauf verändern, kaufen auch Produkte aus dem ökologischen Anbau. Dennoch zeigte sich im Vergleich zur Verzehrsstudie I eine Tendenz, dass Rind- und Schweinefleisch, sowie Wild, Eier und Süßwaren weniger konsumiert werden und Geflügel, Milchprodukte, Obst und Gemüse öfters auf dem Tisch stehen.
Lieblingsspeisen
Die veränderten Gewohnheiten lassen sich auch detailliert beschreiben. Im Vergleich zur ersten Erhebung wurden, umgerechnet in Gramm pro Tag, weniger verzehrt: Fleisch und Wurst (17g/d), Butter 4, Käse und Quark 5 und Eier 12. Bei pflanzlichen Produkten werden Brot (16), Kartoffeln und Gemüse (jeweils 7 g/d) weniger gegessen. Pro Tag wird in Bayern 90 Gramm Alkohol weniger getrunken und mit alkoholfreien Getränken (plus 403 g/d) und Tee (232) mehr als ausgeglichen. Tafelwasser ist bei Männern und Frauen das beliebteste Getränk. Bei den Männern liegen Äpfel als Vertreter der gesunden Obst- und Gemüsefraktion erst an 7., bei den Frauen immerhin an 5. Position.
Der verringerte Verzehr von Fleisch- und Wurstwaren wird von den Experten positiv gesehen, da dadurch die Zufuhr an Energie und gesättigten Fettsäuren sinkt. Der Rückgang bei Käse und Quark ist wegen der geringeren Calciumzufuhr eher negativ zu bewerten. Als weiteres Resultat wird der Obst- und Gemüseverzehr kritisiert. Auch wenn mehr Gesundmacher verspeist werden, so ist das Ziel der Kampagne www.5amtag.de noch nicht erreicht. Zur Steigerung sollen mehr Kampagnen gefahren werden.
Interessanterweise spielt das Ernährungswissen eine große Rolle. Hohes Wissen geht einher mit weniger Fleisch- und Wurstverzehr, sowie hohem Verbrauch an Milchprodukten und Frischobst.
Ernährungsstatus
Energie sollte nicht zu mehr als 30 Prozent aus Fett zugeführt werden. In Bayern sind es mit Ausnahme bei Frauen unter 25 Jahre stattliche 37 Prozent. Umgekehrt ist die Zufuhr an Kohlehydrate relativ niedrig und die Aufnahme an Ballaststoffen deutlich zu gering. Ballaststoffe werden insbesondere über Graubrot, Kleingebäck und Teigwaren aufgenommen. Dass zu wenig Obst und Gemüse verzehrt wird, ist an Blutproben der Probanden abzulesen: Die Vitamine A, B-Vitamine (Thiamin, Niacin, Pyridoxin), B12 sowie Vitamin D sind im Vergleich zu 1995 deutlich zurückgegangen. In der Summe des Verzehrs liegt der Anteil der Übergewichtigen in Bayern bei ca. 34 Prozent, der Anteil der adipösen Personen bei sieben. Das allerdings war das Ergebnis der Verzehrsstudie I. Bis heute ist das Ergebnis dramatisch schlechter geworden: 46 Prozent der Bayern sind übergewichtig und 12 Prozent adipös. Vor allem ältere Menschen. Die Experten sind sich sicher: „Direkte Messungen in einer Teilgruppe sprechen dafür, dass der Anteil der Übergewichtigen in der Bevölkerung noch höher liegt.“
Neben der Nahrungsaufnahme komplettiert erst die Verbrennung der Energie die Bilanz. Die Bayern schlafen 7,4 Stunden pro Tag und sitzen 2,25 (Männer) und 1,75 (Frauen) Stunden vor dem Fernseher oder PC. Inklusive Spazieren gehen waren zwar 50 Prozent der Menschen sportlich aktiv, dennoch wird sich zu wenig bewegt. Der so genannte pysical activity level (PAL) soll bei 1,75 des Grundumsatzes liegen. Männer kommen auf 1,72, Frauen auf 1,68. Das ist zu wenig und führt zu der Forderung, dass die „Steigerung der körperlichen Aktivitäten in der Freizeit“ ein gesundheitspolitisches Ziel zur Verringerung von Adipositas und deren Begleiterkrankung werde.
Anhand des Pittsburgher Schlafqualitätsindex werden Parameter wie beispielsweise Schlaflänge, Einschlafdauer, Schlafqualität, Aufwachereignisse, Schlafmitteleinnahme, Tagesmüdigkeit erfasst und verglichen. Die Bayern fanden heraus, dass ein steigendes Körpergewicht mit niedriger Schlafqualität einhergeht. Übergewichtige Menschen schnarchen häufiger, wachen öfters auf und leiden vermehrt unter Tagesmüdigkeit.
Resümee
Die Bayern fassen zusammen, dass trotz einiger positiver Trends die Gesamtsituation verbesserungswürdig ist. Der Anteil von Fett an der Energiezufuhr ist unverändert zu hoch, der Konsum von Obst und Gemüse viel zu gering. Die Menschen müssen sich mehr bewegen.
Ernährung und Bewegung
Natürlich ist das alles nicht neu und die Wissenschaftler stehen mit ihren Forderungen auch nicht alleine da. In der Politik geschieht etwas. Ende letzter Woche wurde der Verein „Ernährung und Bewegung“ gegründet: „Mit dieser Plattform wollen wir ein Bündnis aller gesellschaftlicher Gruppen schaffen, die dazu beitragen können, dass insbesondere Kinder und Jugendliche einen gesunden Lebensstil führen, sich bewusst ernähren und ausreichend bewegen. Dazu soll unter Einbezug der vielen schon bei uns bestehenden Initiativen privater und öffentlicher Organisationen und Einrichtungen eine Gesamtstrategie entwickelt werden, mit der dem bedrohlichen Anstieg von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen effektiver als bisher begegnet werden kann. Basis dieser Strategie sind wissenschaftliche Erkenntnisse. Erst eine breite Plattform ermöglicht es, dass mit dieser Gesamtstrategie die relevanten Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen erfasst werden, in denen die wesentlichen Ursachen für das Übergewicht liegen. Wir streben eine dauerhafte gesellschaftliche Bewegung an, um in der Bevölkerung, bei Eltern, Kindern und Jugendlichen ein nachhaltiges Bewusstsein für die Bedeutung von Ernährung und körperlicher Aktivität zu schaffen.“
Ende September gibt es den ersten Gründungskongress der Beteiligten: Das BMVEL, der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), der Bundeselternrat, der Deutsche Sportbund/die Deutsche Sportjugend, die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die Spitzenverbände der Gesetzlichen Krankenkassen, durch den Bundesverband der Innungskrankenkassen vertreten, und die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA).
Da gehen Politik und Wissenschaft einmal Hand in Hand.
roRo