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Wie schmeckt der Vogelschutz?

Ernährung

Zukunftsfähiger Wohlstand

>Keine Beschäftigung, Migration in die Städte, Buslinien werden eingestellt und die nächste Arztpraxis ist im übernächsten Dorf: Das Land verfällt. ?Ein Dorf ohne Bauern ist ein Randsiedlungsgebiet?, wie es ein thüringischer Bauer auf dem Kongress zur Zukunft des ländlichen Raumes in Ostdeutschland formulierte. Aber was hält die Bauern auf dem Land?

Traditionelles Handwerk wieder fördern
Dr. Christian Ganzert von der TUMtech GmbH, Mitglied im Netzwerk Lebensmittelqualität, berichtet am Beispiel des Brötchens, welche Unterschiede entstehen, wenn sich der Verbraucher zwischen einem industriellen Massenbrötchen und dem aus einer traditionellen Bäckerei entscheidet. Die Industrie verarbeitete zusatzstoffbelastetes Getreide unbekannter Herkunft, nutzt Fertigmischungen und Backhilfen, erzielt einen homogenen Teig, der auf die maschinelle Bearbeitung zugeschnitten ist und bäckt 200.000 Brötchen pro Nacht. Der handwerkliche Bäcker lässt das Getreide, von dem er weiß wo es herkommt, drei Wochen ruhen, kennt nur Mehl, Hefe, Salz und Wasser, bäckt nach eigenem Rezept, aber nur 2.000 Brötchen pro Nacht. Dieser Bäcker weist eine hohe Arbeitskraftqualität auf und schöpft den Warenwert ab. Die Industrie hat eine geringere Arbeitskraftqualität und die Wertschöpfung liegt bei den Backmittel- und Zuliefererfirmen.
Bedauernswerterweise können fast nur noch ältere Hausfrauengenerationen Qualitätsunterschiede bei Lebensmittel erkennen, so Dr. Ganzert. Dabei spielt es nicht nur im Bereich der Geschmacksqualität eine Rolle, was der Verbraucher kauft. Die Qualität des Produktes spiegelt sich genauso über die handwerklichen Fähigkeiten des Bäckers in Authentizität der Ware, des Umweltschutzes und der Lebendigkeit des ländlichen Raumes wieder.

Studie über regionalen Wohlstand
Regionaler Wohlstand lässt sich nicht einseitig an der wirtschaftlichen Größe des Bruttosozialproduktes messen, definiert Prof. Dr. Dr. Martina Schäfer vom Zentrum für Technik und Gesellschaft der TU Berlin auf dem Workshop zukunftsfähiger Wohlstand auf der BioFach in Nürnberg. Sie präsentierte die ersten Ergebnisse einer Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird und untersuchte dabei die Region Berlin-Brandenburg. Dafür wurden für 570 landwirtschaftliche, 160 verarbeitende Betriebe, wie Bäckereien und Metzger, sowie 170 Bioverkaufsstellen in Berlin und 45 in Brandenburg Daten über Telefoninterviews, Fallstudien und Erhebungen repräsentativ zusammen getragen.
Die Lebendigkeit des ländlichen Raumes ist äußerst vielfältig und kann über Zahl der wahrgenommenen Ehrenämter, Gemeindearbeit, Besuch von Informationsveranstaltungen und Hoffesten gekennzeichnet werden. Warenströme innerhalb einer Region, Weiterbildungsmöglichkeiten für die Arbeiter, Einstellung von Lehrlingen sowie Ökoaudits und Energiebilanzen gehören zu den sozialen und kulturellen Aktivitäten dazu. Am Ende der Studie sollen Leitbildprozesse herausgebildet werden, die auf andere Orte und Betriebe übertragbar sind. Gibt es beispielsweise nutzbare Synergien zwischen der Vermietung von Ferienwohnungen und dem Naturschutz? Zwei Trends lassen sich schon einmal deutlich heraus arbeiten: Zwar sind alle Beteiligte mit ihrer Entlohnung und der wirtschaftlichen Situation ihres Betriebes nur durchwachsen zufrieden, weil rund ein Drittel unzufrieden ist, aber vor allem die Bauern haben in sehr hohem Maße Spass an der Arbeit. Prof. Schäfer sieht in Brandenburg den Trend, die Entwicklung des ländlichen Raumes lieber durch Großprojekte voranzutreiben. Der Lausitzring und die Zeppelinhalle sind sicherlich beredte Beispiele. Die Professorin möchte lieber eine flächendeckende Förderung haben.

Hängt es am Verbraucher?
Allerdings sind die Überlegungen nicht alle neu, denn vor allem in Südwestdeutschland gibt es schon lange regionale Entwicklungsinitiativen. Auch die Rhön ist ein gutes Beispiel, bei dem sogar Hessen, Bayern und Thüringen länderübergreifend zusammen arbeiten. Vielleicht kann jedoch diese Forschung skalierbare neue Anreize bringen. Dr. Ganzert benennt beispielsweise folgende Hemmnisse: Im Geschäft gibt es zu wenig Informationen über handwerkliche Qualitäten. Das Lebensmittel-Handwerk hat ein schlechtes Image und deswegen auch zu wenig Nachwuchs. Daher sind Aus- und Weiterbildungen, sowie regionale Innovationswerkstätten diskutable Ansätze. Hoffeste führen den Verbraucher sinnlich zu den Herkunftsstätten seiner Nahrung.
Uneins bleibt jedoch nach wie vor der Konsumentenansatz. Ein Bio-Brötchen von einem Biobetrieb, der auf Grund seines vielfältigen Anbaus mehr Vogelarten auf seinen Feldern hat: schmeckt der Verbraucher das heraus? Die ideellen Werte "Schönheit der Landschaft" und "Arbeit auf dem Land" sind schwer zu transportieren. Denn auch diese Ideen sind nicht neu, und trotzdem punkten die Discounter. Vielversprechender erscheint der Ansatz, den Verbraucher über die Qualität zu gewinnen. Die Agrarwende ist auch eine Konsumwende. Der Geschmacksvergleich, Nahrung wieder selbst zuzubereiten und nicht nur durch Aufreißen von Verpackungen zugänglich zu machen, muss dem Konsumenten wieder nahe gebracht werden. Joachim Weckmann vom Märkischen Landbrot hat viele Schulklassen zu Besuch, die Brot, Backen und Getreide erstmals erfahren.

Das laufende Projekt kann unter www.regionalerwohlstand.de virtuell besichtigt werden.

roRo

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