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Absatz am Schwarzen Meer

Handel

Absatzpotentiale in Bulgarien und Rumänien

Europa ist zum Jahresanfang reicher geworden. Mit Bulgarien und Rumänien kamen nicht nur zwei schöne Länder hinzu, sondern auch 30 Millionen neue Bürger, neue Konsumenten, freut sich Dr. Jasmin Sani von der CMA, die zusammen mit der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) heute Vormittag auf der Internationalen Grünen Woche die Marktchancen am Schwarzen Meer abschätzte.
Die letzte Osterweiterung brachte den neuen Mitgliedsländern den vierten Platz in der deutschen Agrarexportstatistik ein. Dieses positive Beispiel soll die beiden Länder am Schwarzen Meer von ihren letzten Plätzen in der Statistik aufsteigen lassen. Verkaufsaktionen wie von Billa (Rewe) in Bulgarien zeigen, dass deutsche Produkte ihren Absatz daraufhin um 600 Prozent erhöhen konnten.

Zwei Märkte in Rumänien
Im Durchschnitt verdient jeder Rumäne 250 Euro im Monat. Das Kaufkraftpotential liegt aber höher, erläutert Carolina Selea vom Importeur JBC Eden SRL. Die Hälfte der fast 22 Millionen Einwohner lebt in den Städten. Dort verdienen Ärzte, Rechtsanwälte und rund eine Million Unternehmer deutlich mehr als das Durchschnittssalär. Rentner und die Landbevölkerung senken den Durchschnitt und erzielen mit 80 bis 90 Euro gerade einmal den Mindestlohn. Die Statistik ist aber wenig aussagefähig, weil etwa zwei Millionen Rumänen durch ihre Auslandsarbeit jährlich etwa eine Milliarde Euro in die Heimat transferieren.
Die Ausgaben für Lebensmittel erreichen etwa 55 Prozent des Haushaltsbudgets, wobei Importerzeugnisse auf Grund der höheren Qualität bei den Verbrauchern ein höheres Ansehen genießen. Vor allem deutsche Produkte, ergänzte Selea.
Es gibt jedoch zwei Märkte. Auf der einen Seite gibt es den traditionellen Markt mit kleinen Familienbetrieben in Form von Kioske, Straßenverkauf, Wohngebäudeladen und Freiluftmärkte. Hier sind Produktinnovationen nur sehr schwer durchzusetzen, weil eine Vielzahl von Anbietern von dem Mehrwert erst überzeugt werden muss und der Markt wegen der Landbevölkerung sehr preissensibel ist. Diese Geschäftsformen heben sich gegen die Marktketten durch eine große Flexibilität ab. Sie bieten in der Regel einen 24-Stunden-Service, den die Marktketten lediglich zu Weihnachten angeboten haben. Solche Serviceformen sind im Zuge der zu erwartenden Konsolidierung eine Existenzsicherung, schätzt Selea.
Auf der anderen Seite etablieren sich die großen Handelsketten und folgen dem klassischen Prozess der Expansion von der Metropole in die Provinz. Alle Ketten haben Expansionspläne und nur die Metro hat einen Sättigungsgrad erreicht, weil sie sich an die Reseller wendet.
Trotzdem ist ein Markteintritt für Geschäfte und Produkte nicht leicht. Seit 15 Jahren haben Produkte aus Israel, Italien und Frankreich schon eine Kundenbindung erzielt.
Neue Absatzchancen bieten aber neue Nachfragetrends. In Deutschland liegt der Fruchtsaftverzehr bei 37 Liter pro Person. In Rumänien sind es lediglich drei Liter. Das steigende Gesundheitsbewusstsein bietet hier noch eine große Absatzreserve . Weitere Trends aus dem Westen erhöhen die Nachfrage nach Bioprodukten und Fertiggerichten.

Ländliches Bulgarien
Für den erkrankten bulgarischen Referenten sprang Dr. Sani ein und bildete die Marktchancen für Bulgarien ab. Mit etwa 70 Einwohnern je Quadratkilometer ist Bulgarien sehr ländlich geprägt. (Deutschland hat 230 und Ost-Mecklenburg-Vorpommern rund 35 Einwohner/qkm). Auch für Bulgarien helfen über eine Million Auslandsarbeiter, den niedrigsten europäischen Durchschnittslohn von 166 Euro zu ergänzen. Im Land selbst leben kaum acht Millionen Menschen.
Die Landwirtschaft ist sehr klein strukturiert. Der Anteil der Betriebe unter fünf Hektar beträgt 96,8 Prozent an der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Nach Zerschlagung der sozialistischen Genossenschaften hat man die Bauern nicht wieder zu vergleichbaren Zusammenschlüssen bewegen können. Vieles ist brach gefallen, was ein Grund für das hohe Außenhandelsdefizit ist, stellte Dr. Sani fest. Exportiert werden Waren für 9,5 Milliarden und importiert für 13,5 Milliarden Euro.
Die verarbeitende Industrie, wie Molkereien und Fleischverarbeitende Betriebe, haben wegen der Kleinststruktur hohe Erfassungskosten für ihre Rohstoffe.
Auch in Bulgarien expandieren die großen Handelsketten, haben aber noch keinen Verdrängungswettbewerb wie in Polen und Tschechien hervorgerufen. Die Metro-Gruppe stellt mit 9,7 Prozent den größten Anteil am Lebensmittelhandel. Die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) folgt mit 4,2 Prozent. Der nicht organisierte Handel hat noch einen Anteil von fast 80 Prozent. Man sollte auch bedenken, so Dr. Sani, dass die Grundstückspreis in Sofia sehr hoch sind. Lidl hatte deswegen im Mai 2006 seine Markteintrittspläne eingestellt.
In Bulgarien gibt es viele Marktchancen. So sind bei Molkereiprodukten der traditionelle Schafskäse und „Kashkaval“, ein gelber Hartkäse, weit verbreitet. Blauschimmelkäse war lange Zeit unbekannt und hat mittlerweile einen festen Platz im Regal erobert.
Es sind trotz einer Vielzahl an Fleischverarbeitenden Betrieben lediglich 15 Prozent EU-zertifiziert. Die Bulgaren essen jedoch gerne und viel Fleisch. Seitdem die Exportzölle für Fleisch in Höhe von 40 Prozent gefallen sind, können Wurst und Fleisch auf niedrigem Preisniveau gut auf dem bulgarischen Markt untergebracht werden.
Süßwaren sind ein beliebtes Geschenk bei Besuchen und Feierlichkeiten. Selbst bei Behördengängen werden Pralinenschachteln geöffnet. Weil die lokale Qualität aber eher auf niedrigerem Niveau liegt, sieht Dr. Sani auch hier gute Marktchancen.

BG und RO: Unter Aufsicht
Im Vorfeld des offiziellen Beitritts gab es immer wieder Stimmen, dass wegen Korruption, nicht unabhängiger Justiz und nicht funktionierenden Behörden, die Aufnahme verschoben werden sollte. So betonte Dr. Sani, dass die EU erstmals für Neumitglieder mit der Anwendung von Schutzklauseln gedroht hat. 150 unaufgeklärte Auftragsmorde in Bulgarien sprächen eine deutliche Sprache. Im März steht die nächste Überprüfung an, ob die neuen Partner ihre Reformschritte einhalten. Ist das nicht der Fall, dann werden Agrarsubventionen um bis zu 25 Prozent gekürzt und Agrarexportverbote ausgesprochen. „Das nehmen Bulgarien und Rumänien sehr ernst“, betonte Dr. Sani.

roRo

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