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ANUGA 2005

Handel

Größte Leitmesse der Ernährungsindustrie eröffnet

> Seit heute morgen haben die Messehallen in Köln für die ANUGA 2005, der weltweit größten Messe für die Ernährungsindustrie, geöffnet. Zum dritten Mal in Folge präsentieren sich zehn einzelne Fachmessen, diesmal auf 286.000 qm, in einem ANUGA-Gesamtkonzept: z. B. Tiefkühlkost, Getränke, Fleisch oder Delikatessen. Insgesamt präsentieren 6.294 Aussteller aus 108 Ländern ihre Produkte und Dienstleistungen; selbst Dr. Oetker und die Könecke Fleischwarenfabrik haben ihre Abstinenz von der ANUGA unterbrochen und stellen wieder aus. Die Ernährungsindustrie ist in Europa einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige mit über 800 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 4 Millionen Beschäftigten. Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) erzielt europaweit noch einmal 879 Milliarden € Umsatz.

Schwierige Zeiten für den Handel
Der Ernährungsbranche geht es trotz der beeindrucken Zahlen nicht gut. Beispielsweise gibt es alleine im Nordosten Berlins sechs Einkaufszentren, die zwar nur „eine Betriebsform des Einzelhandels“ sind, wie Hans-Joachim Mlykiewicz aus der Senatsverwaltung diese Woche im Tagesspiegel formulierte, aber der Flächenüberhang verschärft den Wettbewerb. Auf der Strecke belieben meist die Erzeugerpreise bei den Bauern.
Den Flächenüberhang beklagte auch Metro-Vorstand Dr. Hans-Joachim Körber auf der gestrigen Auftaktveranstaltung. Der Einzelhandel hält für jeden Einwohner in Deutschland 1,4 qm Geschäftsfläche bereit. Das ist doppelt so viel wie in England und Frankreich. Das daraus entstehende Preisniveau liegt rund 15 Prozentpunkte unter dem westeuropäischen Durchschnitt.
Dr. Körber klagte aber auch über die „Folgen der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen“: Die Wirtschaft stagniert seit mehreren Jahren bei allenfalls marginalen Wachstumsraten. Hinzu kommen eine hohe Arbeitslosigkeit, hohe Staatsverschuldung, erodierende Sozialsysteme und vor allem schwindendes Vertrauen der Bevölkerung in ihre wirtschaftliche Zukunft.
Nicht zuletzt muss der Handel sein Bild vom Verbraucher neu bestimmen. Der so genannte „hybride Verbraucher“ bevorzugt den Lebensmitteleinkauf im billigen Discounter, geht aber auch bei Impuls- und Versorgungseinkäufen zu Tankstellen mit überdurchschnittlichen Preisen. Billige Wühltischware wird mit luxuriöser Designerware kombiniert. Aber der Metro-Vorstand sieht auch hoffnungsvolle Kundensegmente: Im Jahre 2020 wird der Anteil der über 60-jährigen in Deutschland bei fast 30 Prozent liegen. Innerhalb der gesamten EU bei etwa 26 Prozent. Diese Klientel sei bereits heute eine interessante Konsumentengruppe, da gut ein Viertel über ein monatliches Netto-Einkommen von 2.500 Euro verfügt. Marketingexperten bezeichnen diese Gruppe als „Golden Oldies“ oder „Woopies“: „well off old people“. Dr. Körber fügt noch die multiethnische Gesellschaft als kaufkräftige Klientel hinzu. Sein Fazit: „Der Handel ist eine permanente Baustelle.“

Visionen des Handels
Zu den Architekten einer Baustelle gehören auch Visionen. Die stellte Neville Isdell, Vorstand der Coca-Cola, vor. Der Handel müsse neue Wege gehen: Es werde nicht mehr das Geschick des einzelnen Händlers über den wirtschaftlichen Erfolg entscheiden, sondern wer die besten Prozesse im Warenabsatz hat. Die Industrie will nicht mehr nur über die Hintertür des LEH die Ware anliefern, sondern dem Händler helfen, diese über die Eingangstür zu verkaufen. Dazu müssen allerdings die Handelsbarrieren grenzüberschreitend für neue Märkte und Kooperationen abgebaut werden. Zukunftsweisend wird die Digitalisierung der Warenströme sein, wenn mit Hilfe von Barcodes an der Kasse gleich neue Ware beim Verarbeiter bestellt wird.
Isdells Handelscredo: „Der Preis ist, was man bezahlt, der Wert ist, was man erhält.“ Über Wohl und Wehe des Handels entscheide mehr denn je der Verbraucher mit dem Einkauf an der Kasse. Und was Konsumenten in der Vergangenheit nachfragen ist Vielfalt und Auswahl. Der Brausehersteller bietet mittlerweile Wasser, Kohlensäurehaltige Soft Drinks, Fruchtsäfte, Energiedrinks, Sportlergetränke, Eistees, Eiskaffees, aromatisierte Getränke, aromatisierte Milchgetränke und Obstsäfte an. Dabei ist die Zahl der verwendeten Rohstoffe nahezu gleich geblieben und die Vielfalt ergibt sich meist nur aus neu zusammen gesetzten und gestylten Produkten. Coca-Cola begann einst mit einem einzelnen Produkt in nur einer einzigen Verpackung. Mittlerweile sind es mit 130 Produkten bereits doppelt so viele wie vor acht Jahren – und die Vielfalt wird weiter steigen, prophezeit Isdell: Weltweit würden Millionen Kilometer an Regalfläche leer bleiben, wenn Coca-Cola nicht so viele Produkte anbieten würde. Events spielen dabei eine wichtige Rolle. In Köln beginnt im November mit dem Karneval „Die fünfte Jahreszeit“ und der diesjährige Prinz ist ein Mitarbeiter seiner Firma. Isdell kündigte die volle Unterstützung der närrischen Zeit durch die „Coca-Cola – Familie“ an.

Trumpfkarte Export
Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, Jürgen Abraham, sieht im Export von verarbeitenden Produkten eine wichtige Trumpfkarte der Branche. Die im Dezember stattfindenden Verhandlungen über den Welthandel in Hongkong müssen deutliche Zeichen für eine allgemeine Marktöffnung setzen. Die Lebensmittelunternehmen in Deutschland verfügen, so Abraham, über eine hohe Leistungsfähigkeit, Kreativität und Durchsetzungskraft. Die Firmen hätten die Produktionsprozesse bis in das Detail durchrationalisiert und die Belegschaften auf das absolut notwendigste reduziert. Jetzt müsse die Politik dem Wettbewerb freie Fahrt geben.

Roland Krieg

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