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Armutskrankheiten in Afrika

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Teufelskreislauf Armut und Krankheit

„Krankheit macht arm und Armut macht krank“. So lautet das Thema einer Schautafel in der Ausstellung MenschMikrobe in Berlin. In der Ausstellungskulisse lud die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Podiumsdiskussion am Dienstag Abend im Rahmen des seit 2007 laufenden Programms zur Förderung Deutsch-Afrikanischer-Kooperationsprojekte zur Erforschung vor allem vernachlässigter Krankheiten.

Der Zusammenhang
Die Vereinten Nationen haben den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit im Rahmen der Millenniums-Entwicklungsziele deutlich herausgestellt. Gesundheit ist außerordentlich deutlich mit Entwicklung verknüpft. Wo die Wirtschaft versagt, leidet das Gesundheitssystem und wenn die Bevölkerung krank ist, kann sie keine wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben.
Das heißt aber auch nicht, dass Entwicklung und wirtschaftliche Prosperität die Menschen automatisch gesund macht. Gerade in Schwellenländern tauchen mit Adipositas dann neue Erkrankungen auf, die das Gesundheitssystem ebenso herausfordern wie Infektionskrankheiten.

Die „großen Drei“
HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria sind die „großen Drei“ Krankheiten, die im medialen Bewusstsein vorhanden sind. Doch Cholera, Diarrhö und die Lungenkrankheit Pneumonia sind nicht weniger tödlich und verlangen nach Auffassung von Dr. Stella Smith vom Nigerian Institut of Medical Research in Lagos, genauso viel Beachtung. Für diese Krankheiten sei es aber ungleich schwerer, Aufmerksamkeit und Forschungsgelder zu erhalten.

Viel Wirkstoff-Potenzial
Die Forschung ist gegen die Infektionskrankheiten gewappnet. Es wird viel geforscht und es gibt viel Fortschritte. Gegen Malaria hilft nicht nur DDT oder das Moskitonetz, die traditionelle Medizin hat bereits neue Wirkstoffe in die moderne Forschung gebracht, sagt Prof. Peter Gottfried Kremsner vom Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen zu Herd-und-Hof.de. Chinin oder Artemisin aus dem chinesischen Beifußgewächs sind Beispiele aus dem „sehr hohen Potenzial“ lokaler Pflanzen.
Ein Irrtum allerdings sei, dass Medikamente auf dieser Wirkstoffbasis preiswerter seien, als welche aus dem Chemielabor. Tests und Zulassungsverfahren gelten für sie ebenfalls und machen sie vergleichsweise teuer.

Die Infrastruktur bremst
So widmete sich das Podium vor internationalem Forscherauditorium auch nicht um die wissenschaftlichen Fortschritte im Kampf gegen Tropenkrankheiten, sondern mehr um die Probleme bei der Umsetzung. Ein Beispiel aus der aus der Praxis: Laboratorien vor Ort fehlt es an Diesel für die Stromversorgung, um zu forschen und zu arbeiten.
Forschungstöpfe, so Professor Stefan Kaufmann vom Berliner Max-Planck-Institut, beziehen sich auch in der Regel auf die Basisforschung. Für den Diesel seien dann andere Programme zuständig – wobei ein gemeinsames Konzept auch dieses Problem lösen könne.
Einfach ist die Zusammenarbeit nicht. Nach Dr. Thomas Junghanss vom Hygiene-Institut des Universitätsklinikums Heidelberg ist gleich ein ganzes Bündel an Maßnahmen für das richtige kooperieren notwendig. Ob eine Nord-Süd- oder eine Süd-Süd-Kooperation: Die Partner müssten sich auf gemeinsame Ziele verständigen und ihre Forschung transparent auslegen. Beide Partner müssten Resultate und Gewinne teilen, sowie Forschungskapazitäten ausbauen. Die meisten Kooperationen verlaufen auf persönlicher Basis, so Dr. Hassan Mshinda von der Tanzania Commission for Science and Technology.
Zu oft seien die Partner nicht auf Augenhöhe. Vor Ort sei es bereits schwer, aus einer Feldstation ein Forschungscenter zu entwickeln, so Dr. Junghanss. Noch schwieriger wird es, das Wissen in die Universitäten zu bringen. Die treibende Kraft hinter der Angleichung der Bedingungen sei eine starke Zivilgesellschaft.

Forscher zurückholen
„You must come back to your home country“, forderte Dr. Smith. Zu viele junge Wissenschaftler bleiben in den USA oder in Europa, weil dort nach dem Studium die Karriereaussichten besser sind.
Das sei auch verständlich, weil die Wissenschaftler in den Industrieländern Methoden lernen und Techniken nutzen, die vor Ort gar nicht vorhanden sind. Es sei wenig attraktiv, an einer Universität nur die Theorie zu lehren, weil es keine Labore gibt.
Ein Vertreter der NEPAD hingegen meint, dass die Kapazitäten innerhalb Afrikas ausreichten und wahrgenommen werden müssten. Es sei weniger die Höhe des Etats wichtig, der für Ausbildung und Forschung zur Verfügung stehe, denn mehr der politische Wille.

Zulassungsproblematik
Prof. Kremsner verweist auf ein zusätzliches Problem. Gerade die Zulassungsansprüche für Medikamente mit allen notwendigen Dokumentationen machen ein Medikament teuer und verlangsamen seine Markteinführung. Doch Indien und China treten auf dem afrikanischen Markt mit geringeren Zulassungspflichten und schneller auf. Es drohe eine Zweiklassenmedizin. Eine gute fachliche Praxis für die Entwicklung, Herstellung und Zulassung von Medikamenten müsse weltweit nach einheitlichen Regeln eingesetzt werden.

Lesestoff:
Mehr zur Forschung in der Tropenmedizin finden Sie unter www.dfg.de
Ein breites Bündnis aus Forschern, Kirchen, und Nichtregierungsorganisationen hat in einem Aufruf mehr Forschung und Entwicklung für vernachlässigte Krankheiten gefordert. Danach gibt es zwei Hauptursachen für die Forschungslücke: Zum einen investieren Pharmafirmen vor allem in Produkte, für die es einen lukrativen Markt gibt. Und zweitens konzentriere sich die öffentliche Forschungsförderung auf die Krankheiten der reichen Länder. Zwischen 1974 und 2004 wurden mehr als 1.500 medizinische Wirkstoffe entwickelt, doch nur 21 davon für vernachlässigte Krankheiten, einschließlich Tuberkulose und Malaria, heißt es in dem Aufruf. Gerade weil Deutschland die Vorreiterrolle bei Forschung und Entwicklung beanspruche, dürfe sich Deutschland nicht seiner Verantwortung entziehen. Mehr dazu unter www.aufruf-zum-handeln.de

Roland Krieg (Text und Bild: v.l.n.r.: Prof. Kremsner, Dr. Mshinda, Prof. Kaufmann, Dr. Smith, Dr. Junghanss)

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