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Ausblick auf 2021

Handel

Landwirtschaft, Ernährung, Handel im Jahr 2021

Landwirtschaft

Märkte

Die Märkte schlagen Purzelbäume. Durften sich Anfang 2020 Schweinemäster noch über 2,00 Euro pro Schlachtgewicht beim Schwein und über 80 Euro pro Ferkel freuen, liegen die Preise derzeit bei 1,27 und 44 Euro. Die Afrikanische Schweinepest hat dem Export nach China den Garaus bereitet – was jeder seit Jahren wusste. Jetzt wissen die Mäster nicht mehr wohin mit den Schweinen, seitdem SARS-CoV-2 die Schlachtkapazitäten nachhaltig um rund 130.000 Schweine pro Woche reduziert hat. Plötzlich muss ein grüner Landwirtschaftsminister aus Potsdam bei Tönnies vorstellig werden und um Schlachtkapazitäten bitten. Die zurückliegenden Feiertage haben die Schlachttage neuerlich reduziert. Der Deutsche Bauernverband hat noch keine Effekte von reduzierter Besamung, Abbau des Sauenbestandes oder rückläufigen Ferkelimporten ausmachen können. Eine Erholung wird kaum vor dem Frühjahr 2021 eintreten.

Auf dem Getreidemarkt wird es für Mais, Sorghum und Futtergerste interessant. China sucht dringend Futtermittel aus aller Herren Länder, um den Wiederaufbau des Schweinebestandes Nahrung im wahrsten Sinne des Wortes zu geben. Mais erreichte gegen Jahresende preisliche Höhenflüge, der globale Markt scheint ausverkauft. Südamerika leidet unter La Nina, das dem Kontinent Trockenheit und Hitze beschert. Die immer weiter nach unten korrigierten Erntemeldungen aus dem Norden (USA und EU) erhöhen den Einkaufsdruck auf südamerikanische Ware. Die aber bleibt knapp und hält den Preis für Futtergetreide hoch. Das wird Auswirkungen auf die Tierhaltung in Europa haben. Frankreich und Rumänien melden Ernteausfälle bei Mais von 40 bis 70 Prozent. Die Mischfutterhersteller müssen Ware aus Drittstaaten kaufen und haben kaum eine Preisauswahl. Steigende Futterkosten können die durch die Bauernproteste erzwungenen höheren Erzeugererlöse im Handel schnell auffressen. Steigende Kosten für Futtergetreide zieht auch die Preise für Brotgetreide nach oben.

Der Öko-Markt ist grundsätzlich der Gewinner der Pandemie. Wer zu Hause sitzt und sein Geld nicht in der Gastronomie ausgeben kann, der kauft Produkte, deren Wertschätzung als höher gilt. Weil die globale Order für Bio-Äpfel 2020 zu Beginn des ersten Lockdowns abgelaufen war, waren vor der neuen Ernte Bio-Äpfel kaum mehr erhältlich. Der Mangel an Pflanzenschutzmittel hat der Hälfte der heimischen Gurken den Garaus gemacht. Dennoch hält der Boom an und selbst der Absatz teuren Schweinefleisches hat 2020 um 50 Prozent zugelegt. Der Megatrend Regionalität wird die Pandemie überleben und fordert von den Landwirten neue Produktions- und Absatzmöglichkeiten. Auch wenn die Landwirte in den vergangenen Jahren bei der Umstellung auf die ökologische Wirtschaftsweise zögerlich waren, überholt die Praxis (18 Prozent Umstellung im Jahr 2019) die geäußerte Bereitschaft (15 Prozent nach DBV-Konjunkturbarometer). Bei Öko gilt aber mehr denn je: Keine Umstellung ohne Absicherung der Vermarktung.

Anhaltend gebeutelt sind die Sonderkulturen, die auf Saisonarbeitskräfte angewiesen sind. Nicht mehr verfügbare Arbeitskräfte unterhöhlen den „Beeren-Boom“ auf den Obstfeldern. Schneller als bei anderen Kulturen in der Landwirtschaft stellt sich in den kommenden Wochen die Anbau-Frage von Spargel, Erdbeeren und Co. im neuen Jahr. Viele Beispiele aus dem ersten Pandemie-Jahr haben gezeigt, dass Pflege- und Erntearbeiten möglich sind. Doch wer die hohen Kosten nicht erneut aufbringen will, wird bei jährlichen Kulturen wie Gurken auf die eine oder andere verzichten. Bei Hopfen und Spargel sieht das anders aus.

Handel

Sektorgewinner

Der Blick auf die großen Wirtschaftsregionen zeigt, dass Lehren aus der Pandemie 2020 wirtschaftlichen Wohlstand generieren können. Die Alternative zu Präsenzveranstaltungen wird in den kommenden Monaten die Informations- und Kommunikationstechnologie (ITK) weite stärken. Länder mit gutem Internet wie 5G-Technologien sind Vorreiter des Wandels und profitieren im Sog des Netzausbaus von wirtschaftlichen Innovationen. Da dürfen viele Ökonomien neidisch auf Südkorea blicken, dessen Export an ITK bereits 28 Prozent Anteil am Gesamtexport hält. Verlierer sind auch die Ökonomien, die weiterhin auf fossile Exportgüter setzen. Ökonomischer Erfolg wird durch Automatisierung generiert. Singapur steht mit 918 Robotern pro 10.000 Arbeitnehmer weltweit an der Spitze der Smart Economy. Beschäftigungen mit ungelernten Arbeitskräften sind ein Auslaufmodell. In dem Zusammenhang ist auch die Umwelt- und Klimatechnik ein Gewinner für 2021. Länder, die wie Dänemark den höchsten Umwelt-Wirtschaftsindex der Universitäten Yale und Columbia tragen, haben ihre weiteren Transformationskosten bereits verringert. Wer 2021 weiterhin auf fossile Standpunkte setzt, muss künftig mit steigenden Kosten für den Umbau rechnen. Wer früh den Weg in die Nachhaltigkeit eingeschlagen hat, darf, nach dem österreichischem Ökonom Peter Schumpeter, die Extragewinne für Pioniere einfahren. Umwelttechnologie wird als erfolgreiches Wirtschaftsgut wertvoller für den heimischen Wohlstand.

Güterverkehr

Die Europäische Union hat das Jahr 2021 als Jahr der Eisenbahn ausgerufen. Güter sollen mehr über Gleise als über den Asphalt transportiert werden. Allerdings zeichnen die Signale zum Jahreswechsel ein anderes Bild. Reedereien haben im Wuhan-Lockdown plötzlich zu viele Leer-Container gestapelt, weil der Welthandel zurückging. Das änderte sich im vierten Quartal 2020, wie das US-Transportmagazin AJOT berichtet. China, Nordamerika und Europa füllen ihre Lagerhäuser auf und sorgen für eine gute Auslastung der Container. Flaschenhals sind die Hinterlandanbindungen, wenn die Ware aus den Häfen im Binnenland verteilt werden muss. So viele Lkw stehen meist gar nicht zur Verfügung. Dennoch spricht das nicht für die Bahn. Der steigende Lkw-Verkehr hat in den letzten Wochen den Ölpreis auf über 50 US-Dollar stabilisiert, der Hafendirektor von Los Angeles kann derzeit die ankommenden Güter gar nicht schnell genug umschlagen und die Kosten für einen 40-Fuß Standardcontainer von Shanghai nach Rotterdam hat mit 6.500 US-Dollar den höchsten Preis seit 2011 erreicht. In Europa profitieren davon nur die Lkw-Speditionen. Der größte Besitzer an Lastwagen sitzt in Litauen. Kristian Kaas Mortensen ist bei Giterka Logistics in Vilnius Herr über mehr als 7.500 Lastkraftwagen. Warenbestellungen aus dem Internet sind ein neues Kaufverhalten der Kunden und Giterka komme kaum noch nach. In Deutschland steigt der Lkw-Verkehr konstant seit September, in Polen hat der Schwerlastverkehr in der Woche vor Weihnachten um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitpunkt zugenommen. Von der Bahn spricht niemand.

Lieferketten-Fairness

Immer wieder gilt Afrika mit seinen 53 souveränen Staaten als Chancenkontinent. Konflikte und Korruption unterminierend die Zukunft. Immerhin hat die Europäische Union unter deutscher Ratspräsidentschaft ein Post-Cotonou-Abkommen für die afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten (AKP-Länder der früheren Kolonialzeit) unterzeichnet. Noch hat Entwicklungsminister Gerd Müller einige Monate Zeit, zusammen mit Arbeitsminister Hubertus Heil ein Lieferkettengesetz nach Vorgabe aus dem Koalitionsvertrag auf den Weg zu bringen. Fairer Handel löse die größten Entwicklungssprünge aus, sagte er in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel. Er halte zusammen mit Heil „trotz der Widerstände“ am Lieferkettengesetz fest. Im Januar gibt es ein neues Spitzengespräch.  

Das asiatische Jahrzehnt

Was Expräsident Donald Trump gegenüber China angerichtet hat, kann der neue US-Präsident Joe Biden nicht gleich korrigieren. Es bleibt der Zweifel, ob er es auch wirklich will? Das liegt weniger an Biden als mehr an der Politik Chinas: Mit der Faust über Hongkong, den Umerziehungslagern für Uiguren, Hui und Mongolen sowie dem Muskelspiel im Indo-Pazik-Raum kann China keine neuen Freunde gewinnen. Dennoch sind die Handelsverbindungen zwischen den USA und China tiefgründiger angelegt. Der unheimliche Bedarf an Agrarprodukten führt China nicht an den USA vorbei. Für ein weltpolitisches Solo reicht es bei Peking wirtschaftlich nicht. Staats- und Parteichef Xi Jinping hatte im November prognostiziert, China werde in den nächsten zehn Jahren insgesamt Waren für 22 Billionen US-Dollar importieren müssen. Da kommt die neue asiatische Wirtschaftszone gerade recht. Und auch das zu Weihnachten unterzeichnete EU-China-Investitionsabkommen zeigt, dass die „20er Jahre“ ein asiatisches Jahrzehnt werden.

LEH

Einer der Gewinner im Lebensmittelhandel ist die Edeka. Allerdings nicht überall. In Grenznähe mit stetigem Zulauf an ausländischen Kunden wie in den Regionen nahe Frankreich und der Schweiz haben die Grenzschließungen Spuren hinterlassen. Im Norden haben die Edekaner vom boomenden Inlandtourismus profitiert. Ähnlich zwiespältig ist auch der Deal mit dem E-Food-Anbieter Picnic. Über den dahinter stehenden niederländischen Konzern kann die Edeka ausländisches Terrain gegenüber Rewe gutmachen, hat sich allerdings Konkurrenz für die heimischen Edekaner ins Haus geholt.

Ernährung

Online

Bislang dümpelt das Geschäft mit Online-Lebensmitteln vor sich hin. Die Pandemie hat einen regelrechten Boom ausgelöst. Die Oetker-Gruppe gilt als Vorreiter und hat für 800 Millionen Euro den Getränkelieferdienst Flaschenpost gekauft. Damit vertikalisiert der Konzern sein Endkundengeschäft und will das mit der 2020 neu gegründeten Tochter „All About Cake“ als Kompetenzzentrum für das Backen und mit einem eigenen Dienstleistungskosmos ausweiten. Essen wird digitaler und wer da nicht nachkommt, der verliert.

Es hat sich in der Pandemie aber auch ein anderer Trend gezeigt, der schon vor der Pandemie dem Handel und den Innenstädten ordentlich zugesetzt hat: One-Stop-Shopping und „Big Trolley“. Die Kunden kaufen vermehrt dort, wo es alles gibt und kaufen die gleichen Mengen bei weniger Einkäufen. Der Einkaufswagen und der Kassenbon pro Einkauf werden größer.

Veggie

Im Gegensatz zum Bekanntheitsgrad ist die Zahl veganer und vegetarischer Konsumenten noch recht überschaubar. Doch im Hintergrund bereiten sich Konzerne auf diese Lebensstile vor. Nestlè etwa hat 2020 die Wurst-Marke Herta gegen einen Ausbau seines Sortiments Garden Gourmet mit veganen Bratwürsten getauscht. Knorr ist seit Ende 2019 mit „The Vegetarian Butcher“ unterwegs und bringt 2021 vegane Sorten seiner Eismarken Magnum und Ben&Jerry auf den Markt. Veggie bringt den 12 Milliarden Euro großen Markt für Fertiggerichte in Schwung. In der Tiefkühltruhe ist Iglo mit Fleischersatzprodukten noch einsam vertreten. Doch der Anfang ist gemacht.

Auflagen

Die deutschen Struwwelpeter mäkeln weiter am Essen herum. Die Politik assistiert mit neuen Versprechen für mehr Nachhaltigkeit. Die Kommission stellt mit dem Strategiepapier From-Farm-to-Fork eine neue Wunschliste für Lebensmittel auf. Weniger Dünger, weniger Pflanzenschutzmittel, gesunde Nährwertprofile und Herkunftskennzeichnung: Mehr Wünsche und mehr Nachhaltigkeit bedeuten aber auch mehr Auflagen für Bauern und Lebensmittelhersteller. Ende 2022 will die Kommission Grenzwerte für Fett, Zucker und Salz vorlegen. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner erntete Kopfschütteln für ihren Vorschlag, Werbekampagnen für Fleisch zu Tiefpreisen verbieten zu wollen – allein, Brüssel ist auf dem Weg die Richtlinien gegen unlautere Handelspraktiken (UTP) unter anderem auch diesen Aspekt bis 2024 umzusetzen. Die Molkerei Gropper macht es vor. Die „erste klimaneutrale Milch“ trägt auch die Siegel „Qualität aus Deutschland“, „Für mehr Tierwohl“, „Fair&Gut“, „Ohne Gentechnik“ und „keine Anbindehaltung“.

Individualisiertes Essen

Nicht neu, aber immer häufiger rückt die „individualisierte Ernährung“ in den Fokus der Ernährung. Auch wenn verschiedene Menschen die gleiche Mahlzeit zu sich nehmen, reagieren sie mit ihrem Stoffwechsel unterschiedlich. Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop aus Eschborn verweist auf die 2015 bestätigte Forschung und beschreibt die „Präzisionsernährung“ als Konzept der Zukunft. Anfang 2021 wird ein Grundsatzpapier in der Fachzeitschrift „Comprehensive Foodomics“ erscheinen, das den Paradigmenwechsel als Abkehr vom Dogma „Gesunde Ernährung als allgemeingültige Pauschalempfehlung für alle Menschen“ einleite. Weil dieses Einheitskonzept nicht für alle Menschen funktioniert, erscheint die personalisierte Ernährung als logische Konsequenz. „Wir stellen fest, dass Menschen unterschiedlich auf die Ernährung reagieren“, konstatierte 2020 Prof. Isabel Garcia-Perez vom Imperial College in London. Was die Oecotrophologen dabei noch nicht beachten: Die Ernährungspräzision wird bis in die Landwirtschaft durchschlagen, wenn Kräuter, Getreide oder Obst besondere Inhaltsstoffe oder ein Mehr von erwünschten oder ein Weniger von unerwünschten Stoffen enthalten sollen. Den Anfang nimmt der Trend über die Pflanzenzüchtung.

Roland Krieg

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