Menü

Bericht zur Lage der Welt

Handel

China und Indien: Ein Blick in den Spiegel

Seit 25 Jahren stellt das renommierte Worldwatch-Institut seine Forschungsergebnisse in den jährlichen Berichten „Zur Lage der Welt“ zusammen. Der Bericht 2006 beschäftigt sich vornehmlich mit China und Indien, den beiden Ländern, die einen rasanten Wirtschaftboom aufweisen. Oystein Dahle, Vorstandsvorsitzender von Worldwatch, betonte bei der Vorstellung heute Mittag in Berlin, dass nicht die beiden Länder das Problem seien, sondern die Konsummuster der großen Industrieregionen USA, EU und Japan. China und Indien vereinigen fast die Hälfte der Weltbevölkerung und sind deshalb vor allem im Energiebereich eine Herausforderung, Öl, Gas und Kohle effizienter einzusetzen.

Ressourcenhunger
Die folgenden Zahlen aus dem Bericht veranschaulichen den Ressourcenhunger:

Im Jahr 2005 hat China 26 % des Rohstahls der Welt, 32 % vom Reis,
37 % der Baumwolle und 47 % des Zements verbraucht

Ölverbrauch:

China

Indien

D

USA

Japan

Mio. Barrel/Tag

6,7

2,6

2,6

5,3

20,5

Barrel/Kopf/Jahr

1,9

0,9

11,9

15,2

25,3

Quelle: Bericht zur Lage der Welt 2006, S. 56 + 60

Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sieht in dem Bericht „wichtige Impulse für uns alle“, wirtschaftliches Wachstum vom Energieverbrauch zu entkoppeln. China und Indien seien so genannte „Ankerländer“, die eine künftige Weltordnung mitbestimmen werden. China müsse bereits neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts für ökologische Kosten des Wachstums ausgeben, aber es gebe bereits über 2.000 Nicht-Regierungsorganisationen, die sich für die Belange der Umwelt einsetzen. China ist mittlerweile der zweitgrößte Kohlendioxid- und größte Schwefelemittent auf der Welt. Wieczorek-Zeul verwies auf das deutsch-indische Energieforum, das auf der Hannovermesse gegründet wurde und auf eine strategische Partnerschaft mit China, veraltete Kohlenkraftwerke zu modernisieren.

Der Wandel beginnt hier
Mitherausgeber des Berichtes sind die Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch. Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung sieht den Ressourcenhunger der neuen Wirtschaftsmächte in einem Wettbewerb mit der aktuellen Ressourcennutzung der „alten“ Industrienationen. Daher ist die Frage der Energieherkunft auch relevant für die politische Sicherheitslage auf der Welt. China und Indien kopieren schließlich auch nur „sehr schnell und sehr effektiv“ das bestehende Modell im Westen. Wenn wir nicht den Weg der Nachhaltigkeit gehen, dann fehle das Recht, die anderen Länder dazu aufzufordern: „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen!“
Im Vordergrund stehen dabei wirtschaftliche Beziehungen. Klaus Milke, Vorstandsvorsitzender von Germanwatch führt die „Corporate Social Responsibiltiy“, die Unternehmensverantwortung der Firmen an, die mit den asiatischen Ländern Handel treiben. Er hat für die deutsche Ausgabe des Berichtes im ersten Kapitel detailliert die Debatte für unternehmerisches Handeln beschrieben.
Dahle wiederholte seine Ansicht, dass der Westen seinen Energiebedarf auf ein Zehntel des jetzigen Niveaus reduzieren müsse, damit alle mit den vorhandenen Ressourcen auskommen. Der Norweger musste dabei in seinem Land viel Kritik einstecken, weil gerade die individuelle Mobilität in dem langgestreckten Land nicht eingestellt werden könne. Er hielt allerdings entgegen, dass 50 Prozent der norwegischen Treibstoffkosten für Entfernungen unter vier Meilen verbraucht würden. Da gebe es Alternativen der Fortbewegung. Mobilität ist aber auch in Deutschland ein heikles Thema, weswegen Wieczorek-Zeul gleich festlegte, dass die Bundesregierung niemandem vorschreiben könnte, wie er seinen Weg zur Arbeit gestalten sollte. Entscheiden müssen das die Verbraucher.
Kernenergie sei auch keine Lösung für den Energiehunger. Zum einen ist selbst Uran als Ausgangsstoff keine erneuerbare Energie und begrenzt, so Dahle, zum weiteren gab Fücks zu bedenken, dass mit dem notwendigen Aufbau von Wiederaufbereitungsanlagen und schnellen Brütern die politische Sicherheitslage gefährdet wird. Für Wieczorek-Zeul ist die „Atomkraft eine absurde Strategie“, denn zur Armutsbekämpfung brauchen die Menschen Zugang zu Energie, die sie mit dieser Lösung nicht haben.
Die prominenteste Lösung ist neben dem Energiesparen und der Energieeffizienz der Rückgriff auf erneuerbare Energien. Fücks sieht daher nicht die Reduzierung des Energieverbrauchs auf ein Zehntel als das vornehmlichste Ziel an, sondern die Reduzierung des CO2-Ausstosses um diesen Wert an. Es brauche daher „einen Quantensprung in das Solarzeitalter“, was technisch bereits lösbar ist. Umschichten lautet seine Devise. Der technologische Fortschritt hat in der jüngeren Vergangenheit den Fokus auf die Steigerung der Arbeitsproduktivität gelegt. Jetzt müsse der Paradigmenwechsel zur Ressourceneffektivität folgen.

Energie ist nicht alles
Energie ist aber nicht das einzige Problem, mit dem sich der Bericht beschäftigt. Sobald Menschen mehr Einkommen erzielen, steigt die Nachfrage nach Fleisch. Der Bedarf steigt in den Entwicklungsländern und China mehr als in den Industrieländern. In China hat sich der Verbrauch in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Gedeckt wird der Bedarf durch Massentierhaltung. So führt der Bericht an, dass es in China bereits 14.000 Agrarfabriken gibt und 15 Prozent der Schweine und Hühner aus der Massenproduktion stammt. Vor zehn Jahren produzierte das chinesische Vieh bereits 1,7 Milliarden Tonnen Dung. Ein großer Teil aus den rapide wachsenden Agrarfabriken lande jedoch in den Flüssen, so der Bericht. Auch hier hält die Entwicklung in Indien und China dem Westen den Spiegel des Vorreiters vor.
Preissysteme im Rahmen der Marktwirtschaft hält Milke für ein gangbares Steuerelement, um die von Dahle bezeichneten „sunset industries“, die ihre besten Jahre hinter sich haben, nicht in den Vordergrund zu stellen. Die „sunrise industries“, wie Solarbranchen und Bioenergien, brauchen nach Dahle Wachstumssignale aus der Politik.

Für Spontane:
Heute Abend findet in der Heinrich-Böll-Stiftung um 19:30 mit Oystein Dahle und Klaus Milke eine Podiumsdiskussion zum „Bericht zur Lage der Welt 2006“ statt. Die Räume der Stiftung sind in den Hackeschen Höfen, Rosenthaler Str. 40/41 in Berlin Mitte. www.boell.de

„Zur Lage der Welt 2006. China, Indien und unsere gemeinsame Zukunft“ erscheint im Verlag Westfälisches Dampfboot: Münster, 324 S., 19,90 Euro, ISBN 3-89691-628-9

Roland Krieg

Zurück