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Beschwerde gegen Bayer

Handel

Kinderarbeit in der Baumwollproduktion

> Indien ist momentan der weltweit attraktivste Markt für Dienstleistungen. Rund 24 Milliarden Dollar umfasst dieses Jahr der Service für Internationale Konzerne bei Computerwartungen, Call Center, Programmierungen und auch für komplexe Betreuungen in der Buchhaltung. Indien ist mit rund 1 Milliarde Menschen aber auch immer noch ein Land in dem Armut weit verbreitet ist. Das führt zu Auswüchsen, über die gesprochen werden muss. Zum Beispiel Kinderarbeit.

Wachstumsmarkt Baumwollsaat
Die Produktion von Baumwollsaat boomt. 1970 wurde die erste Hybridsorte mit dem Namen H4 vom Indischen Baumwollforschungscenter freigegeben. Mittlerweile werden verschiedene Hybridsorten auf rund 10 Millionen acres (1 acre sind 0,4 ha Fläche) angebaut. Das sind etwa 45 Prozent der gesamten Baumwollfläche Indiens. 12 Prozent der Weltbaumwollproduktion kommt vom dem Subkontinent.

Hybridbaumwolle
Hybride in der Saatguterzeugung sind Kreuzungen von Arten, die unter normalen Umständen nicht entstehen. Diese Sorten könne beispielsweise jedoch besonders trockenresistent oder ertragsstark sein. Die konventionelle Erzeugung von Hybriden ist Handarbeit aus Emaskulation und Bestäubung. Jede einzelne männliche Blüte muss von der Pflanze entfernt werden, damit diese nicht die Sporen auf den weiblichen Teil überträgt. Letzterer darf dabei nicht zerstört werden. Dieser Vorgang ist die Emaskulation, praktisch die Kastration der Pflanze. Der von einer anderen Pflanze gewünschte Pollen wird dann auf den weiblichen Stempel übertragen (Bestäubung). In der Baumwollproduktion ist das mit 90 Prozent der gewaltigste Arbeitsbedarf. Ökonomisch entspricht die Erstellung dieses Hybridsaatgutes 45 Prozent der Kosten.

Ein Arbeitstag von Kamala
Um 04:00 Uhr morgens steht Kamala auf und muss um 05:00 Uhr mit der Arbeit beginnen. Bis 07:30 entfernt sie Pflanzen, die am Vortag nicht emaskuliert wurden und sammelt Pollen von Pflanzen der männlichen Zuchtlinie. Zwischen 07:30 und 08:30 bereitet sie in einer Pause ihr Frühstück. Bis 12:30 bestäubt sie mit den Pollen die weibliche Zuchtlinie und hat dann bis 14:00 Mittagspause. Danach ist sie bis 19:00 Uhr mit emaskulieren beschäftigt und muss sich dann noch das Abendessen selbst bereiten, bevor sie gegen 21:00 Uhr schlafen geht. Kamala hat den Schulbesuch nach der vierten Klasse abgebrochen und ist 13 Jahre alt. Sie verdient rund ein Viertel weniger als ein Erwachsener.
In einer Feldstudie wurden 174 Farmen mit einer Gesamtfläche von rund 264 acres untersucht. In der letztjährigen Anbauzeit arbeiteten 1.556 Kinder im Alter zwischen 7 und 14 Jahren auf den Betrieben. Drei Viertel davon Mädchen. Die Kinder stellen 57,4 Prozent aller Arbeitskräfte in der Saatguterzeugung, obwohl sich bereits einiges getan hat. Im Anbaujahr 2000 waren es noch 88 Prozent.

Wer produziert das Saatgut? In der untersuchten Region sind die Farmer die ausführenden Produzenten. Das Saatgut, der Kauf und der gesamte Handel, die fachtechnische Beratung über Düngemittel und Pestiziden gehört jedoch transnationalen Konzernen. Auf diese Beteiligten geschlüsselt ergeben sich folgende Zahlen:
Unilever, Niederlande, 4.950 Kinderarbeiter
Monsanto, USA; 4.400 Kinderarbeiter
Proagro; Bayer, Deutschland: 1650 Kinderarbeiter
Advanta, Niederlande; 1.375 Kinderarbeiter
Insgesamt gehen die Schätzungen von über 100.000 Kinderarbeitern in den südlichen Bundesstaaten in der Baumwollproduktion aus. Das alles ist nicht unbekannt und Kinderarbeit in Indien ist auch nicht neu.
In Indien arbeitet die Kinderrechtsorganisation M.V. Foundation (MVF), eine so genannte Nicht-Regierungsorganisation (NGO), bereits seit langem erfolgreich um die Reduzierung der Kinderarbeit. Der Grundsatz : ?Jedes Kind, dass nicht in der Schule ist, arbeitet? und lässt sich mit einer durchgängigen formalen Ausbildung daraus befreien. Seit 1991 hat MVF in über 4.000 Dörfern gearbeitet und in 1.500 Dörfern bei allen Kindern zwischen 5 und 11 Jahren, in weiteren 600 Dörfern bis zum 14. Lebensjahr einen vollen Schulbesuch ermöglicht. MVF bekommt auch alle Protagonisten an einen Tisch: Eltern, Farmer, die Kinder selbst und Lehrer werden in gegründeten Motivationszentren angesprochen und Aufklärung betrieben. Über Wohnheime und Camps werden Kinder wieder ermutigt, die Schule zu besuchen. Aber MVF spricht auch mit den Konzernen. Alle oben genannten Firmen sind in der Vereinigung der Saatgutindustrie vertreten (ASI). Diese traf sich mit der MFV am 07. September 2003 und entschied eine Woche später sogar in einer Resolution, die Kinderarbeit aus der Baumwollsaat-Produktion zu beseitigen.

OECD-Beschwerde gegen Bayer
In diesem Sommer starben auf verschiedenen Farmen drei Kinder in Folge von Pestiziden. Da Bayer mit seiner Tochter Proagro bereits jahrelang und trotz aller Ankündigungen immer wieder gegen die OECD-Leitlinie IV, Punkt 1b (?Effektive Abschaffung der Kinderarbeit?) verstößt, haben jetzt drei NGO Beschwerde beim Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit eingereicht. Einmal ist das die Coordination gegen Bayer-Gefahren e.V., die speziell über Produktrisiken und Arbeitsbedingungen bei Bayer arbeitet, dann www.germanwatch.org, ein Verein der sich für sozial und ökologische Unternehmensführung einsetzt und www.globalmarch.de, der gegen Kinderarbeit 1998 durch einen 80.000 m langen Kindermarsch zur Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf bekannt wurde. Sie alle sehen aktuellen Handlungsbedarf in einer Situation ?in der Kinder den in der ILO ? Konvention 182 verbotenen, weil gesundheitsschädigenden ?Worst Forms of Childlabour? massiv ausgesetzt sind. ... Kinderarbeit verdrängt erwachsene Arbeiterinnen und Arbeiter und schädigt die Gesundheit tausender Mädchen und Jungen.? Die Beschwerde ging am 11. Oktober an die Nationale Kontaktstelle für OECD-Leitsätze im Ministerium. Datenbasis sind Studien von Davuluri Venkateswarlu von der ?Global Research and Consultancy Services? über Kinderarbeit in verschiedenen Bundesstaaten aus den Jahren 2003 und 2004. Aus diesen Studien stammen auch die oben verwendeten Zahlen und die Beschreibung des Arbeitstages von Kamala. Sie können die Studie unter www.gemanwatch.org einsehen und sich bei Global March against Child Labour speziell über das Thema Kinderarbeit informieren.

Reaktion von Bayer
Bayer hat bis jetzt mit einer Presseerklärung reagiert, in der Kinderarbeit entschieden abgelehnt wird und internationale Bemühungen Kinderarbeit zu verhindern angekündigt werden. Im Wesentlichen weist der Konzern die Vorwürfe, Kinder in Indien zu beschäftigen, zurück. Fachlich ist das richtig, denn die Kinder arbeiten bei den Farmern. Wer allerdings umfangreich in Qualitätsprozesse und technische Beratungen bei den Farmern in die Produktion eingreift, darf auch nicht die soziale Verantwortung ausklammern. Die entsteht bereits bei der Aufnahme der Geschäftstätigkeit.

roRo

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