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Bio-Möhren gegen Dumping-Eier

Handel

Brennpunkt Lebensmittelmarkt

> Bio boomt und hat es schwer. Seit der Marketingoffensive Renate Künasts und der wachsenden Anzahl an Biosupermärkten steigt die Nachfrage und sinken die Preise. Die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) aus Bonn veröffentlichte die Zahlen für 2003. Der Umsatz der Biobranche stieg um vier Prozent auf 3,1 Milliarden Euro und hat einen Anteil am gesamten Lebensmittelumsatz von 2,4 Prozent. Bevorzugter Einkaufsort sind Biosupermärkte und Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Unter Druck geraten die Preise durch ein steigendes Angebot ausländischer Bioware. Bio-Rinderkochfleisch mit Knochen kostet mit 8,59 ? durchschnittlich 5 Prozent weniger als im Vorjahr. Ökologisch erzeugte Birnen und Möhren waren sogar vier bis sieben Prozent günstiger als 2002. Nicht ganz zufrieden ist der konventionelle LEH. Ihm fehlt es ?an Lieferanten, die das nötige Volumen stemmen können, und an einer klaren Kundenansprache?, wie es in der Lebensmittelzeitung heißt. Ob der Biobereich in einer Ecke platziert oder nach vorne gebracht wird, hängt vom jeweiligen Marktleiter ab. Plus stellt die Waren nebeneinander und hat mit seinem Sortiment die Preise ?nach unten gezogen?, wie es heißt. Plus hatte als erster Discounter Bioprodukte in die Regale gestellt (s. Herd-und-Hof.de vom 20.03.2002). Demeter arbeitet bei 34 Produkten gerade mit der Edeka Südwest zusammen. Verzichten will der konventionelle Handel auf die Biowaren nicht, denn beim ?nächsten Skandal werden Konsumenten darauf zurückgreifen?, sagt Edeka Händler Jörg Hieber.

Sortenbewusstsein

Warum nicht immer alles so boomt wie vorgesehen, liegt auch an den Kundenwünschen. Beispielsweise sollen die Lieblingsäpfel rund um das Jahr immer vorhanden sein. Sind Äpfel gelb-rot marmoriert und nicht zu süß, dann landen sie im Einkaufskorb. Braeburn und Gala haben, so die taz, dem bisherigen Favoriten Golden Delicious bereits den Rang abgelaufen. Allerdings hat der Braeburn mit Schiff und Flugzeug auch bereits tausende Kilometer hinter sich. Alte, regionale Sorten finden, zumal nur saisonal im Angebot, kaum Absatz. Darunter leidet auch die Geschmacksvielfalt, beklagt der Verband der deutschen Obstbauern. Äpfel gibt es praktisch nur noch in fünf Supermarktrichtungen. Weltweit gibt es jedoch rund 30.000 Sorten.
Um Verbrauchern auch bei Möhren wieder mehr Sortenbewusstsein zu geben, kommt Demeter, der älteste ökologische Anbauverband, mit der Karotte ?Milan? auf den Markt. Rodelika und Robila folgen in einigen Wochen im Rahmen des Pilotprojekts Sortenvermarktung von Möhren. Fünf Naturkost-Großhändler haben die sortenreinen Möhren samt dazugehörigem Info-Material in ihr Angebot aufgenommen. Sie kooperieren eng mit den jeweiligen Gemüsegärtnern, die aus dem biodynamischem Saatgut knackige Möhren mit charakteristischem Aroma wachsen lassen. Es geht es nicht allein um Eigenschaften wie festkochend oder typisches Aroma, sondern um die Züchtung biologisch-dynamischer Gemüsesorten. ?Das ist nicht nur für den Gaumen ein Erlebnis, sondern letztlich entscheidend für die Grundlage des ökologischen Landbaus, der ohne eine eigenständige Züchtung nicht denkbar ist,? betont Ute Kirchgaesser, Vorstand beim Verein Kultursaat, der die aufwändige Züchtungsarbeit vorantreibt. Während bei Hybridsaatgut, aus dem das meiste konventionelle Gemüse stammt, vor allem Massenwachstum kennzeichnend sei, biete Gemüse aus samenfesten Sorten mehr Trockenmasse und damit eine höhere Nährstoff- und Genussdichte.

Aldi-Nord ruiniert Ökohennen
Wie mühsam solche Bemühungen durchzusetzen sind, verdeutlicht einmal mehr der Discounter Aldi-Nord. Der Deutsche Bauernverband (DBV) und der Bundesverband Deutsches Ei e.V. (BDE) sorgen sich um den neuesten Clou: Er bietet die 10er Packungen Eier aus Bodenhaltung zum unglaublichen Dumpingpreis von 0,69 Euro an. Mit dieser ruinösen Preisstrategie, so die beiden Verbände weiter, versucht sich die Handelskette einen Wettbewerbsvorteil auf Kosten der deutschen Eiererzeuger zu verschaffen. Der Billigdiscounter setzt mit diesem Vorgehen das Preisniveau bei Eiern aus Bodenhaltung gleich mit dem von Eiern aus herkömmlicher Käfighaltung. Geplant ist auch, Eier aus herkömmlicher Käfighaltung vorerst wieder auszulisten. Kaum ein deutscher Legehennenerzeuger, der seine Eier in alternativer Haltung, wie beispielsweise der Bodenhaltung erzeugt, kann bei dieser Niedrigpreispolitik wirtschaftlich erfolgreich arbeiten. Hier verteidigt der DBV selbst die Politik des Verbraucherministeriums: Die geplante Billigaktion widerspricht eklatant auch dem Ziel von Verbraucherschutzministerin Renate Künast, die Verbraucher daran zu gewöhnen, für den Kauf von Eiern aus alternativen Haltungsformen ?tiefer in die Tasche zu greifen?. Nur so könnten aber die deutschen Legehennenhalter wirtschaftlich sinnvoll in alternative Haltungsformen einsteigen.

VLE

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