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BioFach belegt „Agrarwende“

Handel

In der Pandemie bekommt Bio einen Schub

Branchenreport 2021

Im Jahr der Pandemie, der Zeit der großen Unsicherheit,  haben deutsche Verbraucher auf Bewährtes zurückgegriffen. Darunter zählen mittlerweile auch Biolebensmittel, die 2020 einen Umsatz von 14,99 Milliarden Euro erzielten. Das ist ein Plus von 2,9 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr. „Das historische Bio-Plus zeigt: Die Kundinnen, Bauern und Lebensmittelunternehmen bauen die Land- und Lebensmittelwirtschaft längst um“, kommentiert Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Dachverbandes Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Geht doch

Zu Beginn der digitalen BioFach in Nürnberg weisen alle möglichen Öko-Segmente ein Plus aus. Es sind 1.303 neue Betriebe hinzugekommen, die den Ökolandbau jetzt mit 35.413 Höfe auf 1,6 Millionen Hektar Fläche (+ 84.930 Hektar) betreiben. Das sind 10,2 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

Auch bei den Verarbeitern steigt die Zahl. In den vergangenen fünf Jahren haben 3.351 Verarbeiter auf ökologische Produktion umgestellt. In der Summe sind es jetzt 16.281 Öko-Lebensmittelproduzenten.

Der nächste Schritt in der Wertschöpfungskette ist der Lebensmittelhandel. Der Naturkostfachhandel hat um 16,4 Prozent seinen Umsatz auf 3,70 Milliarden Euro gesteigert. Der Fachhandel hält einen Marktanteil von 25 Prozent. Zugelegt haben auch „Sonstige Einkaufsstätten“ wie Reformhäuser, Hofläden, der Online-Handel, Wochenmärkte, Bäckereien und Metzgereien. Die haben ein Plus von 35 Prozent erreicht. Den größten Happen sichert sich aber der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel, bei dem vor allem die Vollsortimenter zum Umsatz von 9,05 Milliarden Euro beigetragen haben.

Bei den Produkten sind Geflügelfleisch und Rotfleisch die Gewinner. Allerdings ist der Fleischanteil bei Bio gering. Traditionell hat auch die weiße Linie mit Milch und Molkereiprodukten zugelegt. Meist war das Umsatzwachstum größer als das Mengenwachstum, nur bei Käse war es 2020 umgekehrt. Allerdings sind die Verträge im Biomarkt langfristig festgelegt und Preise reagieren oft mit Verzögerungen. Die Preissteigerungen bei Fleisch resultieren aus den pandemiebedingten Einschränkungen der Schlachthöfe. Für den Handel wurde Ware knapp und gegen Ende 2020 konnten sich Schweine- und Rinderhalter über hohe Preise freuen.  

Betriebsergebnisse

Lange galt der Biomilchmarkt als Zugpferd für das betriebliche Einkommen, weil die Molkereien mit einer strengen Lieferregulierung Nachfrage und Angebot austarieren. Mittlerweile erzielen auch die Ackerbau- und Futterbaubetriebe höhere Gewinne je Arbeitskraft. Die für die Betriebsdaten herangezogenen Testbetriebe zeigen seit rund fünf Jahren eine um 25 bis 35 Prozent höhere Gewinnentwicklung als der konventionelle Vergleichsbetrieb.

Europa, USA…

Die Zahlen für den Europamarkt stammen aus dem Jahr 2019. Aber auch da haben die Europäer rund acht Prozent mehr Geld für Bioprodukte ausgegeben und Waren im Wert von 45 Milliarden Euro gekauft. Innerhalb der EU(28) waren es 41,4 Milliarden Euro. In den USA stieg die Nachfrage um fünf Prozent auf 137 Euro je Kopf und Jahr. Gegenüber Europa spielen Obst und Gemüse mit einem Anteil von 38 Prozent eine besonders deutliche Rolle.

… und die Welt

Der globale Markt für Bioprodukte umfasst nach der aktuellen Analyse vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL) und IFOAM – Organics International jetzt rund 72,3 Millionen Hektar und 106 Milliarden Euro Umsatz. Weltweit gibt es rund drei Millionen Biobauern. Gegenüber 2018 ist das ein Anstieg um 1,1 Millionen Hektar und 1,6 Prozent. Weltweit werden 1,5 Prozent der Landwirtschaftsfläche biologisch bewirtschaftet. Zahlreiche Länder haben jedoch einen viel höheren Anteil. Die Länder mit dem höchsten Bioanteil an der gesamten Landwirtschaftsfläche sind Liechtenstein (41,0 Prozent), Österreich (26,1 Prozent) sowie São Tomé und Príncipe (24,9 Prozent). In 16 Ländern werden mindestens 10 Prozent der Landwirtschaftsfläche biologisch bewirtschaftet.

Sie wollen noch mehr

Der Biomarkt muss immer wieder Getreide importieren, weil zu wenig heimische Produktion vorhanden ist. Das Wachstum auf dem Rindfleischmarkt musste ebenfalls zum Teil aus dem Ausland bedient werden. Jan Plagge vom Anbauverband Bioland kritisiert die Politik, die den Ökolandbau mit Handbremse fördere. Das gelte vor allem für das eigene Flächenziel von 20 Prozent Ökolandbau bis 2030. Das Umstellungsniveau reiche nicht aus. Länder wie Baden-Württemberg und Bayern gehen mit Zielmarken von mindestens 30 Prozent bis 2030 über das Berliner Ziel hinaus. Die Marktzahlen des Branchenreports zeigen, dass Bio keine Nische mehr ist. Aber: „Was fehlt, sind die politischen Rahmenbedingungen, die dem Ökolandbau den notwendigen Schwung für die nächsten 10 Jahre verleihen und den bestehenden und zukünftigen Ökobetrieben Planungssicherheit geben“, so Plagge.

Nach Plagge habe die EU-Kommission mit dem Green Deal und der Strategie „From Farm-to Fork“ ebenfalls höhere Prozentzahlen gefasst. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner solle die Zukunftsstrategie ökologischer Landbau (ZöL) mit Leben erfüllen [1].

Biosiegel

Vor kurzem hat das deutsche Biosiegel einen 20-jährigen Geburtstag gefeiert. In dem Labyrinth der Biosiegel steht es für den europäischen Standard. Aber: 97 Prozent der Deutschen kennen das Sechseck, dem sich Händler und Erzeuger freiwillig unterordnen. Aktuell sind 90.100 Produkte von 6.000 Firmen gelistet.

Auf der BioFach wurde mit „We care“ ein neues Nachhaltigkeitssiegel für die gesamte Lieferkette für Unternehmen in der Lebensmittelbranche von zwei Unternehmen vorab vorgestellt. Während andere Siegel meist nur eine Lieferkette labeln, soll das neue Zeichen das Unternehmen als Ganzes beschreiben. Die vier Segmente Unternehmensführung, Lieferkettenmanagement, Umweltmanagement und Mitarbeiterverantwortung mit insgesamt 164 Einzelkriterien werden für die Auslobung untersucht.

Niklas Domke von der HNEE

Verbesserungspotenzial

Am Donnerstag wurde Niklas Domke für seine Bachelorarbeit an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) ausgezeichnet. Im fiel auf, dass Milchalternativen und viele Brotaufstriche im Biomarkt keine Mehrweggebinde anbieten. Bei Gesprächen mit Lebensmittelherstellern fand er zwar neuartige Ansätze für Mehrwegverpackungssysteme im Nicht-Getränkebereich wie für Nüsse, Tomatenpassata und Tee, aber die Umsetzung zu Mehrwegverpackungssystemen ist aufwendig und kostenintensiv. Den Weg könne kein Unternehmen alleine gehen. „Es herrscht Unterstützungsbedarf beim Spülen der Gläser, bei der Logistik und der allgemeinen Organisation des Mehrwegsystems“, erklärt Domke. Die Lösung sei ein Dienstleister, der ein risikofreies testen des Systems möglich mache. Außerdem fehle es an Ökobilanzen für Nicht-Getränkegebinde. Mittlerweile studiert Niklas Domke an der HU Berlin „Agricultural Economics“.

Lesestoff:

[1] Zähe Strategie mit Luft nach oben: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/zwischenbilanz-zukunftsstrategie-oekologischer-landbau.html

Roland Krieg, VLE / Foto: Branchenreport Bio 2020; Niklas Domke (privat)

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