Britische Fleischwirtschaft fordert Abkommen mit der EU

Handel

Probleme der britischen Fleischindustrie mit der EU und Nordirland

Die ersten 100 Tage nach dem Brexit haben für den britischen Verband der Fleischerzeuger (BMPA) eine ganz andere Wahrheit an den Tag gebracht, als die Erzählungen aus der Premierministerwohnung Downing Street 10 glauben machen will. Der Brexit habe manchen Sektor in Schwung gebracht, die Fleischwirtschaft allerdings nicht. Weder für den Frischfleisch- noch für den Markt gekühlter Ware. Mangels Veterinärabkommen ist Rohwurst derzeit nicht für einen Import in die EU erlaubt. Der Export von britischem Fleisch ist in den ersten sechs Wochen um die Hälfte eingebrochen. Manche Erzeuger erreichen gerade einmal 30 Prozent ihres Exportvolumens aus der Zeit vor dem Brexit.

Schon Im April zweifelte Exportberater Peter Hardwick an einer baldigen Erholung des Exportmarktes. Denn die Analyse des Brexit-Effekts auf den Fleischmarkt weist nicht nur technische Probleme wie mangelnde Zertifikate aus, sondern überbordende Bürokratie und teure Standzeiten für Lkw. Zusammen führe das zu mangelndem Vertrauen in die britische Fleischindustrie. EU-Kunden haben begonnen, sich neue Geschäftspartner zu suchen.

Im Mai hat die BMPA London als Schuldigen ausgemacht. Die Exportzertifikate werden lediglich von einer handvoll zertifizierter Veterinärinspektoren erstellt, die mit der Prüfung nach der Herkunft des Fleisches nicht mehr nachkommen. Die Herkunft muss sowohl für ganze Schlachtkörper als auch für die Schinkenherkunft auf der Pizza erstellt werden. Zu viele Inspektoren in der Tier- und Pflanzengesundheitsagentur arbeiten noch immer mit Papier, statt mit elektronischen Dateien.

Der Verband schaut neidisch auf die Schweiz, die weitestgehend den EU-Regularien folgt und Importe und Exporte valide abwickeln kann. Zwischen Großbritannien und der EU hat der Brexit keine vergleichbare Lösung vorgesehen.

Der Export von Fleisch in die EU umfasst rund 1,6 Milliarden britische Pfund. Der Verband schlägt eine Überprüfung der Handelsbeziehungen zwischen London und Brüssel vor. Erster Adressat für den Vorschlag ist Downing Street No. 10.

Rohwurst gelangt über Nordirland in die EU. Bei voller Umsetzung des Brexits dürfte bei grüner Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland Frischfleisch auch nicht nach Nordirland verkauft werden. Deshalb will London die Karenzzeit für Exporte nach Nordirland verlängern, was aber von der EU abgelehnt wird. Brüssel befürchtet die Aufhebung des schwer erarbeiteten Abkommens über Nordirland. Eine Lösung sei nur über ein generelles Veterinärabkommen mit der EU denkbar.

Roland Krieg

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