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Britische Kristallkugel

Handel

The big hangover

Wie lange der britische Siegesrausch anhält, bleibt abzuwarten. Wie groß der Kater wird, ist ebenfalls offen. Jeder, der das Recht hat, der EU beizutreten, hat auch das Recht sich von ihr zu trennen. Möglicherweise werden aber die Verlierer schneller und heftiger merken, wie es ohne Union ist, als dass die Gewinner ihre Freiheiten genießen können. Die älteren Empire-Briten haben den jungen EU-Briten die Zukunft vorgegeben. Großbritannien hat sich entschieden und die Konsequenzen vorher nicht klar verständlich machen können. From now on, it´s their business. Jetzt sollte die EU der pubertierenden Insel schnell und schmerzhaft die Trennung klar machen, bevor andere Geschwister dem Rebell folgen.

Wird das UK kleiner?

Was auf der Insel in den nächsten Wochen passiert, ist derzeit alles andere als deutlich. Wie England in fünf oder zehn Jahren in der Wirtschaftswelt seinen Platz gefunden hat, ist offen. Doch die Irrtümer werfen ihre Schatten voraus. Vor allem die Fischer in Südwestengland wurden in den Medien immer wieder gerne als Brexit-Befürworter angeführt. Dabei sollten diese wissen, dass England auch mit der EU über neue Quoten für die Fischerei verhandeln werden muss. Sollte das nicht gelingen, dürfte England nach Verwarnungen keinen Fisch mehr in die EU liefern. Wie im letzten Jahr mit den Färöer Inseln praktiziert.

Irland ist zwar mit England eng verzahnt, doch haben die Iren bereits Einladungen an britische Firmen ausgesprochen, umzusiedeln, um in der EU zu bleiben. Schottlands „Ja“ zur Europäischen Union, wird nicht nur von der Whiskey-Industrie unterstützt [1]. Vor allem das Agribusiness leidet, wie im Frühjahr eine Studie darlegte [2]. Der Sektor hatte im Mai 2016 nur noch ein Wachstum von 0,6 Prozent und wird überwiegend von der EU getragen. Betroffen sind neben der Fischerei alle extensiven Weidesysteme.

Kann GB auf Lebensmittelimporte verzichten?

Im letzten Jahr hatte das Königreich Waren im Wert von 182 Milliarden Euro in die EU verkauft und Waren aus der EU im Wert von 316,7 Milliarden Euro erhalten. Deutschland ist dabei nicht unwichtig und nahm 10,4 Prozent der Ausfuhren ab und liegt bei den Einfuhren mit 15,2 Prozent auf Platz eins der Hauptlieferländer.

„Buy British“ wird gerne favorisiert, verkennt aber auch die Realität. Nach Germany Trade & Invest (gtai) sind die Verbraucher im Bereich Lebensmittel sehr experimentierfreudig, offen für neue Produkten und kaufen gerne „ready-to-eat“-Ware. Fair Trade und Bio stehen ebenfalls hoch im Kurs, was überwiegend aus dem Ausland kommt. Die britischen Fischer können sich auf den britischen Kunden nicht verlassen, da der Fischkonsum insgesamt sinkt. Der beliebteste komme aus Schottland: Lachs.

Aldi und Lidl krempeln den Lebensmittelhandel drastisch um [3]. Über den Discount kommen viele deutsche Produkte auf die Insel. Wie weit die heimische Industrie das auffangen kann? Das verarbeitende Lebensmittelgewerbe ist klein strukturiert, umfasst 6.620 Firmen und beschäftigt 400.000 Menschen. Die Lebensmittelimporte sind im vergangenen Jahr mit 10,8 Prozent deutlich mehr als alle Importe (8,6 Prozent) gewachsen. Der Nettoimporteur für Lebensmittel zahlt dabei Rechnungen im Wert von 50 Milliarden Euro. Fast jedes zehnte Lebensmittel kommt derzeit noch aus Deutschland. Überdurchschnittlich steigen Gemüse, Obst und Zubereitungen.

Ein Meinungs-Partner ist weg

Vor zwei Jahren durften die deutschen Agrarexporteure sich noch über ein Plus von 6,8 Prozent über den Ärmelkanal freuen. So preiswert wie die EU können die britischen Landwirte nicht produzieren. Der britische Markt ist nicht so weit weg wie der russische. Aber die Bedingungen ändern sich in beide Richtungen und belasten den Firmen zunächst einmal mit großen Unsicherheiten, schreibt der Deutsche Bauernverband (DBV) in seiner Kurzanalyse. Waren vom Kontinent werden teurer.

Der DBV fürchtet durch den Verlust der Briten auch eine Meinungsverschiebung: „Das Vereinigte Königreich zählt traditionell zu den Mitgliedsstaaten, die eher wettbewerbsorientiert sind und weniger auf staatliche Regulierungen setzen.“ Agrarumweltmaßnahmen und Umweltschutz sollten nach britischem Wunsch immer in eine Landwirtschaftspolitik integriert sein. Im Bereich Genetik, Pflanzenschutzmittel und Züchtung ist Britannien offener aufgetreten. Der DBV schätzte das Königreich auch als Vertreter für das Tierwohl. Die süd- und osteuropäischen Staaten lehnen weitreichende Regulierungen eher ab.

Der Bundestag wird morgen ab 10:30 Uhr in einer Sondersitzung über den Brexit debattieren.

Lesestoff:

[1] Whiskey-Produzenten aus Schottland warnen vor Brexit

[2] Agrar-Konsequenzen eines GB-Austritts

[3] Lidl wirbt für „Big in“

Roland Krieg

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