Chancenlos ohne QSS

Handel

Qualitätssicherung: Was kommt auf die Bauern zu?

Am vergangenen Freitag lud der Deutsche Bauernverband (DBV) zum Perspektivforum über „Qualitätssicherung in der Stufe Landwirtschaft" ein: "Was kommt auf die Bauern zu?“
Dabei ist das bereits beschlossene Sache, obwohl vielen Bauern und Verbrauchern das noch gar nicht so bewusst ist. Das neue Lebensmittel- und Futterrecht gibt den Bauern viel mehr Verantwortung für ihre Produktionsqualität als bisher. Auch ohne Skandale. Prof. Dr. Eckart Kramer von der Fachhochschule Eberswalde hatte bereits auf einer Tagung der HU Berlin darauf hingewiesen, das noch viel mehr dokumentiert werden muss und die Betriebe in Risikoklassen eingeteilt werden, nach denen sich die Häufigkeit der Kontrollen richtet. So konnte auch Dr. Helmut Born, Generalsekretär des DBV, am Freitag Nachmittag zusammenfassen: „Das Thema ist in der Landwirtschaft verankert.“

QSS für wen?
Bei einer Befragung durch die CMA gaben 80 Prozent der Verbraucher an, dass Qualitätssicherung „sehr wichtig“ und „wichtig“ ist. Markenfleischprogramme haben in der Vergangenheit schon immer gezeigt, dass sie weniger krisenanfällig sind. Daher sind Qualitätssicherungssysteme (QSS) auf der einen Seite gefragter denn je, aber auf der anderen Seite nun auch schon lange etabliert. Mittlerweile geht es um eine Basissicherung, die das verloren gegangene Vertrauen der Verbraucher wieder zurück gewinnen soll.

QSS in Europa:
Seit 1924: Ökologischer Landbau (R. Steiner)
Seit 1925: regionale Systeme: Rioja, Roquefort (beide 1925),
Parmigiano Reggiano (1934), Cote du Rhone (1937)
Bis 1960 war die Quantität wichtiger als die Qualität
1960 – 1980: Schwerpunkt auf ökologischem Landbau
1980 bis 1990: Beginn staatlicher Initiativen
Seit 1992: Europäische Standards für g.U., g.g.A., und g.t.S.
Seit 1990: Gründung von bis heute 375 Systemen in der EU-25
roRo, nach: Dr. Gesa Wesseler, Policy Officer Quality, EU, Brüssel

Und trotzdem gibt es immer wiederkehrende Lebensmittelskandale. So hatte Doris Simhofer bereits 2005 in „Psychologie Heute“ (12/2005, S. 68 – 71) den „kulinarischen Klassenmampf“ beschrieben, bei dem TV-Köche zu Popstars werden und die meisten Verbraucher in der Patchworkfamilie gar nicht mehr selbst zum Kochen kommen. Die Reichen speisen immer teurer und sicherer, während den Armen nur das anonyme risikobehaftetere Discount-Lebensmittel bleibt. So beschrieb der Spiegel letzte Woche seine Prognose über die Esskultur bei wachsender sozialer Disparität.
Ausgeglichen wird aber die ökonomische Disparität der Wertschöpfungsketten. Der Verbraucher möchte zwar zunehmend Sicherheit bei den Lebensmitteln, aber die Eigenschaft, trotzdem günstig einkaufen zu wollen, werden die Verbraucher auch in Zukunft beibehalten. Da bleibt Franz-Josef Möllers, Vizepräsident des DBV skeptisch. Die Zeitschrift Lebensmittelpraxis hingegen fokussiert, für wen ein QSS unverzichtbar ist: „Für den Handel“.

Noch mehr Kontrolle
Hans-Jürgen Matern, Bereichsleiter Qualitätssicherung der Metro Gruppe sieht schon in die Zukunft: Anhand einer eindeutigen Nummer erfolgt die Identifizierung des Ursprungfeldes direkt am Artikel. Campina will länderübergreifende Standards, die gleichwertig sind. Das Ziel: Wichtig für den internationalen Milchaustausch und wichtig für internationale Handelsgeschäfte.
So ist das breit gefächerte Qualitätssystem Q & S, dass für Kritiker nur wenig mehr als die gesetzlichen Mindeststandards abdeckt, durchaus ein „Shooting-Star“ der Szene. So sind in den Marktsegmenten Fleisch sowie Obst, Gemüse und Kartoffeln mittlerweile rund 92.000 Systempartner vom Futtermittel bis zum Lebensmittelhandel stufenübergreifend zertifiziert. Geschäftsführer Dr. Hermann-Josef Tagung DBV QSSNienhoff sieht aber noch weiteren Nachholbedarf: fünf bis zehn Jahre Arbeit liegen vor den Zertifizierern, um das Produkt Fleisch noch mit hygienischen Aspekten, wie dem Salmonellenmonitoring, durch die gesamte Kette bis zum Verbraucher zu begleiten. Auch im Bereich der Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Obst und Gemüse sieht er Handlungsbedarf. Vor allem aber bei den Laboren, die bei Ringkontrollen „ernüchternde“ Unterschiede in der Kontrollqualität aufweisen.
Bei den Bauern werde eine höhere Kontrolldichte nicht zu einem besseren Ergebnis führen, warnte Dr. Christian Grugel, Präsident des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Die müssen in ein ganzes Sicherheitssystem eingebunden werden und erinnerte an die Milch: Gegenüber Fleisch gibt es kaum Lebensmittelskandale um das weiße Getränk. Die Molkereien ziehen bei jeder Abholung der Milch direkt am Tank der Milchküche eine Probe, die untersucht wird.
Da legte Marianne Mortler, CSU-Mitglied des Bundestagsausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, den Finger in die Wunde. Wenn witterungsbedingt die Braugerste knapp wird, dann hört der Handel auf, nach Qualitäten zu fragen. Auch das Diskussionspodium blieb am Freitag die Antwort darauf schuldig.

Das Gesetz des Verbrauchers
Hofbesitzerin Mortler wollte auch wissen, wessen Gesetz für die Bauern gelte: „Das Gesetz Lidl, das Gesetz Greenpeace oder das Gesetz Politik?“ Das es nicht die Politik sein kann, bekräftigte Bernhard Kühnle, Staatssekretär des Bundeslandwirtschaftsministeriums: Von der 10-Punkte-Regelung bis zur Verschärfung der Lebensmittelkontrollen hat das Ministerium einen Rahmen erstellt, in dem der Verbraucher „die richtige Kaufentscheidung treffen kann“. Und den sieht Verbraucherschützerin Prof. Edda Müller im Hintertreffen. Seitdem die Werbung begonnen hat, eine nie da gewesene landwirtschaftliche Idylle auf ihren Verpackungen zu versprechen, stehen „lilafarbene Kühe gegen das Bild von gesunden Lebensmitteln“. Den Verbrauchen müssen die qualitativen Unterschiede zwischen einzelnen Produktionsverfahren kenntlich gemacht werden.
„Wenn der Markt die Aufwände entlohnt, dann werden die auch durchgeführt“, versprach Möllers. Mehr Kontrolle und auch Standards, die bei den WTO-Verhandlungen Bestand haben, werden allerdings einen weiteren Zukunftstrend begründen: Lebensmittel werden teurer.

Roland Krieg

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