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Das Ende der schnellen Kunststoffwelt

Handel

EU will den Einweg-Plastikmüll beenden

Etwas mehr als 100 Jahre ist die Entwicklung des Kunststoffes her. Vor allem nach 1945 hat sich der Siegeszug der Kunststoffe, die aus Erdöl hergestellt werden, weltweit durchgesetzt. Rund die Hälfte des weltweiten Plastiks stammt aus der Produktion der letzten 15 Jahre. Ja, denn Kunststoff in verschiedenen Varianten schützt Menschenleben, sichert Lebensmittel und ist ein leichter Werkstoff. Doch Kunststoff hat auch eine dunkle Seite. Einige Strände auf Hawaii bestehen bereits zu 15 Prozent aus Mikroplastik, viele Einwegartikel, wie der berühmte Trinkhalm, wird nur kurz genutzt und überdauert Jahrzehnte. Die heute geschmähte Einkaufstüte wird im Meer 400 Jahre alt. Die aktuelle Ausgabe des National Geographis zeigt das Foto eines drei Millimeter großen Wasserflohs, dessen Magen bunte kleine Plastikpartikel beinhaltet. Die Reise in der Nahrungskette beginnt.

Jetzt muss differenziert werden. Es geht um Plastik, dessen Volumenanteil zu 40 Prozent nur einmal genutzt und dann weggeworfen wird. Der größte Teil wird gar nicht recycelt. Weich-Polyethylen hat mit einem Recycling-Anteil von 20 Prozent den zweithöchsten Anteil weltweit. Das sind die Plastiktüten, weiche Flaschen, oder Isolierungen. Diese Gruppe kann technisch recycelt werden. Die beliebte PET-Flasche und die meisten Lebensmittelbehälter werden weltweit dagegen nur zu 11 Prozent recycelt, obwohl es am leichtesten geht. Den höchsten Kunsstoffanteil haben Kunststoffe für Nylongewebe, Autoteile oder Wasserspender. 24 Prozent werden recycelt, obwohl das technisch am schwierigsten ist.

Es geht also nicht um alle Kunststoffe gleichermaßen und geht es vordergründig auch nicht um das Verbieten. Gefördert werden soll die Kreislaufwirtschaft, indem recycelbare Materialien verwendet und in Umlauf gebracht werden. Ab 2030 sollen alle Kunststoffverpackungen in der EU recycelbar sein. Das hatte die Kommission schon zu Jahresbeginn festgelegt. In einemersten Schritt geht es um zehn Kunststoffe, die rund 70 Prozent des Plastikabfalls in den Weltmeeren ausmachen. Produkte wie Trinkhalme werden nur ein kurzes Mal genutzt, bevor sie für lange Zeit, sofern nicht recycelt, in der Umwelt überdauern. Viel Aufregung am Montag ging an den Themen vorbei.

Einwegprodukte, für die es Alternativen gibt, sollen vom Markt genommen werden. Für Produkte, die keine Alternativen haben, soll es Vorgaben für Gestaltung, Kennzeichnung und für die Hersteller Verpflichtungen für die Abfallbewirtschaftung und Säuberungsaktion geben. Letzteres ist die Internalisierung externer Kosten. Credo des EU-Vorschlags: Unterschiedliche Maßnahmen für unterschiedliche Produkte. Zusammen soll für Einweg-Getränkeflaschen aus Plastik bis zum Jahr 2025 eine Sammelquote von 90 Prozent erreicht sein. Ein besonderes Kapitel betrifft den Fischfang. 27 Prozent der Strandabfälle resultieren aus diesem Wirtschaftssektor.

Die zehn wichtigsten Produkte, bei denen die EU nach Lösungen sucht sind: Wattestäbchen, Plastikbesteck, Plastikhalter für Luftballons, Lebensmittelcontainer, Kaffeebecher, Einwegflaschen, Zigarettenspitzen, leichte Plastiktüten, Bonbonpapier sowie Einwegkosmetika.

Reaktionen

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner: „Meeresmüll ist ein globales Problem: Jeden Tag verschmutzen große Mengen Plastikmüll aufs Neue unsere Weltmeere und bedrohen den Lebensraum der Meeresbewohner. Dieses sensible Ökosystem dürfen wir nicht aufs Spiel setzen. Fischfang ist für viele Teile der Weltbevölkerung Broterwerb und sichert ihre Ernährung. Damit wir auch künftig eine nachhaltige und vitale Fischerei in Deutschland, Europa und weltweit haben, muss Meeresmüll eingedämmt werden. Ich freue mich über den Vorstoß der Kommission – wir  müssen gemeinsam vorgehen, um Plastikmüll zu vermeiden. Innovationen sind dabei enorm wichtig: Mein Ministerium fördert die Entwicklung von biobasierten Kunststoffen, die biologisch abbaubar sind, unterstützt die Forschung nach „verpackungsfreien Supermärkten“ und untersucht die Auswirkungen von Plastikmüll auf die Fischgesundheit. Es darf nicht so weit kommen, dass irgendwann mehr Plastikmüll als Fische in unseren Ozeanen schwimmt.“

Der Europagrüne Martin Häusling begrüßt den Schritt, Einweg-Plastik einzudämmen, will aber noch weiter gehen. Ihm geht es generell um eine Reduzierung der Kunststoffe. Wenn es unvermeidlich sei, dann sollten mindestens hormonverändernde Stoffe, wie Bisphenol A aus der Produktion verschwinden.

Der Handelsverband Deutschland HDE sieht in einem Verbot von Einmalplastik keine zielführende Strategie, sondern fordert „ein noch besseres Recycling“. Das neue Verpackungsgesetz ab 2019 sollte die Ziele der EU bereits umsetzen. Geschäftsführer Kai Falk sieht in der Selbstverpflichtung zur Reduzierung der Kunststofftragetasche ein gutes Beispiel. Der Vorschlag Flaschenverschlüsse künftig fest an die Flasche zu binden, verkompliziere den Herstellungsprozess.

„Wir sind froh, dass die EU-Kommission endlich handelt und unterstützen alle geeigneten Maßnahmen zur Reduzierung des Plastikmülls“, sagte Olaf Bandt, Geschäftsführer Politik und Kommunikation beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Das Abfallproblem ist längst außer Kontrolle. Wir hoffen deshalb sehr, dass die neuen Regelungen schnell umgesetzt und weitere verbindliche Vorgaben folgen werden.“ Allein aus EU-Ländern gelangen alljährlich mehr als 100.000 Tonnen Plastikabfälle in die Meere. Rund die Hälfte besteht aus Plastikflaschen und Einwegbecher, also Massenware für die es längst nachhaltige Alternativen gibt.

Die Plastikindustrie hält Kunsstoffe mittlerweile für unverzichtbar „in puncto Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz“. Dr. Rüdiger Baumann von PlasticsEurope Deutschland. „Richtig ist aber auch, dass der leichtfertige Umgang mit Kunststoffabfällen in manchen Regionen der Welt inakzeptabel ist. Jegliche unkontrollierte Einträge von Kunststoffabfällen in die Umwelt müssen gestoppt werden, denn Kunststoff ist zu schade zum Wegwerfen. So existieren nicht nur in Deutschland, aber insbesondere hierzulande, moderne Sammel-, Sortier- und Verwertungstechnologien, die nun auch möglichst breit und überall auf der Welt eingesetzt werden müssen.“

Roland Krieg

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