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Der Adler landet auf der Quadriga

Handel

Regionales Bio-Siegel für Berlin-Brandenburg

>Ob Berlin und Brandenburg einmal zusammen gehen werden, steht derzeit noch in den Sternen. Der Handel ist pragmatischer – der Biohandel mit einer Charta für fairen und regionalen Handel ist es ganz besonders. Zum Erntedankfest der LPG am Senefelder Platz und zum Tag der Regionen zog das Aktionsbündnis „fair & regional“ nach einem halben Jahr Bilanz. Gegründet von 13 Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette besteht die Initiative derzeit bereits aus 19 Mitgliedern aus Berlin und Brandenburg.

Natürlicher Wirtschaftsraum
Was Berlin verbraucht, bietet Brandenburg an. Die meisten Sonnenblumenkerne auf dem Biobrot kommen allerdings für 95 Eurocent/kg aus China. Aus dem Spreewald kosteten sie gut das Doppelte, sagte Joachim Weckmann vom Märkischen Landbrot. Auf der Basis der Forschungsarbeiten über „Regionalen Wohlstand“ von Prof. Martina Schäfer haben ein Jahr lang gut ein Dutzend Betriebe die Empfehlungen der Wissenschaft in eine praktische Charta umgesetzt. Die Branche konnte dabei auf die gewachsenen Beziehungen zwischen Berlin und Brandenburg bauen. So bezieht das Märkische Landbrot sein Getreide ausschließlich aus der Mark und unterhält seit Mitte der 1990er Jahre Kontakte zum Ökodorf Brodowin.

Nicht alles geht regional
Ab Oktober ist auch die zweitliebste Obstsorte der Deutschen, die Bananen, im Naturkostladen klimaneutral erhältlich. Die Bio-Bananen, die ein Fruchtimporteur aus der Dominikanischen Republik und aus Ecuador bezieht, haben als erstes Produkt in Deutschland das Zertifizierungsverfahren nach dem System „Stop-Climate-Change“ durchlaufen. Ende der letzten Woche wurden die Bananen als erstes Produkt in Deutschland klimaneutral gestellt, teilt der Bund Naturkost Naturwaren (BNN) mit.
Entwickelt wurde das System von der Georg-August-UniversitätStop Climate Change in Göttingen und ermittelt die Treibhausgasemissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das System berücksichtigt nach Aussagen von Agrarwissenschaftler Dr. Jörg Heinzemann auch die Faktoren Produktion, Lagerung und Verpackung: „Bei Stop-Climate-Change erfassen wir ... jedes Detail von der Aussaat bis zum Einkaufskorb.“ Gemessen werden auch Methan und Lachgas.
Die Zertifizierung umfasst den ganzen Betrieb, was für kleine und mittelständische Unternehmen interessant werden kann. Bis zum Jahresende wollen bereits einige Handelsunternehmen im BNN das Zertifikat erlangen.
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Nach der Fair-Regio-Charta setzen sich jetzt Erzeuger, Verarbeiter und Handel zusammen und besprechen Anbau- und Mengenpläne, damit Bauern und Handel mit verlässlichen Preis- und Mengenangaben langfristig arbeiten können. Aktuelle Preissteigerungen kommen bei dieser Initiative auch tatsächlich bei den Erzeugern an, bestätigt Peter Krentz aus dem Ökodorf. Nach Philosophie der LPG werden die Gewinnspannen bei Grundnahrungsmittel für Verbraucher klein gehalten. „Die 10 bis 11 Prozent bei Brot reichen gerade zum Auspacken“, meint Geschäftsführer Werner Schauerte. Kinderprodukte würden nahezu zum Selbstkostenpreis abgegeben. Gewinne werden über den Verkauf von Luxusgütern erzielt.

Direkte Einkommensübertragung
Es ist die alte Frage: Billig beim Discounter einkaufen und Steuergelder für die Finanzierung des ländlichen Raumes aufbringen – oder gleich etwas mehr bezahlen und die Wirtschaft direkt unterstützen?
Für Peter Krentz keine Frage. Nur rund 27 Einwohner leben auf einem Quadratkilometer nördlich von Berlin. Trotzdem warten in Brodowin morgens rund 40 Kinder auf den Schulbus. Hier lebt das Land.
Die konventionelle Tierhaltung beschäftigt 1,7, die konventionelle Pflanzenproduktion sogar nur 0,7 Arbeitskräfte auf 100 Hektar. Das Ökodorf Brodowin stellt inklusive Verarbeitung 4,7 AK/100 ha in Lohn und Brot.
Der Berliner Handel registriert, dass Verbraucher immer stärker nach Produkten aus Brandenburg fragen. Das Siegel „fair & regional“ füllt diese Lücke. Es bedient, so Weckmann, ein eigenes Nachfragesegment in der Biobranche.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) hatte im Sommer kritisiert, dass die meisten Bundesländer im vergangenen Jahr keine Anträge auf Umstellung auf Öko-Landbau bewilligt haben. Wegen des anhaltenden Ökobooms müssen immer mehr Biowaren aus dem Ausland importiert werden.
Das hat sich jetzt zwar geändert, aber Thomas Dosch vom Anbauverband Bioland forderte letzte Woche die Agrarministerkonferenz auf, mehr Geld und weitere Sofortmaßnahmen zur Ausweitung des Biolandbaus zur Verfügung zu stellen. Das stärke die Wettbewerbskraft der heimischen Landwirtschaft und verbessere die Chancen der heimischen Ernährungswirtschaft.
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Am Samstag zierten Sonnenblumenkernöl aus Brandenburg, Roggenmehl und eine Kalbsteewurst den Tisch. Trotzdem ist Getreide noch die Hauptwarengruppe der Initiative. Einmal ist es derzeit noch am leichtesten umzusetzen, zum andern steht die Initiative noch am Anfang.
regional und fairZu den Herkunftsbestimmungen zählt auch das ambitionierte Ziel, dass die Tiere in der Geflügelfleischerzeugung spätestens ab einem Alter von einer Woche in der Region Berlin-Brandenburg gehalten werden.
Hier soll die Charta einen Anreiz für Investoren geben, Berlin mit regionalen Produkten zu versorgen. Die Biolandwirtschaft hat nach Aussage von Michael Wimmer von der Fördergemeinschaft
Ökologischer Landbau
gerade einen Paradigmenwechsel hinter sich gebracht. Musste vor kurzem Ökomilch noch wegen fehlender Absatzmöglichkeit konventionell vermarktet werden, so kommen die Bauern mit der Produktion kaum noch nach. Und die regionale Charta sichert und kanalisiert den Absatz.

Besichtigen Sie die Betriebe
Neben den nachhaltigen Handelsbeziehungen und sozialen Kriterien bietet die Initiative den Verbrauchern ein großes Maß an Transparenz. Die Charta fordert die beteiligten Unternehmer „zu einer offensiven Unterstützung der Kommunikationsbemühungen“ auf. Unter www.fair-regional.de finden Sie alle Adressen der beteiligten Betriebe. Vereinbaren Sie einen Besichtigungstermin. Schauen Sie nach.

Roland Krieg;

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