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Der Brexit-Grinch trägt Zombie-Unternehmen aus

Handel

UK-Wirtschaft auch ohne Brexit in Gefahr

Heute sollte eine der wichtigsten Abstimmungen Großbritanniens, der EU und der Welt fallen. Das britische Unterhaus stimmt über den Brexit-Deal von Premierministerin Theresa May ab, den sie mit der EU ausgehandelt hat [1]. Es geht nicht nur um die Frage, ob Großbritannien in der EU bleibt, es geht mit der EU um einen der größten Wirtschaftsräume der Welt, dem ein Nettozahler verloren geht, sondern auch um die Neuausrichtung Großbritanniens auf neue Handelspartner, was die Architektur des Welthandels verschiebt.

„Tomorrow“

Bei Verlesung der heutigen Tagesordnung am Montagabend rief die Regierungsbank „Tomorrow“. Damit wurde die Brexit-Abstimmung, selbst sogar die Abstimmung über eine Verschiebung, auf unbestimmte Zeit verschoben. Offizieller Grund ist die Rücknahme des so genannten „Backstop“, der Verbleib in der Zollunion, aus der Großbritannien austreten will. EU-Ratspräsident Donald Tusk hat sofort reagiert und das Abkommen als nicht weiter verhandelbar bezeichnet. Das Votum wird auf Grund der kommenden Feiertage wohl erst im Januar stattfinden. Der Termin für den Austritt am 29. März bleibt bestehen. Am späten Montagabend diskutierte das Unterhaus die Vorbereitung britischer Unternehmen für einen „harten Brexit ohne Deal“ zur Weihnachtszeit. Brexitminister Stephen Barclay lehnte außerdem eine einseitige Aufkündigung des Artikels 50 für den Austritt mehrfach ab.

Das Unterhaus wird am Dienstagmorgen statt über den Brexit abzustimmen, über die Energiearmut diskutieren. Ohne Theresa May. Die trifft sich heute mit dem niederländischen Premierminister Mark Rutte in Den Haag. London wird sich in dieser Woche neu sortieren, ob es neues Referendum, eine Neuwahl oder einen Brexit gibt.

EuGH ohne Bedeutung

Zwar hat der Europäische Gerichtshof am Montag festgestellt, dass die Briten auch einseitig, den Brexit rückgängig machen könnten – doch steckt viel mehr europäischer Wunsch als britische Realität dahinter. Umweltminister Michael Glove (Brexiteer) unterstrich gleich nach dem Urteil, dass es nichts an den britischen Austritts-Plänen ändere.

Die Befürworter für den Ausstieg haben sich in den letzten Monaten keine Schwäche gegeben. Die EU-Verbleiber haben sich zwar auch stark gezeigt, doch wie immer das Votum heute, morgen oder bis Weihnachten ausgeht: Großbritannien hat seine Einigkeit verloren und sieht finstersten Zeiten entgegen.

Rezession auch ohne Brexit?

Der Grinch, die schaurige Fantasiefigur zur Weihnachtszeit, hält an der Downing Street Nr. 10. Der Brexit-Grinch legt jedoch auch ohne Austritt ein fatales Geschenk auf die Schwelle der britischen Wirtschaft. Die leidet seit Jahren unter Zombie-Firmen und ist in hohem Maße von ausländischen Firmen abhängig.

Investoren fürchten weniger den Brexit, als die Rezession auf der Insel. Großbritannien hat sich seit der Finanzkrise nach Einschätzung von Ökonomen nie richtig erholt. Zwar habe die Bank of England die Wirtschaft stimuliert, aber das Investment blieb schwach, das Wachstum der Produktivität nahezu wertlos. Lag das Wachstum vor der Finanzkrise 2008/2009 bei zwei Prozent, lag es in den letzten zehn Jahren bei einem halben Prozent, zitieren britische Medien das Büro für Haushaltsverantwortung.

Damit steht Großbritannien nicht alleine da. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank hat in den vergangenen Jahren zahlreiche „Zombie-Firmen“ hervorgebracht. Das sind Firmen, die nur durch Verschuldungen in Phasen des Niedrigzinses existieren. Das Einkommen deckt noch nicht einmal den Cash-Flow. Nach Analyse der Bank for International Settlements (BIS) ist die Zahl der Zombie-Firmen in 14 Industrieländern von zwei Prozent in den 1980er Jahren auf 12 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. Die britische Fathom Consulting sieht gerade britische Firmen die Abhängigkeit von niedrigen Zinsen.

Im Vergleich zu britischen Firmen haben ausländische Großkonzerne im Königreich und der britische Mittelstand  gegenüber dem deutschen Vorbild eine zwei- und dreimalig schlechtere Produktivität. Die Zahlen stammen aus der Analyse des Office for National Statistics im Sommer 2018. Die ausländischen Firmen haben den britischen Unternehmen die bedeutendsten Fachkräfte abgenommen.

Ohne ausländische Unternehmen falle die britische Wirtschaft nach dem Brexit im Wettbewerb hinter dem Ausland zurück, zitiert The Guardian Jonathan Haskel von der Bank of England. Die Briten seien daran selbst schuld. Die traditionellen Unternehmen haben sich in der dritten und vierten Generation mehr um ihren Ruf und Bewahrung des Geschäftsmodells gekümmert, als sich neu zu erfinden. Nach dem Ökonom John Van Reenen weist Großbritannien mehr schlecht geführte Unternehmen als die USA auf.

Die Analyse geht von einem früheren oder späteren Zusammenbruch des wirtschaftlichen Kartenhauses aus. Der Brexit wirke mehr als Brandbeschleuniger.

Zentrifugalkräfte

Großbritannien eint neben England und Wales noch Schottland und Nordirland. Am Sonntag tauchten Gerüchte über eine Verschiebung der Brexit-Abstimmung im britischen Unterhaus auf, wurden wieder klar dementiert, am Montagnachmittag aber durch neue Quellen aus dem Parlament hervorgebracht. Am Montag flipperte das einstige Weltreich stündlich gegen neue Bumper, die den Ball ins Spiel zurückwerfen. Gegen 13:00 Uhr britischer Zeit meldete sich die schottische Premierministerin Nicola Sturgeon. Sie bezeichnete die britische Politik als aus der Bahn geworfen und forderte die Regierung zum Rücktritt auf. Die Verschiebung der Abstimmung solle nur Mays Job retten. Sie betonte, dass die Schotten überwiegend in der EU verbleiben möchte, ohne auf ein zweites Referendum oder der Abspaltung Schottlands hinzuweisen. Sturgeon hat via Twitter die Labour-Partei zu einem Misstrauensantrag gegen die Regierung aufgefordert, den sie unterstützen würde.

Lesestoff:

[1] EU erfreut, Brexiteers verärgert: https://herd-und-hof.de/handel-/hilft-eu-zufriedenheit-may-beim-brexit.html

Roland Krieg

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