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Der Süden wird wichtiger als der Osten

Handel

Der Maghreb bietet sich als neuer Wirtschaftsraum an

Vergangenen Mittwoch haben der Euro-Mediterran-Arabische Länderverein (EMA) und die ältere Schwesterorganisation „Institut für Wirtschaftsperspektiven im Mittelmeerraum“ (IPEMED) auf dem 3. Maghreb-Forum in Berlin einen Kooperationsvertrag unterschrieben. Die Hamburger EMA und IPEMED wollen künftig gemeinsam ihre Wirtschaftskontakte in die MENA-Region (Middle East and North Africa) bündeln. Im Fokus standen die Maghreb-Staaten, von denen Marokko und Tunesien mit großen Gemeinschaftsständen und Algerien mit zwei Einzelauftritten auf der Kölner ANUGA Präsenz zeigen.

Nordafrika gilt als Wirtschaftsraum der Zukunft und EMA-Präsident Christian Wulff will aus dem Mittelmeer eine Brücke zwischen der EU und dem Maghreb machen. Die Wirtschaft ist oft schneller als die Politik, ergänzte IPEMED-Generaldelegierter Jean-Louis Guigou. Zwischen Maghreb-Forum und ANUGA erhielt das Quartett für den nationalen Dialog den Friedensnobelpreis. Was als Ermunterung für die Zivilgesellschaft im brüchigen arabischen Frühling gedacht ist, unterstützt auch die wirtschaftlichen Fäden zwischen Nordafrika und Europa. Der marokkanische Hafen Tanger Med gilt schon als „Rotterdam Afrikas“ und die Industrieregionen, die Marokko für die ausländische Wirtschaft anlegt, bezeichnete Guigou schon als „Ruhrgebiet Nordafrikas“.

Was bei der Automobilindustrie schon gut funktioniert, will Marokko mit seinem „Grünen Plan“ auch in der Landwirtschaft umsetzen. Seit 2010 fördert das Königreich die Landwirtschaft mit zwei Säulen. Die eine fördert Kleinbauern und Kooperativen auf dem Land als Beitrag für die ländliche Entwicklung, die andere fördert die großen Betriebe, die den Exportmarkt im Visier haben. Dem Königreich ist der Plan zehn Milliarden Euro wert. Neben der Verdoppelung des landwirtschaftlichen BIP soll der Exportwert künftig auf über vier Milliarden gesteigert werden. Derzeit braucht die Landwirtschaft keine Steuern zu zahlen. Die zweite Säule ist schon so erfolgreich, dass sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe erhöht hat. Vor allem junge Menschen gehen wieder zurück aufs Land und bauen ihr Agribusiness auf. Regionale Entwicklungsagenturen sorgen dafür, dass Getreideflächen, die sich als ungünstig erwiesen haben, beispielsweise mit Olivenbäumen aufgewertet werden. Jede Kooperative kann das umsetzen, was sie am erfolgreichsten kann und wird bei Verarbeitung und Vermarktung unterstützt. Bei hochwertigem Arganöl bieten sich den Kooperativen, die oft von Frauen betrieben werden, auch Exportmöglichkeiten.

Das Wirtschaftsdefizit des Maghreb ist im Bereich der Landwirtschaft mit 25 Millionen US-Dollar sehrt hoch. Marokko, Algerien und Ägypten sind große Getreideimporteure. Europa hat als Exporteure in den letzten Jahren diesen Weg verpasst und verliert Marktanteile an die USA, Kanada und Brasilien. Diese liefern schon rund zwei Drittel der Nahrungsmittelimporte. Dabei können die Länder mehr Nahrungsmittel selbst erzeugen – wenn die Bewässerung stimmt. Und die Zusammenarbeit mit der Ernährungsbranche in Europa.

Marokko

Seit der ANUGA 2013 sind 50 Prozent mehr marokkanische Exporteure auf der ANUGA. Neben Fischkonserven, traditionellem Couscous und Obst und Gemüse bietet das Land ein breites Sortiment an. Deutschland gilt neben Frankreich als wichtigster Markt in der EU. Die Exporte an den Rhein betrugen 2013 rund 1,63 Milliarden Euro. Frischgemüse stellt mit 97 Millionen Euro den wichtigsten Agrarexport dar. Gefolgt von Fisch und Fischzubereitungen mit 29 Millionen, Frischobst ohne Südfrüchte mit 16 Millionen und Obstzubereitungen und –konserven mit 14 Millionen Euro. Zitrusfrüchte gelangen im Wert von 4,8 Millionen über das Mittelmeer.

Die Landwirtschaft in Marokko hat mit 15 Prozent einen hohen Anteil am Bruttosozialprodukt. Die Branche wächst jährlich mit vier bis fünf Prozent, warb Omar Zniber, der Botschafter des Königreichs auf dem Maghreb-Forum. Knowhow, Auslandsinvestitionen können für französische und deutsche Firmen zu einem interessanten Brückenschlag werden. Für Marokkos Exportbusiness sind Verarbeitungsmaschinen, Kühltechnik und Bewässerungsanlagen wichtig. Auf der großen Agrarmesse in Meknes werden 25 Prozent der Kooperationsverträge abgeschlossen, berichtet Zniber.

Tunesien

Trotz der Anschläge gibt Tunesien seinen Weg nicht auf. Mohamed Fadhel Hassayoun, Direktor für bilaterale Beziehungen im tunesischen Entwicklungs- und Investitionsministerium, sagte in Berlin, die jetzige Phase Tunesiens ist die der Wirtschaft und Dezentralisierung. Mit dem Assoziationsabkommen mit der EU und weiteren bilateralen Vereinbarungen soll der ländliche Raum stabilisiert werden.

Dort ist mit 15 Prozent die Arbeitslosenquote noch sehr hoch. Im letzten Jahr haben sich 20 deutsche Firmen neu in Tunesien angesiedelt. Tunesien ist der weltgrößte Dattelexporteur. Daneben ist tunesisches Olivenöl in Deutschland bestens bekannt. Beide Warengruppen sind auf der ANUGA wiederholt gut vertreten.

Algerien

Das Nachbarland Marokkos hat nahezu zeitgleich einen landwirtschaftlichen Entwicklungsplan aufgelegt. Neun Millionen Hektar Ackerfläche, von denen zwei Millionen bewässert werden können den Importbedarf für landwirtschaftliche Erzeugnisse reduzieren. Neben der Ernährungssicherung, der Stärkung des ländlichen Raumes, gehört auch der Agraressport zu den Zielen der Regierung. „Wir wollen mehr und besser produzieren“, sagte Nor-Eddine Aouam, algerischer Botschafter in Berlin. Offen für ausländisches Kapital sind Kühllagerhaltung und Fleischverarbeitung. Algerien weist derzeit rund eine Million Kubikmeter Kühlraum auf. Von den 19 Millionen Rindern stammen zwei Drittel aus Europa. Vor zwei Wochen erst hat die Regierung eine Vereinfachung des Finanzrahmens für ausländische Investoren verabschiedet. Selbst die Übernahme von landwirtschaftlicher Fläche und Infrastrukturen sind mittlerweile möglich. Auf der ANUGA ist Algerien derzeit nur mit zwei Ständen aktiv: Die Datteln gehören zum Standardangebot aus den arabischen Ländern. Im Wettbewerb mit anderen Dattelständen muss Algerien keinen Wettbewerb fürchten.

Die Firma Mateg ist der erste Margarinenproduzent Algeriens. Das Produktsortiment rund um den pflanzlichen Aufstrich hat die Firma im Jahr 2000 in den Binnenmarkt eingeführt und stellt auch auf der ANUGA 2015 aus. Bislang exportiert Mateg seine Produkte überwiegend in andere afrikanischen Staaten. Die Produktionskapazität liegt bei 10,5 Tonnen in der Stunde. Angereichert mit Omega-3-Fettsäuren und Vitamin E würde einige Produkte auch in europäische Regale passen.

Produkte und Investitionen

Gerade die ANUGA bietet den Ländern eine gute Möglichkeit neue Exportmärkte zu eröffnen. Umgekehrt können Firmen aus dem Agribusiness in die geförderte Exportlandwirtschaft exportieren. Auf dem Maghreb-Forum haben die arabischen Ländern deutlich gemacht, dass sie nicht nur als Kunden, sondern als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen werden wollen. Investoren sollen den heimischen Firmen auch helfen, Produkte in heimische Supermärkte wie Carrefour unterzubringen. Mit Europa und Nordafrika treffen zwei Geschwindigkeiten aufeinander. Die Botschafter haben in Berlin gesagt, dass sich die arabischen Partner an die Geschwindigkeit der Deutschen Firmen angleichen sollten. Dirk Ahlers, Aufsichtsratsvorsitzender von der Frosta AG, berichtete über einzelne Geschäftsprojekte, die im Maghreb zu keiner langfristigen Bindung geführt haben. „Die Chancen sind aber vorhanden“, sagte er. Vor allem TK-Ware kann die Verfügbarkeit von Frischware in den Ländern deutlich steigern. Es muss also nicht nur um die Investition in das Exportbusiness gehen. Die Bevölkerung im Maghreb ist sehr jung, beschreibt Heiko Wildner aus dem Bundeswirtschaftsministerium die Perspektiven für den Binnenmarkt. In den letzten 25 Jahren ist die Bevölkerung um die Hälfte angewachsen. In den nächsten zehn Jahren brauchen die Länder 22 Millionen neue Arbeitsplätze. Erst wenn das gelingt, kann die demografische Dividende des Bevölkerungswachstums genutzt werden.

Allerdings ist die Wirtschaft der Maghreb-Länder oft von der Konjunktur in Europa abhängig. Die Länder müssen ihre informellen Märkte verkleinern, ihre Exporte diversifizieren und das Steueraufkommen erhöhen. Aus maghrebinischer Sicht müssen sich nicht nur europäische Firmen auf den Weg über das Mittelmeer machen. Die EU muss mittelfristig ihre Assoziierungsabkommen mit den nordafrikanischen Ländern ernsthafter umsetzen. So müssten Exportquoten und Importzölle in der EU fallen.

Die Länder selbst haben noch verschiedene Wege vor sich. Beispielsweise ist der Intra-Handel im Maghreb noch sehr ausbaufähig. Ein positives Beispiel ist die Al Naseem Molkerei in Libyen. Sie beliefert nicht nur zu 70 Prozent den eigenen Markt, sondern stellt auch 25 Prozent der Milch- und Molkereiprodukte in Tunesien.

Jean-Louis Guigou von der französischen IPEMED sagte in Berlin den bedeutendsten Satz: „Der Süden ist für Europa mittlerweile wichtiger geworden als der Osten.“ Das zeigt auch die ANUGA 2015

Roland Krieg

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