Deutschland: 100 Prozent Bio!?

Handel

BÖLW: Realität in der Utopie

Jetzt hat die Ökobranche die Bodenhaftung ganz verloren? Lange her sind die Zeiten, als die erste grüne Bundeslandwirtschaftministerin noch nur 20 Prozent Bioanteil als realisierbare Vision postulierte – und der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) wagte als Motto seiner Herbsttagung 2006 das „Ganze“ als „Perspektive für Deutschland“ ohne Fragezeichen einzufordern? Nicht als Vortragsveranstaltung, sondern als Workshop, gestaltete gestern der BÖLW seine Jahrestagung in Berlin und fand als Auftakt für ein Forschungsprojekt die Branchenstandpunkte zwischen Ökonomie, Ökologie, Soziologie und Kultur.

Komplexes Gebäude
Bis zum Abend fanden sich die vielen unterschiedlichen Fragen und Wünsche wieder, die unter einen Hut gebracht werden wollen. Bei der Perspektive geht es nicht nur um den Ökolandbau, sondern auch um ein aufwändiges Menschenbild, einem „Ernährungssystem von der Wiege bis zur Bahre“, der Aufgabe der ökologischen Verbände, der Ausgestaltung der Förderpolitik, dem internationalen Handel und auch um den Schutz für 100 Prozent Bio in Deutschland.

Die Ökologisierung der Landwirtschaft hat für Bioland-Vorstand Thomas Dosch begonnen, weil Wasserwerke beginnen, den Ökolandbau zu unterstützen, weil das preiswerter ist, als die Reinigung des Wassers aus der konventionellen Landwirtschaft. 300 Regenwürmer je Quadratmeter schaffen ein Porenvolumen im ökologischen Boden, dass in einer Stunde 150 Liter Wasser aufnehmen kann. Das ist praktizierter Hochwasserschutz. Bayern komme nur auf 30 Würmer je qm.
Kongress „Entwicklung der ländlichen Räume“ der grünen Bundestagsfraktion

Dabei scheint es, dass die internen Faktoren für die Vision „100 Prozent Bio“ ausreichen. „Es müssen die externen Faktoren geändert werden“, forderte Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des BÖLW. Solange die Kosten der konventionellen Landwirtschaft von allen getragen werden, sei das aber schwer zu erreichen.
Mikroökonomisch sei die Wahl für die ökologische Landbewirtschaftung leicht darzustellen. Auch für die Makroökonomischen Ziele Umwelt und Klima hat die Branche „sichere Argumente“, fasste Dr. Matthias Stolze vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau zusammen. Schwieriger, aber durchaus lohnender sind die volkswirtschaftlichen Parameter Arbeit, Wohlstand und Wertschöpfung zu übermitteln.

Seit 2002 hat sich nach Angaben von Uwe Brendle (BfN) der Nachhaltige Tourismus rasant entwickelt. Die Zahl der Lizenznehmer hat sich bis zum Juli 2006 von etwa 50 auf 500 erhöht. Der Müritznationalpark hat mittlerweile rund 400 km Wander- und 200 km Radwanderwege. Das Gesamtangebot an Naturerlebnis-Aktivitäten lockt jährlich 300.000 Besucher an die Seen. 2004 betrug der Bruttoumsatz 13,4 Millionen Euro und schaffte und erhielt 628 Arbeitsplätze.
Kongress „Entwicklung der ländlichen Räume“, ebenda

Man könne die Weiterentwicklung des Ökobereichs dem Markt und daher der Wahl des Verbrauchers überlassen, oder die allgemeine Ökologisierung abwarten, aber auch auf politische Vorgaben setzen, resümierte Dr. Stolze weiter. Man müsse die Strategie wählen, die am effizientesten erscheint.

Das richtige Bild vom Bauernhof
Es gibt offenbar aktive und passive Faktoren, die das Wachstum der Ökobranche bestimmen. Den passiven könne man auf die Sprünge helfen, wenn es gelänge, den Menschen „die Idee“ näher zu bringen, wie ein Teilnehmer formulierte. Man müsse ein richtiges Bild vom Bauernhof haben und das Bild als Ganzes transportieren. Armin Kullmann vom Institut für ländliche Strukturforschung weiß auch schon konkretes: Der Begriff Regionalität alleine reich nicht mehr. Man müsse den Kunden mehr „Storys, mehr Gesichter“ anbieten. Eine neue Form der Direktvermarktung. Sehr viel werde schon erreicht, wenn 1.000 Ganztagsschulen oder Betriebskantinen umgestellt werden könnten.

„Die Ertragslage der ökologisch wirtschaftenden Betriebe hat sich weiter verbessert. Im Durchschnitt der ökologisch wirtschaftenden Betriebe nahmen die Gewinne gegenüber dem Vorjahr um 14,6 Prozent zu. Die ökologisch wirtschaftenden Betriebe erwirtschafteten im WJ 2004/05 Gewinne je Unternehmen in Höhe von 40.602 Euro, diese sind 21 Prozent mehr als die Betriebe in der Vergleichsgruppe der konventionellen Betriebe.“
Agrarpolitischer Bericht 2006 der Bundesregierung

Es scheint es aber schon so zu sein, dass der „richtige Reflex“ bei Verbrauchern und Medien bereits vorhanden ist. Bei jedem Lebensmittel- und Umweltskandal wissen beide, den Ökosektor als Alternative anzugeben und zu nutzen.
Kullmann wies darauf hin, dass das Bundesprogramm Ökolandbau in dem „historischen Zeitfenster“ der BSE-Krise entstanden ist. „So etwa lässt sich nicht vorhersagen.“
Bleibt also nur das „pathologische Lernen“?

„Man muss den Löffel haben, wenn es Suppe gibt“
Diese Binsenweisheit Kullmanns könnte die Branche im Sessel sich zurücklehnen lassen. So rief Prof. Dr. Ulrich Köpke vom Institut für Organischen Landbau der Uni Bonn auch zu Geduld auf. Der partikuläre Demokratieprozess lasse keine Verordnung von oben zu. „Noch nicht einmal den Biokunden könne man kategorisieren“, stellte er für die Marktforscher fest. Während ein Betrieb innerhalb von zwei Jahren rechtsmäßig auf den Ökolandbau umgestellt ist, verlaufen Veränderungsprozess in der Gesellschaft, gerade wenn es um Gewohnheiten geht, langsamer ab. Er plädiert für ein organisches Wachstum.
Schließlich gibt noch viele Unwägbarkeiten. So seien Prognosen immer noch unscharf, ob Umweltleistungen des ökologischen Landbaus unter den neuen Wettbewerbsbedingungen erhalten bleiben. Ein Öko-Protektionismus, wie er gelegentlich gefordert wird, sei zudem unfair gegenüber den Entwicklungsländern. Auch Kullmann will keine „Ökofestung Europa“.
Konflikte beinhaltet zudem das Thema Bioenergie: Es könnte gerade bei niedrigeren Erträgen im Ökolandbau eine Konkurrenzbeziehung zwischen nachwachsenden Rohstoffen und der Nahrungsmittlerversorgung geben. Und angesichts der aktuellen Situation bei den Menschen, die sich nicht mehr in der Mittelschicht halten können, bleibe auch die Frage, ob sich alle Menschen faire Erzeugerpreise überhaupt leisten können. Die Ökobranche müsse ihren Platz in der wachsenden sozialen Disparität noch finden. Belastbare Studien darüber gebe es noch zu wenig.

Neue Demeter-Projekte in Ungarn, Polen, Tunesien und Indien
Das weltweite Demeter-Sortiment erhält Zuwachs durch die Produkte von drei neun anerkannten Demeter-Betrieben. Das Angebot erweitert sich durch Getreide, Datteln und Tee. Das Interesse an einer Umstellung des Betriebes auf die Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise nahm vor allem in Osteuropa stark zu. Der ungarische Ackerbaubetrieb von Betriebsleiter Pongracz erhielt die Demeter-Anerkennung. Auf 793 Hektar werden Getreide und Saaten angebaut sowie Futterbau für Schafe und andere Tiere betrieben.
Aus: Pressemitteilung Demeter 29.09.06

Der BÖLW möchte darüber weiter diskutieren. Geschäftsführer Dr. Alexander Gerber verspricht, dass bis Jahresende die Materialien des Workshops auf www.boelw.de allen zugänglich gemacht werden.

Roland Krieg

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