Die Kellerkinder der Biostoffe
Handel
Ist Glycerin ein Verbraucherthema im Biosektor?
Die nach ökologischen Standards produzierte Tomate ist „Bio“. Der Satz ist plausibel und für die meisten Verbraucher verständlich. So verhält es sich auch mit der Kokosnuss. Und dem Kokosnussöl. Aber wie verhält es sich mit Glycerin oder Tensiden? Da steigen schon viele Verbraucher aus, zumal viel chemisches Verständnis notwendig wird, um die Zusammenhänge zu verstehen:
„Grüne Chemie“
In der Kosmetik gibt es keine Creme ohne Emulgatoren,
keine Shampoos ohne Tenside. Stoffe, die konventionell entweder aus der
fossilen Kohlenstoffchemie hergestellt werden oder aus dem Massenprodukt
Palmöl. Palmöl, für das mitunter auch Regenwald gerodet wird, geht zu 24,2
Prozent in die kosmetische Industrie1).
Erzeugt die grüne chemische Industrie Glycerin aus
ökologischem Kokosnussöl, dann hat sie einen großen Hebel in der Hand. Für eine
Tonne Glucose braucht die Cremer Oleo in ihrem Wittenberger Werk der Prignitzer
Chemie 7,3 Liter Kokosnussöl. Wer also auf dieses Glycerin zurückgreift, der
erzwingt auch einen ökologischen Anbau von Kokosnüssen oder Palmöl. Doch ist
das ein Naturstoff, oder nur ein natürlicher Stoff und bleibt er es, wenn er
aus der Verseifung von Ölen und Fetten hergestellt wird?
Diesen schwierigen Fragen ging ein Fachsymposium auf
der BioFach nach und lenkte damit den Blick auf Stoffe, die Ralf Kunert vom
Kosmetikhersteller Wala als „Kellerkinder“ der Biobranche bezeichnete.
Definitionen im Wandel
„Cosmetic is no food“, unterstrich Harald Dittmer vom
BDIH, dem Bundesverband der Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel.
Daher gilt für kosmetische Stoffe auch ein eigenes Standardwerk2).
Für den Biobereich sind außerdem noch bestimmte Verfahren definiert, die als
„bio“ gelten, wie zum Beispiel die Verseifung oder die Hydratisierung.
Wer sich auf die Zulassungsfragen einlässt, der wird
bald zwischen physikalisch erzeugten Agar-Rohstoffen und chemisch erzeugten
Agrar-Rohstoffen unterscheiden lernen. Der Kosmetikhersteller Natrue hat
gezeigt, dass werkseigene Definitionen den Markt in Schwierigkeiten bringen
können.
Vincent Letetre, Technischer Direktor von Natrue
berichtete über die Ausrichtung der Stoffklassifizierung an die
Verbrauchererwartungen. Wann gelten Stoffe als „organisch entstanden“ oder als
„entstanden aus organischen Ausgangsstoffen“? Das Glycerin aus Kokosnussöl fiel
durch eine Neuordnung in eine „falsche Klasse“ und der Markt für „ökologisches
Glycerin“ brach zusammen, erläuterte Ulrike Ehses von Cremer Oleo.
Es gibt noch untereinander viel Aufklärungspotenzial,
wann welcher Stoff ab wann noch als „natürlich“ gilt, wobei es auch eine Frage
des Marktes ist. Man könne den Verbrauchern zwar plausibel erklären, dass ein
Bioöl doppelt so teuer ist, wie ein konventionelles, aber beim Werkstoff
Glycerin versagt die Kommunikation.
Das hängt auch mit der Verwendung zusammen. So stecken
in Cremes nur drei Prozent Glycerin, in Shampoos dagegen bis zu zehn Prozent.
Eine Preissteigerung, die vor allem vor dem Hintergrund des billigen
konventionellen Rohstoffes nur schwer vermittelbar ist, trage der Verbraucher
nicht, so ein Ergebnis der Diskussion.
Zudem müssen sich wie in der konventionellen Chemie
alle erzeugten Stoffklassen in den Chemiewerken tragen. Wenn es nur einen Markt
für Bio-Glycerin gibt und die anderen Stoffe nicht verwendet werden, dann
rechnet sich die „grüne Chemie“ auch nicht.
Lesestoff:
1) Die Nutzung von Palmöl
Roland Krieg
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