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Die Kosten der Gentechnikfreiheit

Handel

Ökonomische Betrachtung aus England

>Die Grüne Gentechnik ist umstritten und wird von der Mehrheit der Verbraucher in Europa abgelehnt. Weltweit hingegen steigt die Anbaufläche gentechnisch veränderter Organismen (GVO) und Europa wird sich fragen müssen, wie es sich dagegen wehren will. Gentechnik-frei: Mittlerweile ist das Etikett ein Markenzeichen geworden, an dem sich die Verbraucher orientieren können. Drei Wissenschaftler von Agricultural Biotechnology Europe haben in einer im September veröffentlichten Studie die Kosten zusammen getragen, die für eine Politik ohne Gentechnik anfallen würden.

Weltweit vier GVO-Pflanzen von Bedeutung
Soja, Mais, Baumwolle und Ölraps sind die vier Feldfrüchte, die weltweit am meisten als GVO angebaut werden. 51 Prozent des Soja, 12 Prozent des Maises, 24 Prozent der Baumwolle und 15 Prozent des Ölraps sind gentechnisch verändert. Im weltweiten Handel hingegen steigen die Prozentanteile der GVO auf 90, 80, 45 und 70 Prozent. Dabei sind verarbeitete Produkte bereits eingerechnet. Im Bereich des Soja nutzt die EU meist importierte Produkte, während sie bei den anderen Früchten auf heimische Produktion zurückgreifen kann, die nicht gentechnisch verändert angebaut werden.
Landwirtschaft, Verarbeiter und Verbraucher fragen gezielt nach GVO-freien Waren, die am Gesamthandel einen Anteil von 17 Prozent bei Soja und bis zu 29 Prozent bei Mais haben. Dieser Anteil muss gentechnisch frei sein und daher entsprechend gekennzeichnet und überwacht werden.
Erlaubt ist ein Anteil von bis zu 0,9 Prozent GVO-Anteil, wodurch Soja in den letzten beiden Jahren etwa fünf Prozent teurer war als GVO-Soja. Sinkt der erlaubte Anteil auf 0,1 Prozent, was in der Diskussion ist, wird dieses Soja bis zu 10 Prozent teurer als GVO-Soja, so die Studie in ihrer Prognose.

Brasilien
Das weltweit meiste GVO-freie Soja stammt überwiegend aus brasilianischer Produktion. Die Autoren der Studie sehen jedoch einen Rückgang, weil die Bauern mit GVO-Soja zwischen 23 und 56 €/ha oder 10 bis 24 €/Tonne mehr Gewinn erzielen können. Deswegen gibt es einen regen Schmuggel mit GVO-Saatgut aus Argentinien, dem die brasilianische Regierung mit einer Ausweitung der eigenen Produktion in den nördlichen Bundesstaaten entgegnen will. Sollten die brasilianischen Bauern aus ökonomischem Interesse GVO-freies Soja anbauen wollen, so müsste der Verbraucherpreis in Europa für diese Produkte bis um das vierfache ansteigen, um einen entsprechenden Effekt am Hoftor in Lateinamerika zu erzielen.

Welche Produkte steigen im Preis?
Für zahlreiche Produkte, bei denen der Anteil GVO gering ist, wird es nur kleine Kostensteigerungen geben. Dazu zählen Schokolade, Kuchen, Pizza und Fertiggerichte.
In der Margarineindustrie hingegen steigt der Anteil überdurchschnittlich um 16 Prozent, so die Studie.
In der EU werden 36,8 Millionen Tonnen Sojamehl für die Geflügelmast gebraucht. Davon müssen etwa 36 Prozent GVO-frei sein. Für diese Bauern steigen die Futterkosten um zwei und sinken die Gewinne um sieben Prozent.
In den nächsten Jahren werden für GVO-freies Soja europaweit zwischen 41 und 129 Millionen Euro zusätzlich aufgewandt werden, was die Gewinne um bis zu 29 Prozent schmälert. Damit die Produktion wirtschaftlich nachhaltig bleibt, müssen die Verbraucher für Geflügel mit gentechnisch freiem Sojafutter mehr bezahlen.
Neben den Futterkosten fallen für Betriebe und Handel zusätzlich noch weitere Kosten an: Je nach Geschäftsumfang und Komplexität des Produktes können sie umfangreicher werden. Es muss ein gesonderter Einkauf stattfinden, ein eigenes Qualitätsmanagement geben und daher möglicherweise zusätzlich Facharbeiter eingestellt werden. Die Produkte müssen getestet werden und die Rückverfolgbarkeit der Chargen muss in Datenbanken über eine langen Zeitraum gewährleistet bleiben. Möglicherweise kommen Audits von externen Firmen auf die Betriebe zu, die ebenfalls Kosten verursachen.
Sind keine doppelten Transport-, Verarbeitungs- oder Lagerungssysteme vorhanden kommen Ausfallzeiten für die Reinigung der Geräte hinzu. Oder eben die Kosten für eine doppelte Auslegung.
Die Autoren folgern: „Dabei sind die Kosten für einen Wechsel zu GVO-freien Materialien kleiner als die Kosten für Verarbeitung, Lagerung und Kontrolle.“

Nachdenkenswert
Die Studie muss auch festhalten, dass es bislang nur sehr wenige Daten gibt, die Auswirkungen auf die Kosten zulassen, wenn die Produktionskette auf gentechnikfreie Produkte umgestellt oder eingestellt wird. Je nach Betrieb seien die Kosten unterschiedlich und schwer zu quantifizieren.
Letztlich werden anfallende Gelder an den letzten Händler und damit auch den Verbraucher weitergegeben. Die Verbraucher haben zur Zeit keine Chance zwischen einem GVO- und GVO-freiem Produkt im Regal zu wählen. Die Verbraucher sehen die Preisunterschiede noch nicht. Damit gibt die Studie den Statistiken über die Ablehnung der Gentechnik eine Abfuhr:
Traditionell zeigt es sich, dass Verbraucher mehr Umwelt- und Naturschutz, artgerechte Tierhaltung und faire Preise für die Bauern wollen, aber überwiegend beim Discounter kaufen. Warum solle das bei der Grünen Gentechnik anders werden? Die Studie prognostiziert auch, dass Händler bei sinkenden Gewinnspannen möglicherweise ihre Handelspolitik überdenken werden.

GVM-Produkte
Im rechtlich nicht einwandfrei geklärten Raum bewegen sich die zahlreichen Produkte, an die der Verbraucher gar nicht so oft denken will, wenn es um die Gentechnik geht: Genetisch veränderte Mikroorganismen (GVM). Die kleinen Lebewesen stellen für Lebensmittel viele Enzyme und Zusatzstoffe her. Eine Kennzeichnungspflicht für Produkte der GVM auf dem Endprodukt ist zur Zeit nicht vorgeschrieben, sofern der Mikroorganismus selbst nicht enthalten ist.
Der Enzymmarkt in Europa umfasst einen Gegenwert von rund 0,6 Milliarden Euro, was etwa einem Drittel des Weltmarktes entspricht. Die Hälfte davon wird für Lebens- und Futtermittel eingesetzt.
Beispielsweise Invertase: Das Enzym Invertase wird von dem kleinen Saccharomyces cerevisiae (konventionelle Bier- und Backhefe) hergestellt und bei Fruchtsäften, Limonaden und Konfektzucker in der menschlichen Ernährung eingesetzt. Die Studie verzeichnet, dass Invertase ausschließlich von gentechnisch veränderten Mikroorganismus hergestellt wird.
Enzyme gelten EU-rechtlich als „Zusatzstoffe“ oder „Prozesshilfen“ und dürfen nach dem Beschluss 89/107/EEC in der menschlichen Ernährung eingesetzt werden.

Die Autoren
Graham Brooks ist Agrarökonom und hat bereits verschiedene Studien über die Gentechnik veröffentlicht. Neville Craddock ist unabhängiger Berater in der Ernährungsindustrie und Professor Bärbel Kniel ist Ernährungstechnologin und beschäftigt sich mit Qualitätssystemen in der Ernährungsindustrie.
Die Studie kann unter www.pgeconomics.co.uk eingesehen werden.

roRo

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