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Ein Kunde pro Zeiteinheit ist nicht genug

Handel

Holt sich der Frischemarkt die digitale Dividende?

Finanztechnik, vor allem aber die Telekommunikation, haben gezielte Pläne für den digitalen Wandel. Auf dem Frischemarkt für Obst und Gemüse ist das nicht der Fall, reklamiert Mike Riley von der Tomra Group. Das einst in Norwegen gegründete Recyclingunternehmen stellte in den frühen 1970er Jahren den ersten Leergutautomaten für Saftflaschen auf und ist heute ein Spezialist für Sortierung und Verpackung im Frischebereich. Mike Riley arbeitet also mitten in der Wertschöpfungskette, wenn eine der Tomra-Maschinen in Kalifornien Paranüsse sortiert. Weniger Abfall in der Wertschöpfungskette und höhere Profitabilität für die Nussbauern sind das Ergebnis. Bei Walnüssen wird mit einer höheren Sortiermenge der Verpackungsaufwand reduziert.

Derzeit gewinnt die Digitalisierung auch im Frischebereich an Boden. Erzeuger, Verarbeiter, Packungsindustrie und Händler arbeiten noch mit unterschiedlichen Standards, werden aber ohne Teilnahme an der Digitalisierung die Herausforderung, zehn Milliarden Menschen mit 70 Prozent mehr Nahrung satt machen zu müssen, nicht gerecht.

Riley sieht Amazon und Alibaba als Treiber des Wandels. Alibaba will in zehn Jahren pro Tag eine Milliarde Pakete zum gewünschten Liefertermin versenden. Die beiden Internetriesenhaben die Wertschöpfung nicht verändert, sie haben die Beziehungen zwischen Erzeugern und Kunden auf den Kopf gestellt. Die Frischebranche nimmt sich noch Zeit, pro Zeiteinheit einen Kunden zu bedienen. Dieser Wert ist nicht skalierbar, erläutert Riley.

Die Erzeuger verbessern mit Hilfe der Präzisionslandwirtschaft ihre Anbaubedingungen, die Verpackungsindustrie kann Rohstoffe zeitgenau bestellen und der Handel kümmert sich um die individuelle Auslieferung zum Wunschtermin.

Damit das gelingt müssen die Daten zwischen den Stufen fließen und miteinander verzahnt werden.  Vor allem der Frischebereich ist bei Konsumenten ein sensibler Markt. Obst und Gemüse mit Gesicht versprechen Vertrauen und Regionalität. Big Data aber kann zur Vertikalisierung des Handels führen, teilt Mike Riley gegenüber Herd-und-Hof.de mit. Gerade die „Millenniums-Generation“ will die persönlichen Vorzüge mit Big Data und E-Commerce verbunden wissen. Es werde auch weiterhin familienbäuerliche Betriebe geben, aber die Mehrheit will nicht mehr auf dem Land arbeiten. Es wird an Arbeitskräften fehlen, Obst zu ernten und per Hand zu verpacken. Robotik gewinnt zunehmend Raum beim Sortieren und verpacken.  Digitale Daten können das Produkt auch über längere Transportwege begleiten und Kundenwünsche befriedigen. Moderne Kühlcontainer sind längst mit Temperaturloggern ausgestattet. Dieser Trend sei nicht aufzuhalten und wird kleine Betriebe weiter verdrängen.

Das gilt nach Riley übrigens auch für Schwellen- und Entwicklungsländer. Derzeit gibt es dort Lücken in der Internetverfügbarkeit und nur bruchstückhafte Wertschöpfungsketten. Der digitale Wandel wird in kleineren Schritten folgen – aber er werde den gleichen Weg wie in den Industrieländern nehmen.

Roland Krieg

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